Das neueste Projekt des Kulturzentrums Schlachthof fragt: Wie absurd ist unsere Welt? Theater auf Recherchereise

Findorff-Bürgerweide·Altstadt. Sie fielen sichtbar aus dem Alltagsrahmen, ohne es wirklich darauf anzulegen: Die Gruppe in Sicherheitswesten und mit Klemmbrettern, die sich in großer Konzentration umschaute, Notizen machte, ominöse Bezugspunkte durch Kreidekreuze auf dem Pflaster markierte. Am Samstagnachmittag, mitten auf dem Bremer Marktplatz, zwischen den Touristen, Kohlfahrtgruppen und Einkaufsbummlern. Ein Archäologenteam? Das Katasteramt? Mitnichten. Um Kunst ging es, und dass die vier jungen Frauen sich als "Angst", "Anarchie", "Liberalismus" und "Atheismus" vorstellten und ganz in ihren Rollen blieben, nahmen die neugierigen Passanten mit Gleichmut hin.
17.02.2011, 05:00
Lesedauer: 2 Min
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Von Anke Velten

Findorff-Bürgerweide·Altstadt. Sie fielen sichtbar aus dem Alltagsrahmen, ohne es wirklich darauf anzulegen: Die Gruppe in Sicherheitswesten und mit Klemmbrettern, die sich in großer Konzentration umschaute, Notizen machte, ominöse Bezugspunkte durch Kreidekreuze auf dem Pflaster markierte. Am Samstagnachmittag, mitten auf dem Bremer Marktplatz, zwischen den Touristen, Kohlfahrtgruppen und Einkaufsbummlern. Ein Archäologenteam? Das Katasteramt? Mitnichten. Um Kunst ging es, und dass die vier jungen Frauen sich als "Angst", "Anarchie", "Liberalismus" und "Atheismus" vorstellten und ganz in ihren Rollen blieben, nahmen die neugierigen Passanten mit Gleichmut hin.

Mit der Aktion auf dem Marktplatz ist das neue Projekt der Schlachthof-Theaterwerkstatt erstmals öffentlich in Erscheinung getreten. Es nennt sich "Die Vermessung der Welt" und geht der Frage nach, wie absurd unsere Welt eigentlich ist, erklärt Regisseur Jonathan Prösler. Wer sich mit modernem Theater beschäftigt, der weiß: das ist auch nicht, was es einmal war. Anstelle eines fertigen Stückes, das von den Schauspielern einstudiert und auf die eine oder andere Weise wiedergegeben wird, hat sich die Theaterwerkstatt auf eine Recherchereise mit ungewissem Ziel aufgemacht.

Theater - mehr als Text aufsagen

"Theater kann mehr als Texte aufsagen", findet nämlich Jonathan Prösler. Für den Berliner Schauspieler und Regisseur, Jahrgang 1978, ist es sein erstes Engagement für den Schlachthof. Als Schauspieler war er unter anderem am Jungen Theater Bremen und am Moks Theater zu sehen; nach seinem Engagement am Landestheater Neustrelitz spielte und inszenierte er an verschiedenen Berliner Bühnen. Für ihn geht es im Theater um andere Dinge: "Nicht Antworten geben, sondern Fragen stellen und Dinge sichtbar machen, die gemeinhin so selbstverständlich geworden sind, dass sie nicht mehr wahrgenommen werden." Das, so Prösler, ist auch die Intention seines neuen Projekts. Eine ganz praktische Übung in dieser Mission gab es für das Ensemble bereits: Auf dem Weg vom Schlachthof zum Marktplatz wurden Schilder gezählt. Allein auf dieser übersichtlichen Fußstrecke gab es davon weit mehr als 1000 Stück. Vierzig Prozent davon waren Hinweis- und Informationsträger im eigentlichen Sinn; beim mehrheitlichen

Rest handelt es sich um Werbebotschaften. Letztere nahmen sogar 90 Prozent der Fläche ein, staunt Prösler. "Dass wir diese Flut an Informationen, die auf uns einprasseln, gar nicht mehr bewusst wahrnehmen, beweist, wie desensibilisiert wir sind", so der Regisseur: "Das ist wie ein Schutzmechanismus."

Welche Erkenntnisse das Theaterprojekt auf seinem Weg noch eröffnen wird, wie es sich weiter entwickeln wird und was daraus geworden ist, wenn es am 1. April abgeschlossen ist - all das ist noch völlig offen. Sicher ist jedoch, dass Bremen mit weiteren unangekündigten Aktionen wie neulich auf dem Marktplatz rechnen darf. Sie sind als kleine Störungen des Alltags geplant, sollen irritieren. "Die Momente, in denen Menschen beginnen, sich Fragen zu stellen", das sind die zentralen Momente für den Theatermacher Prösler.

Über die ersten Erfahrungen des Ensembles darf man sich schon wundern. Wie zum Beispiel Schauspielerin Anna: "Ich habe die Blicke der Leute gespürt, aber niemand hat mich angesprochen", kann sie von ihrem Tag auf dem Marktplatz berichten. "Kann es sein, dass wir keinen Mut haben, Dingen auf den Grund zu gehen und sie zu hinterfragen?" Ihre Kollegin Ayda bestätigt: "Die Passanten haben einen Bogen um mich gemacht, als wäre ich ein großes Hindernis." Und Ensemblemitglied Laura berichtet: "Es gab einige Leute, die sich auf meine Kreidekreuze stellten und sie als Aussichtspunkt verwendeten." Irgendwie tatsächlich ganz schön absurd.

Weitere Informationen dazu im Internet unter www.schlachthof-bremen.de.

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