Terminshopping im Bremer Einzelhandel Man kommt wieder ins Geschäft

Für Kunden mit vereinbarten Terminen dürfen Geschäfte wieder öffnen. Doch das Terminshopping stößt im Bremer Einzelhandel nicht überall auf ungetrübte Euphorie.
08.03.2021, 20:37
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Man kommt wieder ins Geschäft
Von Frank Hethey

Eine neue Jacke braucht Wolfgang Niemann, die alte hat lange genug gute Dienste geleistet. In aller Ruhe schlendert der 57-Jährige an diesem sonnigen Montag durch die Obernstraße. Und bleibt vor dem Karstadt-Eingang an der Ecke zur Sögestraße stehen. Niemann hat Feierabend und deshalb alle Zeit der Welt, sich über die neuen Einkaufsmodalitäten zu orientieren. Zumal er es nicht eilig hat mit dem Jackenkauf. „Damit lasse ich mir noch ein bisschen Zeit“, sagt er.

Andere wollen offenbar nicht länger warten. Im Eingangsbereich von Karstadt stehen konstant drei bis vier Kunden in einer kleinen Schlange, um sich gleich jetzt einen Termin zum Einkaufen geben zu lassen. Damit nutzen sie eine der vier Möglichkeiten, die das Kaufhaus seinen Kunden anbietet, um wieder ins Geschäft zu kommen – im doppelten Sinne. Wer das nicht will, kann sich auch per QR-Code, über die Website oder telefonisch registrieren lassen.

Fast wie früher sieht es zeitweise in der Innenstadt aus. Statt gähnender Leere herrscht bei strahlendem Sonnenschein wieder Kundenverkehr. Laut Senatsbeschluss darf der Einzelhandel seit diesem Montag zu den normalen Öffnungszeiten Terminshopping anbieten. Soll heißen: Nach vorheriger telefonischer oder digitaler Terminvereinbarung können Kunden wieder die Geschäfte aufsuchen, pro Kunde müssen allerdings zehn Quadratmeter Platz zur Verfügung stehen. Und: Die Zahl der Kundengruppen im Geschäft – Menschen aus einem Haushalt – darf die Zahl der Verkaufsberater nicht überschreiten.

Geöffnet hat auch die Textilkette Peek und Cloppenburg. Ein Absperrband soll den Kundenzustrom kanalisieren, gleich hinter der gläsernen Tür wartet eine Verkäuferin. Wer Lust aufs Shoppen hat, kann vorab telefonisch einen 30-minütigen Termin vereinbaren. Davon kündet ein Poster im Schaufenster, "Click & Meet" lautet die Zauberformel. "Alle Angemeldeten sind auch gekommen", sagt Sprecherin Katja Hünnekens. "Hinzu kamen heute spontane Anmeldungen vor Ort und auch schon zahlreiche über die E-Mail-Adresse des Kundenservice."

Lesen Sie auch

Unverrichteter Dinge wieder kehrtmachen müssen einige Kunden beim Elektromarkt Saturn in der City. Anscheinend hat die Mitteilung auf der Website, man könne einen Shoppingtermin vereinbaren „oder auch spontan direkt Vor-Ort und sicher bei uns im Markt einkaufen“, die Erwartung genährt, auch ohne Termin freien Zugang zu haben.

Nichts überstürzen will man beim Lloyd-Concept-Store im Katharinenklosterhof. Den Montag nutzt Filialleiter Nils Balke, um das Sortiment einzuräumen. „Ab Dienstag steht unsere Tür wieder offen“, sagt er. Balke ist gespannt, wie das Geschäft mit den Terminkunden anläuft. Bis zum Nachmittag haben sich vier Kunden einen Termin für Dienstag gesichert.

Und wie halten es die inhabergeführten Unternehmen? Bei kleineren Vertretern im Einzelhandel scheint die Euphorie gedämpft zu sein. „Wir sind für Click-and-Collect-Kunden täglich vormittags zu erreichen“, sagt Martina Mönch, Inhaberin von Spielwaren Wichlein am Ostertorsteinweg. Gemeint ist die bisherige Praxis, online zu bestellen und die Ware dann abzuholen. „In dieser Zeit nehmen wir erst einmal Termine an und schauen, ob tatsächlich Bedarf ist und es sich lohnen würde, die Zeit auszudehnen.“

Ebenso skeptisch beurteilt man beim Schuhpark Hastedt das Terminshopping. „Für eine bestimmte Größe ist das der Horror“, sagt Geschäftsführer Birger Dolny und spricht von „Willkür der Regierung“. Zwar freut er sich auf die Kundschaft, erwartet wegen der Einschränkungen aber keinen wirklichen Umsatz. Die Pandemie hat dem Schuhgeschäft laut Dolny schon „erhebliche Einbrüche“ beschert. „Da ist Terminshopping nur ein Tropfen auf den heißen Stein.“

Lesen Sie auch

Eher zurückhaltend beurteilt auch Frank Sudmann die neue Regelung. Als „etwas undurchsichtig“ kritisiert der Goldschmied aus der Bahnhofstraße die Vorgaben. Er wisse nicht genau, ob nun ein oder zwei Kunden oder ein oder zwei Haushalte eingelassen werden dürften. „Darum werden wir erst mal vorsichtig damit umgehen.“ Im Klartext heißt das: Die Ladentür bleibt auf jeden Fall geschlossen. „Wer in den Laden möchte, muss klingeln. Sonst wäre das Ganze zu heikel, wir könnten die Kundenanzahl sonst nicht steuern.“

In die Zukunft blickt Sudmann verhalten optimistisch. Die Umsatzeinbußen seit der Schließung im Dezember haben dem Traditionsgeschäft zwar zu schaffen gemacht, es aber nicht in der Existenz bedroht. Nur Einzelaufträge wurden erledigt, eine staatliche Abschlagszahlung stopfte die ärgsten Finanzlöcher. „Es ist eine schwierige Zeit“, sagt Sudmann – aber die, so lässt er durchblicken, werde man auch noch bewältigen.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+