Incognito spielt ab Sonntag in der Universität Brechts „Heilige Johanna der Schlachthöfe“

Theateraufführung als Bildungsarbeit

„Der Mensch ist des Menschen Wolf“, das Glaubensbekenntnis von Thomas Hobbes trifft auch auf Brechts „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ zu. Das Theater Incognito führt das epische Stück ab Sonntag, 6. Juli, im Theatersaal der Universität auf.
03.07.2014, 00:00
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Von Sigrid Schuer

„Der Mensch ist des Menschen Wolf“, das Glaubensbekenntnis von Thomas Hobbes trifft auch auf Brechts „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ zu. Das Theater Incognito führt das epische Stück ab Sonntag, 6. Juli, im Theatersaal der Universität auf.

„Im Theater muss man sich etwas trauen“, unterstreicht Lars Grochla, der das multimediale Bühnenbild für das Brecht-Stück „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ gestaltet hat. Das Theater Incognito führt das kritische Stück, das Bertolt Brecht auf dem Höhepunkt der Wirtschaftskrise Ende der „roaring twenties“ schrieb, im Juli im Theatersaal der Universität, an der Universitätsallee auf. Premiere ist am Sonntag, 6. Juli, um 19 Uhr.

Auch Brecht traute sich etwas, er ließ sich zu seiner „Heiligen Johanna“ von Friedrich Schillers „Johanna von Orléans“ inspirieren und setzte sich in seinem epischen Theaterstück aus marxistischer Sicht mit der Krisenhaftigkeit des kapitalistischen Systems auseinander. Wenn in dem sonst vierstündigen Stück das Zuviel an Agitation und Propaganda abgemildert und herausgekürzt wird, dann ist es eine packende Parabel auf den Raubtierkapitalismus des 21. Jahrhunderts.

„Zu jedem Stück, das wir einstudieren, gibt es eine eigene Spielfassung. Bei der ’Heiligen Johanna’ ist das die des Schauspielhauses Zürich“, erzählen die Regisseure Franz Eggstein und Roland Klahr, beide Lehrbeauftragte am Institut für historische Publizistik, Kommunikations- und Medienwissenschaften (IPKM). „Unsere Theaterarbeit ist im Fach ’general studies’ angesiedelt und für alle Studiengänge freigeschaltet. Wir sehen es auch als Bildungsarbeit, das junge Publikum mit diesen Stücken vertraut zu machen. Aber es ist natürlich gerade für die Kulturwissenschaftler besonders wichtig, praktische Erfahrungen in der vielfältigen Theaterarbeit sammeln zu können“, betonen sie. Leider sei das Studienfach Theaterwissenschaft ohnehin schon den Sparzwängen an der Universität Bremen zum Opfer gefallen, sagen die beiden Regisseure.

„Da sitzen nur wenige oben und viele unten“, ruft Hauptdarstellerin Inken Janßen, die die Titelfigur der Johanna Dark spielt. Die junge Soldatin der Heilsarmee versucht dem nihilistischen Pierpont Mauler die Stirn zu bieten und die Arbeiter, die er in den Schlachthöfen Chicagos entlassen hat, zu schützen. Am Ende ist ihr Kampf jedoch vergebens. Schon nach wenigen Sätzen wird klar, dass die rothaarige Psychologie-Studentin aus Findorff, die zum zweiten Mal beim Theater Incognito spielt, über viel schauspielerische Ausdruckskraft verfügt. Als sie noch in Bochum studierte, stand sie schon in Musical- und Operetten-Produktionen auf der Bühne. In Bremen hat sie bereits schauspielerische Erfahrungen bei den „Jungen Akteuren“ gesammelt.

Niccolo von Blanckenburg, der den aalglatten Mauler spielt und im Master-Studiengang Wirtschaftspsychologie studiert, kann sich dagegen das unstete Leben einer Schauspielerexistenz mit ständigen Engagementswechseln nicht für sich vorstellen. Wie ihre über 30 Kommilitoninnen und Kommilitonen, die aus 15 unterschiedlichen Studienfächern wie Jura, Biologie oder Medizin kommen, brennen sie für das Theater.

Nachtschicht eingelegt

Bühnenbildner Lars Grochla aus Schwachhausen hat beispielsweise mal wieder eine halbe Nachtschicht in dem in puncto Belegung heiß umkämpften Theatersaal hinter sich. „Theater ist Teamarbeit, wir identifizieren uns mit unseren Rollen und den Inhalten“, sagt der Bühnenbilder, der auch schon mal gern mit „augmented reality“ experimentiert. Das können Inken Janßen und Niccolo von Blanckenburg aus Walle nur bestätigen. Sie betonen die große Aktualität des Stückes in der Finanzkrise: „Es geht um die Ausweglosigkeit des Kapitalismus. Die Armen sind nicht sichtbar für die Reichen, das ist doch in unserer realen Welt genauso, ob es sich nun um ausbeuterische Strukturen in der Textilproduktion oder beim Schürfen von Coltan handelt, das in der Demokratischen Republik Kongo unter menschenunwürdigen Bedingungen gefördert wird.“

Marcia Tomiak, die die Börsenmaklerin Samantha Swift spielt, wirft ein: „Die Industrie könnte den Rohstoff auch aus Australien importieren, dort ist es natürlich nur teurer.“ Die Germanistik- und Geschichtsstudentin sagt von sich, dass sie wohl den „fiesesten Charakter“ spiele. Samantha hat sich hochgeschlafen und triezt die Arbeiter, deren Elend Mauler nicht sehen will. „Bei der Coltan-Produktion kann sich dann jeder von uns fragen, ob wir wirklich jedes Jahr ein neues I-Phone haben müssen, für dessen Produktion der Rohstoff ja zwingend notwendig ist“, sagt von Blanckenburg. Und Inken Janßen bekräftigt: „Die Menschen müssen sich ändern, erst dann wird sich das System ändern. Wenn sich alle zusammenschließen würden, wäre es anders. Da wollen wir mit unserer Produktion schon Denkanstöße geben.“

Lars Grochla, der digitale Medien studiert, hat von der Universität einen Job als studentische Hilfskraft bewilligt bekommen und schiebt darüber hinaus Überstunden ohne Ende. Außerdem hat er einen Unterstützerverein für das chronisch unterfinanzierte Theater Incognito gegründet, der die Bühnenbilder finanziert. Bei „Der heiligen Johanna“ sind das vor allem Holzpaletten und eine aufwendig gearbeitete Regipswand, an der 17 Monitore hängen, auf denen reale Schlachtszenen eingespielt werden. „Wer von uns bis jetzt noch kein Vegetarier war, ist es spätestens jetzt, seitdem er das gesehen hat“, betonen die Studierenden. Auch sonst hat das Regisseur-Duo Eggstein/Klahr dem sonst nicht gerade leichtverdaulichen Stoff eine Frischzellen-Kur verpasst: Es wird hin- und hergesimst. Geschäftsideen werden in Nachtclubs zu jazzigen Klängen besprochen.

Brechts „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ hat am Sonntag, 6. Juli, um 19 Uhr, im Theatersaal der Universität Premiere. Weitere Aufführungen, Mittwoch, 9. Juli, Donnerstag, 10. Juli, Dienstag, 15. Juli, Mittwoch, 16. Juli, Freitag, 18. und Sonnabend, 19. Juli. Der Eintritt kostet acht Euro, ermäßigt fünf Euro. Reservierungen unter www.theaterIncognito.de

Inken Janßen (links) in der Titelrolle der „Heiligen Johanna“ in einer Ensemble-Szene des gleichnamigen Brecht-Stückes. Im weißen Anzug Niccolo von Blanckenburg als ihr Gegenspieler Mauler. FOTO: PETRA STUBBE

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