Filmemacherin Annette Wagner befasst sich mit Kuschelrobotern Therapie oder Täuschung?

Altstadt. Alles begann mit einem Bild von drei älteren Damen, die zusammensaßen und lachten. Es war Paro, der sie so amüsierte. Paro, eine elektronische Babyrobbe aus Japan, die auf Zuwendung reagiert, wird in europäischen Kliniken und Pflegeheimen in der Therapie von Demenzkranken eingesetzt. Die Journalistin und Filmemacherin Annette Wagner aus dem Steintor fragte sich: Ist das Therapie oder Täuschung? Sie begann, sich mit dem Thema intensiver zu befassen. Herausgekommen ist das crossmediale Projekt "Drück mich/Squeeze me!"
28.07.2011, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Solveig Rixmann

Altstadt. Alles begann mit einem Bild von drei älteren Damen, die zusammensaßen und lachten. Es war Paro, der sie so amüsierte. Paro, eine elektronische Babyrobbe aus Japan, die auf Zuwendung reagiert, wird in europäischen Kliniken und Pflegeheimen in der Therapie von Demenzkranken eingesetzt. Die Journalistin und Filmemacherin Annette Wagner aus dem Steintor fragte sich: Ist das Therapie oder Täuschung? Sie begann, sich mit dem Thema intensiver zu befassen. Herausgekommen ist das crossmediale Projekt "Drück mich/Squeeze me!"

Bevor sie zum Fernsehen ging, arbeitete Annette Wagner in der Tageszeitungsbranche. Als Redakteurin und Filmemacherin hat sie unter anderem für den SWR, die ARD, für arte und das ZDF gearbeitet. Verschiedene sozialpolitische Themen hat sie in ihrem beruflichen Leben immer wieder aufgegriffen. In den vergangenen Jahren befasste sich die Journalistin besonders mit crossmedialer Arbeit.

"Drück mich/Squeeze me!" verbindet fünf Medienformate - traditionelle und neue Medien. "In dem Projekt greifen alle Formate ineinander", sagt Annette Wagner. So können unterschiedliche Publikumsgruppen erreicht und auf des Thema Demenz aufmerksam gemacht werden. "Der Impuls, mich mit dem Thema zu beschäftigen, war ein ganz kritischer", sagt die Journalistin, die ihr Projekt im Haus der Wissenschaft vorstellte. Mittlerweile habe sich ihre Einstellung dazu aber gewandelt. Sie habe gesehen, wie Demenzkranke, die manchmal nur ein Wort am Tag sprechen, mit der Robbe Paro kommunizieren. In einem 50-minütigen Dokumentarfilm beleuchtet Annette Wagner den Einsatz von robotischen Therapiehelfern. "Roboter zum Kuscheln - heilsam für Demenzkranke?" ist mit den Fernsehsendern ZDF und arte umgesetzt worden.

Kritisch hinterfragt die Filmemacherin den Einsatz dieser Technologien in der Pflege, sie befasst sich mit dem aktuellen Stand der Wissenschaft und der ethischen Diskussion über dieses Thema. Dafür hat sie vier Monate lang die Einführung des Zuwendungsroboters Paro im Pflegeheim Haus O'land begleitet. In dieser Pflegeeinrichtung in Kattenturm leben ausschließlich demenzkranke Frauen und Männer.

Paro gibt Robbenlaute von sich

Paro spricht verschiedene Sinne an: das Fell kann gestreichelt werden, Paro gibt Robbenlaute von sich und Wärme ab. Der Einsatz des Roboters ist ein Versuch, die Demenzkranken intensiver zu stimulieren. Andererseits handelt es sich um einen Rollentausch: Die Patienten werden von Versorgten zu Versorgern. Im Vordergrund steht das Wohlfühlen. Paro wird niemandem aufgedrängt. Der Einsatz des Roboters wird ständig von dafür ausgebildetem Pflegepersonal begleitet.

Zwei Grundfragen stellten sich Annette Wagner immer wieder: Wie funktioniert es, und nützt es? Bei Facebook hat sie eine Seite eingerichtet, auf der über das Für und Wider des Einsatzes von Robotern wie Paro in der Pflege diskutiert werden kann. Einige Leute schreiben regelmäßig dort. Über dieses soziale Netzwerk sind viele Privatpersonen und Institutionen bereits auf die Seite und das Projekt dahinter aufmerksam geworden. Wenn sie Neuigkeiten, Buchtipps oder Anregungen zum Thema Demenz haben, berichten sie darüber. Die Erkenntnisse, die Annette Wagner daraus gewinnt, fließen auch wieder in die anderen Medienformate des Projektes ein. "Ich habe aus dem ersten Format ganz viel Rückmeldung bekommen, was die Menschen anspricht", sagt Annette Wagner. Diese Erkenntnisse konnte sie dann beispielsweise in ihren Film aufnehmen.

Das Onlinespiel "Kuscheltiersofa" soll zum Thema Demenz hinführen. Auf der Internetseite www.squeezeme.de können Internetnutzer unter der Rubrik Spiel Fotos ihres eigenen Kuscheltieres auf ein virtuelles Sofa setzen. In einem kurzen Text kann man erzählen, wann das Kuscheltier einen besonders trösten muss.

Während der Dreharbeiten im Haus O'land fotografierte Cindi Jacobs. "Das alte analoge Format Foto, das hat so eine Wirkung", sagt Annette Wagner. Also entwickelten sie auch eine Fotoausstellung zum Thema Demenz. Zwei Meter hohe Banner zeigen auf der Vorderseite Fotos von Demenzkranken. Die Rückseite ist mit Zitaten, die manchmal auch ein bisschen provozierend sind, von Demenzkranken, aber auch von Angehörigen und Pflege-Fachleuten gestaltet.

Zum ersten Mal ist die Ausstellung beim Infotag Demenz auf dem Bremer Marktplatz gezeigt worden. Jetzt wandert sie - und zur Vorpremiere des Films wird sie dann im Viertel zu sehen sein.

Das fünfte und letzte Format dieses Crossmedia-Projektes ist eine interaktive Webseite. Mitte September, zum Ausstrahlungstermin des Dokumentarfilms auf arte, soll die Website online gehen. Dort findet man dann Hintergrundinformationen zum Thema Demenz oder Fotos und Material vom Filmdreh. Experten, Pflegekräfte und Angehörige antworten in Videoclips auf verschiedenste Fragen.

Der Film "Roboter zum Kuscheln - Heilsam für Demenzkranke?" läuft am Freitag, 16. September, um 21.45 Uhr auf arte. Die Bremer Vorpremiere ist am Sonntag, 11. September, 11 Uhr, ein Heimspiel des Filmbüros. Die Internetseite heißt www.squeezeme.de und die Debattenseite auf Facebook www.facebook.com/parobremen.

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