70 Jahre Grundgesetz Teilhabe für alle

Dominik Meine ist sozial und politisch engagiert und setzt sich insbesondere für die Rechte von Behinderten ein. Ende des Monats schickt der WESER-KURIER ihn zur Kaffeetafel des Bundespräsidenten.
02.05.2019, 06:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Kornelia Hattermann

Wenn jemand in seinem Umfeld Hilfe braucht, dann ist Dominik Meine da. Der 32-Jährige setzt sich seit seiner Schulzeit für seine Mitmenschen ein, ist gesellschaftlich und politisch aktiv. Zurzeit arbeitet er in den Elbe-Weser-Werkstätten in Bremerhaven, wo er sich im Werkstattrat, der Mitarbeitervertretung der über 800 behinderten Beschäftigten, engagiert. Als einer von fünf Bremerinnen und Bremern ist Dominik Meine zur Kaffeetafel des Bundespräsidenten zur Feier von 70 Jahren Grundgesetz am 23. Mai im Schloss Bellevue Platz eingeladen. „Vor dem Gesetz sind eigentlich alle gleich, aber es gibt doch viele Unterschiede“, sagt Meine, womit er sein Thema für den Berlin-Besuch umrissen hätte.

„Ich habe schon gar nicht mehr damit gerechnet“, sagt der gebürtige Bremer, der aus der Zeitung erfahren habe, dass er ausgewählt worden sei und sich total auf den Besuch freue. „Ich war auch beim Benefizkonzert in der Glocke als der Bundespräsident da war“, erzählt er.

Vorgeschlagen für den Berlin-Besuch hatte ihn Behindertenpädagogin Ulrike Deister-Haag, die Dominik Meine schon als Grundschüler in einer Integrationsklasse begleitet hat und seitdem „mit Hochachtung verfolgt, wie er immer einen Weg gefunden hat, sich mit hohem Engagement gesellschaftlich aktiv zu beteiligen und sich dabei auch für Schwächere einzusetzen“. Meine ist durch Epilepsie und Hydrocephalus (auch als Wasserkopf bezeichnet) eingeschränkt, was ihn aber nicht am Engagement hindert: In der siebten bis zehnten Klasse an der St. Johannis-Schule beispielsweise als Schulsanitäter, auch in der Arbeitsgemeinschaft Schule ohne Rassismus war er dabei und als Streitschlichter aktiv. „Ich kann gut vermitteln“, sagt Dominik Meine.

Nach dem Schulabschluss hat er eine Ausbildung zum Altenpfleger gemacht, den Beruf kann er aus gesundheitlichen Gründen aber nicht mehr ausüben. Seit 2011 arbeitet Dominik Meine in den Elbe-Weser-Werkstätten (EWW) in Leherheide in Bremerhaven und entwirft Flyer, Visitenkarten, Plakate und mehr für die Einrichtung und Kunden. Sein Wunsch und sein Ziel: eine Umschulung, beispielsweise zum Mediengestalter, und zurück auf den ersten Arbeitsmarkt. „Es ist für alle mit Behinderung schwer, etwas zu finden.“

Und es wäre schön, wenn Behinderte von den Werkstätten einen Lohn bekämen, der nicht mehr durch das Sozialamt aufgestockt werden müsste. Dann könne man selbst entscheiden, ob und was man sich leisten könne. In Skandinavien funktioniere das. Derzeit sei es so, dass es einen Werkstattlohn gebe, bis zu „etwas über 300 Euro“, und das Sozialamt stocke den Betrag nach dem Bedarf auf, beispielsweise für Miete. Dominik Meine würde in Bremerhaven gerne umziehen, seine Wohnung sei eigentlich etwas zu groß. Er hatte auch schon eine gefunden, bei der sogar die Gesamtmiete gepasst hätte, aber die Brutto-Kaltmiete habe 34 Euro über der Grenze gelegen. Deswegen habe er die Wohnung nicht bekommen.

Bezahlbarer Wohnraum in Bremerhaven und Bremen, dafür setzt sich der 32-Jährige nicht nur über den Werkstattrat, sondern auch in der Arbeitsgruppe „AG Selbst-Aktiv“ der SPD ein. Seit 2004 ist er Mitglied bei den Sozialdemokraten, Ortsverein Geestemünde. „Wir haben im Behindertenparlament in Bremen einen Antrag auf bezahlbaren Wohnraum eingebracht“, berichtet er, der Senat müsse der Landesarbeitsgemeinschaft der Werkstätten dazu antworten. Die AG Selbst-Aktiv setzt sich insbesondere dafür ein, dass die UN-Behindertenrechtskonvention, die Inklusion, umgesetzt wird. Ein Etappenziel sei durch das Wahlrecht für Behinderte erreicht, freut sich Meine. Aber nur Namen auf Listen, das sei für manche schwierig, deshalb forderten er und seine Mitstreiter Wahlzettel mit Fotos.

Und sie wollen, dass Behinderte auch kandidieren können. Einem Arbeitskollegen mit geistiger Einschränkung, der sich als Kandidat für die Bürgerschaftswahl im Mai habe aufstellen lassen wollen, sei jedoch von allen Seiten davon abgeraten worden. Er hätte die Sachverhalte nicht so (schnell) erfassen können, nicht so lange arbeiten können und hätte mit der Akzeptanz von Politik und Medien zu kämpfen gehabt, sagt Dominik Meine. Auch in seiner Partei müsse man etwas dafür tun, dass sich die Situation für beeinträchtigte und behinderte Menschen verbessere und gleichberechtigte Teilhabe möglich werde. Politische Prozesse erfordern Geduld, direkte Hilfe für Menschen vor Ort ist da schneller geleistet und organisiert. Dominik Meine hat in der Flüchtlingsinitiative in Bremen geholfen, seine Eltern leben in der Hansestadt, seine Schwester in der Nähe von Genf. Dominik Meine hat Geflüchtete zu Konzerten begleitet, beispielsweise zum Tabaluga-Konzert von Peter Maffay, dessen Stiftung 150 Karten sponserte. „Das Hören von Musik hilft, die Sprache zu lernen“, erklärt Meine. Auch zwei Großfamilien habe er bei der Wohnungssuche in Bremen unterstützt. Und als Werder-Fan begleitete er Sportbegeisterte ins Weserstadion. Zum 30. Geburtstag hat er selbst eine Dauerkarte geschenkt bekommen, die er nach zwei Jahren jetzt wieder abgeben musste. Aber als echter Fan drückt er immer die Daumen.

Der 32-Jährige ist auch selbst sportlich aktiv, sehr gerne mit seinem Liegerad, das er nicht wegen seiner Einschränkungen, sondern aus Spaß fährt – nach Bremen oder Cuxhaven oder sogar bei Fahrrad-Marathons, die schon mal 150 Kilometer lang sind. Nach Berlin wird er aber mit der Bahn reisen, ein Schreiben der Elbe-Weser-Werkstätten im Gepäck: Eine Einladung für den Bundespräsidenten, der 2020 Schirmherr der Sail in Bremerhaven ist. Und Dominik Meine ist zuversichtlich, dass er Frank-Walter Steinmeier dann wiedertreffen wird.

Info

Zur Sache

Kaffeetafel für die Bürger

In Kooperation mit dem WESER KURIER wurden fünf, in unterschiedlichen Bereichen engagierte Bremerinnen und Bremer ausgewählt, die am 23. Mai an der Kaffeetafel des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier in Berlin Platz nehmen dürfen. Das Staatsoberhaupt will aus Anlass des 70. Geburtstags des Grundgesetzes im Schloss Bellevue mit insgesamt 200 Gästen aus ganz Deutschland diskutieren. Geplant ist ein moderierter Austausch an Tischen mit jeweils acht Gästen über die Werte und Regeln des Grundgesetzes und ihre gesellschaftliche Dimension.

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