Mehr als 14.000 Anrufe Bremer Telefonseelsorge am Limit

In diesem Jahr ist Corona das bestimmende Thema der Bremer Telefonseelsorge gewesen. Und so steuert die Einrichtung auf einen neuen Anrufe-Rekord zu. Nur zu Weihnachten hat sich der Fokus geändert.
29.12.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Karina Skwirblies

Es sind manchmal Kleinigkeiten, an denen sich zu Weihnachten ein großer Konflikt entzündet. Pastor Peter Brockmann, Leiter der Bremer Telefonseelsorge, weiß um die Erwartungen und Enttäuschungen, die in den Familien über die Feiertage für Streit sorgen. Der Kummer ließe dann viele zum Telefonhörer greifen. Da würden an vermeintlichen Kleinigkeiten schwelende Konflikte ausgetragen. "Es gibt Enttäuschung, zum Beispiel, dass der Enkel nicht mitgekommen ist", sagt Brockmann. "Das hat eine hohe Bedeutung für die Menschen, die ausgesprochen werden möchte.“

In diesem Jahr hatte die Bremer Telefonseelsorge aufgrund von Corona deutlich mehr zu tun als in anderen Jahren. "Bis Jahresende werden es 14.400 Telefonate sein, das ist seit Ausbruch der Pandemie eine Steigerungsrate um 22,5 Prozent", sagt Brockmann. "Dabei ging es in der überwiegenden Zahl der Gespräche um Corona.“ Einen Anstieg über die Feiertage habe er nicht festgestellt, doch habe sich zu Beginn der Pandemie die Zahl der Anrufer deutlich erhöht. Nach dem Frühjahr hätte sich diese wieder auf ein niedrigeres Niveau eingepegelt.

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„Zu Weihnachten verändert sich die Zahl der Anrufer gar nicht so sehr, aber die Themen verändern sich“, sagt Brockmann. Das Weihnachtsfest verbinde sich mit vielen Erwartungen und die Ansprüche seien groß – auch an sich selbst. Das mache Druck. „Ich wünschte mir, dass die Menschen ihre Ansprüche runterregeln würden.“ Viele würden mit Einsamkeit kämpfen. „Sie nehmen wahr, dass andere Leute sich mit der Familie treffen, und dass sie das nicht oder verloren haben.“

Zu den Feiertagen gebe es eine erhöhte Bereitschaft der Ehrenamtlichen der Telefonseelsorge, eine Schicht zu übernehmen, sagt Brockmann. „Von Heiligabend bis zum Zweiten Feiertag haben 18 Freiwillige die Telefonseelsorge unterstützt. Ich finde, das ist ein schönes Ergebnis.“ Insgesamt hat die Bremer Telefonseelsorge gut 70 ehrenamtlich Mitarbeitende, die sich die Schichten rund um die Uhr teilen.

Neue Intensität

Der Pastor berichtet, dass auch manche Ehrenamtliche der Telefonseelsorge wegen der gestiegenen Nachfrage durch die Pandemie am Limit seien. Eine erfahrene Mitarbeiterin habe geäußert: „Ich habe den Eindruck, viele Leute platzen gerade.“ Die Kolleginnen und Kollegen erlebten derzeit in den Telefonaten Angststörungen und Depressivität bis hin zu Suizidalität in einer Intensität, die neu sei, so der Leiter der Telefonseelsorge.

Die Auswirkungen der Pandemie wie Quarantäne, Kontaktbeschränkungen, Einsamkeit, häusliche Konflikte oder schlichtweg Angst vor einer Infektion würden sich auf das psychische Wohlergehen auswirken. Und in kaum einem anderen Bereich würden die Belastungen und der Kummer so deutlich erkennbar sein wie in der Telefonseelsorge. „Viele Anrufende berichten von Symptomen wie Angst, körperlichen Beschwerden oder einer depressiven Grundstimmung“ sagt Brockmann. „Und natürlich kommen durch die Schließungen und die Kurzarbeit finanzielle oder sogar existenzielle Ängste hinzu.“

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Jüngere leiden nach Erfahrungen der Telefonseelsorge vor allem unter dem Home-Schooling oder den Beschränkungen für die berufliche Weiterentwicklung, weil zum Beispiel Studienvorhaben im Ausland geplatzt sind. Sie vermissen ihre Freunde und die gewohnten Freizeitaktivitäten und berichten vermehrt von häuslichen Konflikten. „Bei den Älteren ist die Einsamkeit das Mega-Thema, weil der Schutz der Risiko-Gruppen für viele eine totale Isolation bedeutet. Und wenn dann noch ohnehin vorhandene psychische Probleme, Verlust des Partners oder Konflikte mit den Kindern hinzukommen, dann ist die Not groß“, so Brockmann weiter.

Die Tendenz, die sich in Bremen zeigt, kann Dorothee Herfurth-Rogge für ganz Deutschland bestätigen. Die Vorsitzende der Evangelischen Konferenz für Telefonseelsorge verzeichnet für den zweiten Lockdown keinen wesentlichen Anstieg der Anrufe. „Im Sommer hat sich die Lage beruhigt, und seitdem ist die Zahl der Anrufe nicht wesentlich hochgegangen.“ Der Evangelische Pressedienst meldete im August einen Anstieg von durchschnittlich 2500 Anrufen pro Tag in normalen Zeiten auf 3200 nach den bundesweiten Einschränkungen ab dem 22. März. Seit Ende April gingen die Zahlen langsam wieder hinunter. „Corona ist ein wesentliches Thema und jetzt wieder präsenter“, sagt Herfurth-Rogge. „Es ist auch ein Anlass, um anzurufen.“ Die Themen Einsamkeit und Ängste seien vorherrschend. Zu Weihnachten seien vor allem Enttäuschungen ein Grund, den telefonischen Beistand zu suchen. „Von Weihnachten enttäuscht zu sein, ist immer ein Thema, diesmal noch mehr als sonst.“

Positive Rückmeldungen für App

Während die Online-Seelsorge der evangelischen und katholischen Kirche bereits seit 20 Jahren per Mail oder Live-Chat Beistand in schweren Zeiten bietet, ist die App „Krisen-Kompass“ fürs Smartphone relativ jung. Die Software für Menschen in Krisensituationen stellte die Telefonseelsorge im März dieses Jahres vor. „Wir haben inzwischen rund 10.000 Downloads“, sagt Herfurth-Rogge. „Die Rückmeldungen sind überwiegend positiv. Die App ist gut zu bedienen, und die Menschen sind froh, dass sie persönliche Daten eingeben können. Sie wird auch von Ärzten und Psychiatern weiterempfohlen.“

In persönlichen Archiven können Nutzer im „Krisen-Kompass“ eigene Fotos, Lieder, Erinnerungen oder aufbauende Gedanken speichern und einen sogenannten Safety-Plan anlegen. In Form eines Tagebuchs können Stimmungen aufgezeichnet werden, Entspannungstechniken werden vermittelt, und Kontakte für den Notfall sind zu finden.

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Weitere Informationen

Die Telefonseelsorge ist bundesweit unter der Rufnummer 0800 / 111 01 11 rund um die Uhr auch an Feiertagen erreichbar. In Deutschland gibt es 105 Telefonseelsorge-Stellen. Online ist die Telefonseelsorge unter www.telefonseelsorge.de zu finden. Hier kann man sich auch für eine Seelsorge per E-Mail oder Chat anmelden. Die App „Krisen-Kompass“ können Nutzer für Apple-Produkte im App-Store und für Android im Google-Play-Store herunterladen.

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