Bündnis für Toleranz und Weltoffenheit Tausende kommen zur Demo

„Bremen tut was“, so ist das neue Bündnis für Toleranz und Weltoffenheit überschrieben. Und Bremen hat etwas getan – mit einer Kundgebung auf dem Marktplatz, zu der rund 7000 Menschen gekommen sind.
27.01.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Tausende kommen zur Demo
Von Jürgen Hinrichs

„Bremen tut was“, so ist das neue Bündnis für Toleranz und Weltoffenheit überschrieben. Und Bremen hat etwas getan – am Montagabend mit einer Kundgebung auf dem Marktplatz, zu der rund 7000 Menschen gekommen sind. Es soll der Start für weitere Aktionen sein, die vor dem Hintergrund der fremdenfeindlichen Pegida-Bewegung auf ein friedliches Miteinander und den Dialog aller Kulturen, Religionen und Weltanschauungen zielen. Beispiele dafür gibt es bereits. Der Umgang mit Pegida bleibt aber in den politischen Parteien weiter heftig umstritten.

Die Veranstalter waren vorsichtig mit ihren Erwartungen – mehr als 1000 wäre schön, hieß es im Vorfeld der Kundgebung für ein weltoffenes und tolerantes Bremen. Dass es gestern Abend nach Schätzungen der Polizei dann ein Vielfaches an Teilnehmern war, hat selbst die Optimisten im Bündnis „Bremen tut was“ überrascht. Mehr als 50 Organisationen, darunter die Kirchen, Glaubensgemeinschaften, Gewerkschaften, Parteien und Wohlfahrtsverbände, stützen die Initiative und konnten offenbar die Menschen so erfolgreich mobilisieren, dass der Marktplatz zeitweise sogar überfüllt war.

Bürgerschaftspräsident Christian Weber, der sich mit einem „Ihr seid wunderbar!“ bei den Teilnehmern dafür bedankte, dass sie trotz des Schmuddelwetters so zahlreich gekommen waren, beschwor in seiner Ansprache die alten Tugenden der Freien Hansestadt, ihre Weltoffenheit vor allem. „Da beinahe überall Terrorismus und Fremdenfeindlichkeit zunehmen, ist es an der Zeit, sich seiner Tugenden neu zu besinnen“, sagte der Präsident. Jede und jeder solle seine Religion leben dürfen, aber auch in der Lage sein, ihre Inhalte kritisch zu überprüfen sowie offen und tolerant gegenüber anderen Glaubensrichtungen zu sein.

Die Veranstalter hatten verschiedene Initiativen auf die Bühne geholt, die von ihrer Arbeit mit Ausländern und Flüchtlingen berichteten. Rania Enan tat es für den arabischen Frauenbund und den Garten der Kulturen. Sie hilft anderen Frauen, die aus dem Ausland nach Bremen kommen und noch ohne Kontakte sind, sich in der Fremde zurechtzufinden. „Das erste, was ich ihnen sage, ist, dass sie die deutsche Sprache lernen müssen.“ Und wie wichtig es sei, nicht zu Hause zu sitzen und auf die Integration zu warten, sondern selbst etwas dafür zu tun.

Werder Bremen, das mit der Vereinsführung und einem Spieler aus dem Profi-Kader vertreten war, stellte ein Fußballprojekt mit minderjährigen Flüchtlingen vor. Ein türkischstämmiger Betriebsrat der Stahlwerke sprach über die jahrzehntelange Integration von Ausländern in dem Betrieb. „Die Hütte ist bunt, und sie bleibt bunt“, rief er der Menge zu und erntete tosenden Beifall.

Unterdessen sorgt die Frage nach dem Umgang mit der islamkritischen Pegida-Bewegung für offene Auseinandersetzungen in den Parteien. In der SPD ist nach dem Besuch von Parteichef Sigmar Gabriel bei Pegida-Anhängern eine Kontroverse ausgebrochen, ob ein Dialog mit dem Bündnis nötig oder unangebracht ist. Einig ist man sich laut Generalsekretärin Yasmin Fahimi darin, dass es keine Gespräche mit den Organisatoren geben könne. Eine gemeinsame, klare Linie fehlt der SPD jedoch.

Auch bei der Linken gibt es unterschiedliche Haltungen. Fraktionschef Gregor Gysi hatte vor Tagen angekündigt, mit Mitläufern der Bewegung reden zu wollen. Parteichef Bernd Riexinger pfiff Gysi aber gestern zurück und ermahnte ihn, sich an die Parteilinie zu halten und auf solche Gespräche zu verzichten: „Die Linke redet nicht mit Bewegungen, die einen rassistischen, fremdenfeindlichen Charakter haben.“

Aus der Union kamen ebenfalls unterschiedliche Signale. CDU-Politiker wie Thomas de Maizière und Ursula von der Leyen sprachen sich für einen Diskurs mit Pegida-Sympathisanten aus. CSU-Chef Horst Seehofer plädierte gegen einen solchen Dialog. Zurückhaltend fiel die Reaktion der CDU-Chefin, Bundeskanzlerin Angela Merkel, aus. Regierungssprecher Steffen Seibert sagte, es gebe keine konkreten Planungen für persönliche Gespräche von Merkel mit Pegida-Anhängern.

Grünen-Chefin Simone Peter wertete Gabriels Schritt als grundfalsch und warf ihm vor, den „Pegida-Versteher“ zu mimen. Mit Leuten, die Ressentiments gegen Flüchtlinge und Muslime schürten, gebe es für die Grünen keine Gesprächsgrundlage.

In zahlreichen Städten gab es gestern Abend Demonstrationen von Pegida-Gegnern, die zahlenmäßig deutlich mehr Zulauf fanden als vereinzelte Kundgebungen von Ablegern der Bewegung. In der Pegida-Hochburg Dresden feierten Zehntausende Menschen ein buntes Fest für Toleranz. Kommentar Seite 2·Berichte Seiten 4 und 7

Lesen Sie auch

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+