Lemke-Kolumne

Tante Emma lebt

So manche Leute in Dörfern oder anderen Stadtteilen würden ihn sich wünschen: den Tante-Emma-Laden. Was die Vorzüge sind.
31.08.2019, 16:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Willi Lemke
Tante Emma lebt

Offenbar wollen immer mehr Menschen kleine Läden und Händler, weil sie die persönliche, kundennahe Atmosphäre schätzen.

dpa

So manche Leute in Dörfern oder anderen Stadtteilen würden ihn sich wünschen. Ich habe ihn an der Ecke – den Tante Emma-Laden. Er heißt auch so und hat den Zusatz „by Just“. Just steht für Jutta Steeg. Sie betreibt den kleinen Laden seit einigen Jahren. Wenn man ihn betritt, merkt man sofort: Das ist kein gewöhnlicher Laden. Wo sind schon Zeitschriften auf Bierkästen ausgelegt? Der alte Wohnzimmerschrank ist kein übliches Einrichtungsteil eines Gemischtwarenladens. Und dass darin die Kaffee-Marke Münchhausen besonders breit vertreten ist, dürfte mit der Lage im Stadtteil Schwachhausen zu tun haben. Denn der Kaffee aus einer bremischen Traditionsrösterei kostet auch etwas mehr. Aber das ist kein Laden nur für Hochwertiges. Hier kann man vieles von dem kaufen, was man täglich gebrauchen kann. Backwaren und Haushaltsartikel verschiedener Art, Fleisch- und Milchprodukte, Zeitungen und Zeitschriften, diverse Süßigkeiten und unter den Zeitschriften finden sich in den Bierkästen auch gefüllte Flaschen.

Süßkram und Sammelbilder

Sobald die Schule aus ist, trifft man hier auch Kinder. Sie finden hier den Süßkram, den sie brauchen und den das Taschengeld hergibt. Und natürlich sind auch immer Produkte mit Sammelbildern oder -figuren vorrätig. Ja, und wenn sie mal ausverkauft sind, hängt Jutta Steeg sich sofort ans Telefon und bestellt Nachschub. Damit sie auch die Bestellung den Bedarfen der Kinder anpassen kann, werden diese auch schon mal gefragt, welche Art sie besonders bevorzugen. Eine solche Prozedur, ausfragen und bestellen, kann schon ein wenig dauern. Die Kinder machen ihre Einkaufserfahrungen, auch wenn der nächste Kunde halt ein wenig warten muss. Das ist so bei Just.

Ich bin mir mit manchen Nachbarn einig, dass wir uns glücklich schätzen können, einen solchen Laden in der Nähe zu haben. Es gibt fast jede Woche die Situation, dass in der Küche oder im Haushalt etwas fehlt, das man mit dem schnellen Gang an die Ecke besorgen kann. Seit kurzer Zeit ist der Laden auch eine Paketstation. Ein gerade für ältere Menschen sehr nützliches Angebot, weil man nicht erst mit dem sperrigen Teil lange Wege gehen bzw. fahren muss. Auch Tickets für Bahn und Bus gibt es hier.

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Jutta Steeg hat ihren Laden vor einigen Jahren übernommen. Eine mutige Entscheidung, möchte man meinen, da doch kleine Läden zunehmend dicht machen und die Supermärkte allemal kostengünstiger sein können als der kleine Laden an der Ecke. Es mehren sich aber die Zeichen, dass Tante-Emma-Läden bald wieder vermehrt anzutreffen sind.

Der Name wurde in der Nachkriegszeit geprägt. In den 1950er-Jahren gab es in jedem Dorf und jedem Stadtteil einen kleinen Laden, in dem man noch persönlich bedient wurde. Auch wenn die Verkäuferin, die oft auch die Besitzerin war, nicht Emma hieß, war die Bezeichnung Tante-Emma-Laden Ausdruck dafür, dass sich die Menschen damals untereinander gut kannten.

Tante-Emma-Läden als Geschäftsidee

Mit „Tante Emma“ verbindet man Überschaubarkeit, Nachbarschaft und inzwischen vor allem auch Nostalgie. Möglicherweise auch Revival. Auf dem Land, wo viele Dörfer und Kleinstädte unter dem Mangel an Einkaufsmöglichkeiten leiden, entstehen mehr und mehr selbstorganisierte Läden, die wie die Tante-Emma-Läden ein auf den täglichen Bedarf ausgerichtetes Angebot haben und oft ehrenamtlich betrieben werden. Es gilt inzwischen aber auch als eine Geschäftsidee, für die geworben wird. So findet man im Internet Beratungsangebote für die Gründung eines solchen Ladens. Ja, auch große Handelsketten wie Rewe oder Tegut experimentieren mit kleinen Einrichtungen.

Offenbar wollen immer mehr Menschen kleine Läden und Händler, weil sie die persönliche, kundennahe Atmosphäre schätzen und auch die Möglichkeit, Nachbarn zu treffen und ein Schwätzchen zu halten. Dass „Tante Emma by Just“ trotz aller nostalgischen Elemente nicht aus der Zeit gefallen ist, kann man im Internet feststellen. Da ist sie auch präsent. Ohne Schnickschnack, aber sichtbar. Allerdings: nur wenn wir ihn oft nutzen, kann der Laden überleben. Ökologischer ist es allemal.

Info

Zur Person

Willi Lemke (73)

schreibt jeden Sonnabend im WESER-KURIER über seine Heimatstadt und was ihn in dieser Woche in Bremen bewegt hat.

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