Das BAT-Theater zeigt Sternheims Gesellschaftskomödie „Die Kassette“ im Hinterhaus der Union-Brauerei Tante Fanny und ihre giftige Erbschaft

Osterfeuerberg. Der spießbürgerliche Haushalt von Oberlehrer Krull ist aus den Fugen. Alles dreht sich nur noch um eine unscheinbare, aber reich gefüllte Schatulle.
11.05.2017, 00:00
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Von Anke Velten

Osterfeuerberg. Der spießbürgerliche Haushalt von Oberlehrer Krull ist aus den Fugen. Alles dreht sich nur noch um eine unscheinbare, aber reich gefüllte Schatulle. Sie hütet nämlich das beträchtliche Vermögen von Krulls angeheirateter und durchaus vitaler Tante Elsbeth. Das Bremer Amateur Theater – kurz „BAT“ – hat sich Carl Sternheims Komödienklassiker „Die Kassette“ vorgenommen, weil das Stück nach Überzeugung von Regisseur Patrick Oberste-Sirrenberg auch nach mehr als hundert Jahren noch nichts von seiner Bissigkeit eingebüßt hat. Und richtig witzig ist es obendrein. Am Freitag, 12. Mai, feiert die neue BAT-Produktion ihre Premiere in der Union-Brauerei.

Von allen Komödien Carl Sternheims sei „Die Kassette“ wohl die brutalste, schrieb einmal ein Theaterkritiker des Wochenmagazins „Der Zeit“. Es geht darin um Habsucht, Missgunst, Heuchelei und Kriecherei, um Intrigen und Manipulationsversuche: Um all die schlechten Charaktereigenschaften eben, wie sie nur die Gier hervorbringen kann. Die Aussicht auf die Erbschaft der reichen Tante vergiftet natürlich auch die oberflächlich heile Welt der Krulls.

Wie genau, das seziert Carl Sternheim in einer Gesellschaftssatire, die bei ihrer Uraufführung im Jahr 1912 für einen handfesten Theaterskandal sorgte. Das gutbürgerliche Münchener Theaterpublikum ereiferte sich nämlich lautstark und begann, die Schauspieler auf der Bühne nicht nur mit Beschimpfungen, sondern auch mit härteren Wurfgeschossen zu bombardieren.

Carl Sternheim, 1878 in Leipzig geboren, war Spross eines gut situierten jüdischen Hauses, abgebrochener Student, drei Mal verheirateter Frauenschwarm, Mitglied der Münchener Künstler- und Theaterszene, Freund von Max Reinhardt, Frank Wedekind und Gottfried Benn, produktiver und in der Weimarer Republik sehr erfolgreicher Verfasser von Theaterstücken und Kurzgeschichten. Er war aus denselben Gründen populär und umstritten: Der unkonventionelle Individualist Sternheim war allergisch gegen das Bürgertum seiner Zeit und entlarvte dessen Normen, Standesdünkel und Doppelmoral. Seine Werke wurden von den Nationalsozialisten verboten. Carl Sternheim starb 1942 im belgischen Exil. Der biografische Exkurs sei erlaubt, denn der Autor und seine Stücke sind heutzutage nicht mehr sehr präsent auf den Theaterbühnen. Für das BAT-Ensemble war „Die Kassette“ ein echter Glücksfund. „Das Schöne an dem Stück ist, dass es immer aktuell ist“, erklärt Patrick Oberste-Sirrenberg. Abgesehen von wenigen Pointierungen in der Dramaturgie musste das Ensemble das Stück darum nicht sonderlich für sein zeitgenössisches Publikum grundsanieren, sagt der 32-Jährige, der bei seinem Regiedebüt von Regieassistentin Lisa Weigelt unterstützt wurde.

Er gehört dem BAT-Ensemble als Schauspieler seit acht Jahren an und übt hauptberuflich das seriöse Metier des Schiffsmaklers aus. Unter seinen Bühnenkolleginnen und Bühnenkollegen gibt es unter anderem eine Familientherapeutin und einen Erzieher, eine Event-Managerin und einen Ingenieur, branchenübergreifend verbunden durch ihre große Theaterbegeisterung. Schauspieler Oliver Huhn, der den Oberlehrer Krull verkörpert, wurde Klimaforscher, obwohl ihn bereits zu Schulzeiten das Bühnenvirus ereilte. Der Waller gehört zur Gründergeneration des BAT-Theaters, das seine Wurzeln in Theater-AGs des Schulzentrums an der Langen Reihe hat.

In dieser Spielzeit feiert das Waller Amateur-Ensemble sein 25-jähriges Bestehen und kann sich zum Jubiläum auch zu einer festen Spielstätte in seinem Heimatstadtteil beglückwünschen. „Die Kassette“ ist die erste BAT-Produktion in den Räumen der Union-Brauerei. Insgesamt sechs Mal hat das Publikum die Gelegenheit, sich über die schrecklich nette Familie Krull und ihr Theater um das liebe Geld zu amüsieren.

Das Bremer Amateur-Theater-Ensemble zeigt „Die Kassette“ in den Räumen der Tanzschule Cordero López im Hintergebäude der Union-Brauerei (zweiter Stock), Theodorstraße 13a. Premiere ist am Freitag, 12. Mai, 20 Uhr. Weitere Aufführungen folgen am 13. Mai, 19. Mai, 20. Mai, 9. Juni und 10. Juni. Am 23. und 24. Juni spielt das BAT-Theater im Kulturzentrum Lagerhaus an der Schildstraße 12-19. Der Eintritt kostet 14, ermäßigt zehn Euro. Reservierungen werden telefonisch angenommen unter der 39 45 54 oder per Email an info@bat-ensemble.de. Nähere Informationen über das Theater und die Mitwirkenden finden sich im Internet unter www.bat-ensemble.de.
„Das Schöne an dem Stück ist, dass es immer aktuell ist.“ Regisseur Patrick Oberste-Sirrenberg
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