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Interview „Ein technisch-mechanisches Meisterstück“

Architekt Udo Janßen und der technische Leiter der Bremer Bäder GmbH Uwe Siefke über das Horner Bad.
10.06.2022, 16:05
Lesedauer: 5 Min
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Von Annika Häfermann

Das neue Horner Bad kann mit Superlativen aufwarten: Es umfasst 55.000 Kubikmeter umbauten Raum (so viel wie 75 Einfamilienhäuser) und 2900 Kubikmeter Wasservolumen allein im Sportbecken (so viel wie 24.167 Badewannen). Zehn Tage dauert es, die Becken mit Wasser zu füllen. Bis zu 100 Handwerker, Monteure und Mitarbeiter waren gleichzeitig auf der Baustelle tätig. Stellvertretend für die vielen engagierten Menschen hinter dem Projekt berichten der technische Leiter der Bremer Bäder GmbH, Uwe Siefke, und Architekt Udo Janßen im Interview, was das Besondere am Horner Bad ist und wie die Bauarbeiten verliefen.

Herr Janßen, Herr Siefke, Wie fühlt es sich an, nach 33 Monaten Bauzeit durch das fertige Horner Bad zu spazieren?

Uwe Siefke: Ich bin stolz, auf das was wir hier gemeinsam mit unzähligen fleißigen Händen, einer tollen Monteurstruppe und viel Engagement geschaffen haben. Das Horner Bad ist das größte und modernste der Bremer Bäder GmbH. Es ist technisch auf dem aktuellsten Stand der Technik. Mit einem Projekt in diesem Umfang halten wir auch dem bundesweiten Vergleich stand. Insbesondere der Hubboden im Wettkampfbecken ist ein Novum, den es in der Größe nicht so oft gibt. Er ist ein mechanisch-technisches Meisterstück.

Udo Janßen: Diesen Worten kann ich mich nur anschließen. Das Horner Bad ist eines der größten Projekte, die ich während meiner Laufbahn mit realisiert habe, und ich bin schon seit 36 Jahren als spezialisierter Architekt tätig. Der Bau war sehr komplex in Hinsicht auf Architektur, baufachliche Ansprüche und Haustechnik. Nicht zu vergessen, dass ganz verschiedene Nutzerwünsche und Bedarfe unter einem Dach vereint werden sollten. Es hat im Vorfeld eine Bürgerbeteiligung gegeben. Die einen hofften zum Beispiel auf ein Sportbad, die anderen auf einen Erholungsort für die ganze Familie mit Wellness-Einrichtungen.

Welche Variante ist es geworden?

Udo Janßen: Beides. Das große Hallenbecken kann durch Hubboden und -wand flexibel entweder als Wettkampfbad oder als Familienbad mit Schwimmer- und Nichtschwimmerbereich genutzt werden. Hubboden und -wand lassen sich hochfahren und absenken. Sogar eine Treppe ist in den Boden integriert. Der Freibadbereich mit seinen verschiedenen Spiel- und Spaßaspekten ist natürlich ganz und gar in Familienhand.

Es gab Befürchtungen, dass mit dem Rückzug der Bremer Bäder aus dem Unibad auch der Wettkampfsport in Bremen ein Ende hat.

Uwe Siefke: Das große Becken des Horner Bads ist genauso für Sportwettkämpfe auf hohem Niveau geeignet, wie es das Unibad war. Es wird nach der amtlichen Vermessung und Klassifizierung durch den DSV dieselbe Klassifizierung als Wettkampfbad haben. Damit können Sportentscheide auf Bundesebene bis zur Deutschen Meisterschaft ausgetragen werden. Ganz wichtig dafür: Die Bahnen haben exakt 50 Meter Länge, die amtlich bestätigt ist. Bis zu 199 Zuschauer können vor Ort dabei sein. Für die Sportler ist genug Platz in Nebenräumen, Umkleidekabinen etc. Die Sportler, die die Anlage bisher besichtigen konnten, waren vollauf zufrieden.

Welche technischen Finessen verbergen sich im Horner Bad?

Udo Janßen: Eine Besonderheit dieses Bads ist, dass sich die Technik nicht wie sonst oft üblich im Keller befindet, sondern im Erdgeschoss. Einen Keller auszuschachten, wäre wegen der hohen Grundwasserstände zu aufwendig gewesen. Außerdem ist die Schwimmbadtechnik auf diese Weise für Wartungen und die Arbeit hinter den Kulissen optimal zugänglich. Die Badegäste gehen in den ersten Stock hinauf, um zu schwimmen. Im Technikbereich im Erdgeschoss befinden sich zum Beispiel acht Wasserfilter allein für das große Sportbecken, die pro Stunde 90 Kubikmeter Wasser unter anderem über Kies und Aktivkohle filtern, und vier große Lüftungsanlagen, die die Luft in den Hallen reinigen und erwärmen. Außerdem unser elektronisches Herz: Die MSR-Technik, über die das gesamte Bad rechnerunterstützt gesteuert wird. Nicht zu vergessen, die Technik für Hubboden und -wand des großen Beckens.

Ist das Bad barrierefrei?

Udo Janßen: Auch wenn sich die Schwimmbecken im ersten Stock befinden, ist für die Besucher alles komfortabel zu erreichen, und sämtliche Einrichtungen sind barrierefrei. Das Bad ist zum Beispiel für Rollstuhlfahrer uneingeschränkt nutzbar. Für Menschen mit Sehbehinderungen haben wir sogenannte taktile Streifen in Boden und Wände eingefügt, anhand derer sie sich sicher im Bad bewegen können.

Inwiefern spielt der Aspekt der Nachhaltigkeit eine Rolle?

Udo Janßen: Wir sind zur Beheizung des Hallenbads an das Fernwärmenetz der Müllverbrennungsanlage angeschlossen. Es gibt also keine eigene Heizungsanlage, die zum Beispiel auf Gas angewiesen wäre. Für die Lüftungsanlage ist ein Wärmetauscher installiert, über den wir 85 Prozent der Wärme zurückgewinnen und als Energie erneut nutzen können. Zusätzlich ist die Gebäudehülle hochwärmegedämmt. Eine Gebäudedichtigkeitsprüfung hat ergeben, dass wir bei einer Dichtigkeit von 99,9 Prozent liegen. Die 0,1 Prozent schaffen wir auch noch. Alle großen Stromverbraucher sind bedarfsgesteuert und laufen nicht ständig auf Volllast. Dass nur LED-Leuchten genutzt werden, versteht sich von selbst. Teilweise sind die Flachdächer mit Moosen und Sedum begrünt. Im Hinblick auf die Energieeinsparung gilt: Was geht und was wirtschaftlich vertretbar war, haben wir gemacht.

Lief bei den Baumaßnahmen alles nach Plan oder gab es schwierige Phasen?

Uwe Siefke: Schlaflose Nächte hatte ich, als sich die Situation mit der Grundwasserabsenkung anders einstellte als erwartet und berechnet. Wir befinden uns mit dem Horner Bad im ehemaligen Flussverlauf der Weser und der Untergrund ist wasserreich. Als das erste Freibad gebaut wurde, badeten die Gäste hier im Naturwasser, das frei an der Oberfläche verfügbar war. Im Verlauf der Grundwasserabsenkung mussten dann 1,8 Millionen Kubikmeter Wasser gefördert und wieder in den Boden reinfiltriert werden. Die geologischen Schichten boten außerdem noch weitere Herausforderungen. Denn unter dem Bad befindet sich der Lilienthaler Salzstock. Das Grund- und Oberflächenwasser, mit dem wir zu kämpfen hatten, enthielt hohe Eisen- und Salzgehalte. Zwischendurch fiel immer mal wieder die eine oder andere Pumpe aus. Dann lief mal wieder ein Kabelgraben oder eine Absenkgrube voll Wasser und zerstörte die Vorarbeit der vorausgegangenen Tage. Erst als die Meldung kann, dass die Grundwasserabsenkung geschafft war, konnte ich nachts wieder richtig schlafen. Diese Probleme haben natürlich Mehrkosten verursacht. Zusätzlich mussten wir das Becken des Freibads noch aufwendiger im Boden verankern, als gedacht. Es ist nun mit acht Meter tiefen Mikropfählen gesichert, die zuverlässig verhindern, dass das Becken auf der permanent vorhandenen Grundwasserschicht wie ein Boot aufschwimmt.

Udo Janßen: Nachdem das überstanden war, kam Corona. Alle Beteiligten haben an einem Strang gezogen, um während dieser Zeit den Bau weiter voranzubringen. Dennoch haben wir rund ein halbes Jahr Zeit verloren. Außerdem gab es Materialengpässe. Umso stolzer ist man, dass die Eröffnung des Bads nun bevorsteht.

Die Fragen stellte Kristina Bumb.

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