Serie „Spieltrieb“

Therapiespiele für Kinder: Fragen, raten, reden

Spielerisch heilen – geht das? Zu Besuch bei dem Bremer Manfred Vogt, der Therapiespiele für Kinder entwickelt.
22.03.2020, 05:00
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Therapiespiele für Kinder: Fragen, raten, reden
Von Katharina Frohne

Das Zebra purzelt auf den Tisch und landet auf seinen vier Hufen. Pinguin, Schwein und Flamingo haben weniger Glück, poltern hinterher, fallen auf Bauch, Schnauze, Rücken. Manfred Vogt, dunkelgrauer Wollpullover, warme Therapeutenstimme, eilt zu Hilfe, stellt die Gummitierchen ordentlich nebeneinander auf.

Die Figuren sind Teil der sogenannten Microtiere – eines Sets, das Vogt auf der Internetseite seines Verlags anbietet: des Manfred-Vogt-Spieleverlags. 55 Stück im Stoffbeutel, zwei bis fünf Zentimeter groß, handbemalt. Seit 1994 entwickelt Vogt therapeutische Spiele für Kinder, inzwischen zusammen mit seiner Frau, die wie er auch als Psychotherapeutin tätig ist. Seinen Sitz hat das Unternehmen in einem schmucken Altbau in der Nähe des Dobben. Diese kleinen putzigen Tierchen sollen also nicht nur Spaß machen, sondern heilen können?

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Das eine bedinge das andere, sagt Vogt. Ein Nachmittag Ende Februar, Prä-Corona-Zeit. Auf der Straße vor dem Haus brummt der Innenstadtverkehr, Radfahrer scheppern über den Gehweg. Im Verlag ist es ruhig. Vogt hat in eine Sitzecke im Erker gebeten, neben dem Miniatur-Zoo liegen Schokokekse auf einer Untertasse. Wenn er die Tierfiguren während seiner Arbeit mit Kindern anwende, dann stehe der Spaß im Mittelpunkt. Denn nur, wer Spaß habe, sei entspannt. Und nur, wer entspannt sei, könne offen reden.

Und darum geht es. „Die Spiele machen es möglich, ungezwungen ins Gespräch zu kommen“, sagt Vogt. Er arbeitet mit Kindern, die Probleme haben, die sie sehr belasten; Probleme, über die sie oft nicht sprechen können. Manchmal, weil ihnen der richtige Gesprächspartner fehlt. Manchmal, weil sie nicht die Worte finden für das, was sie belastet. Und manchmal, weil sie selbst nicht wissen, dass etwas nicht stimmt. Kinder, die Gewalt erfahren haben, gehören dazu, aber auch Scheidungskinder oder solche, die von Gleichaltrigen gemobbt werden.

Der Vater ist der Pinguin, die Mutter die Kuh

Ein Therapiekind würde er nun beispielsweise darum bitten, seine Familie mit Tieren nachzustellen, sagt Vogt. Er greift noch einmal zum Stoffbeutel, schüttet Schlange, Gepard und Kuh auf den Tisch. „Das Kind ist selbst dann vielleicht der Gepard, der Vater der Pinguin, die Mutter die Kuh, die Stiefmutter die Schlange.“ Und das heißt? Erst mal gar nichts, sagt Vogt. Früher, in der klassischen Tiefenpsychologie, seien Tieren oft bestimmte Eigenschaften zugeordnet worden. Die fiese Schlange. Der schlaue Fuchs. Die gutmütige Kuh. Heute gehe es eher darum, die Anordnung der Tiere zu betrachten. Wo platziert das Kind sich selbst, wo Mutter, Vater, Stiefmutter?

Stehen sie nah beieinander? Halten sie Abstand? Vogt beobachtet und stellt Fragen: Mag der Gepard die Schlange? Würde er es schön finden, wenn Pinguin und Kuh sich besser verstehen würden? „Wir reden über die Tiere“, sagt Vogt. „Für die Kinder ist das angenehmer, als wenn ich sie mit Fragen löchere, wenn ich direkt frage: Magst du deine Stiefmutter nicht?“

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Auf die Idee, Spiele zu entwickeln, die es leichter machen, über schwere Themen zu sprechen, kam er Anfang der 90er-Jahre. Vogt war auf die Therapiespiele eines US-amerikanischen Kinderpsychiaters gestoßen; gemeinsam beschlossen beide, ähnliche Spiele für den deutschen Markt zu entwerfen. Heute hat der Verlag mehr als 20 Karten- und Brettspiele im Programm, von einigen wurden bereits mehrere Tausend Exemplare verkauft: an Therapeuten, Psychiater, Kinderhilfseinrichtungen, Kliniken, Privatpersonen. Hergestellt werden sie vom bekannten Ravensburger-Verlag, illustriert werden viele von ihnen von der Bremer Karikaturistin und Illustratorin Bettina Bexte.

Es klingelt an der Haustür, Tobi (Name geändert) ist da. Tobi, elf Jahre alt, ist keines der Kinder, mit denen Vogt in seiner Therapie arbeitet. Die beiden kennen einander, seit Vogt im vergangenen Jahr Fotos für seine Verlagswebsite machen ließ. Tobi war eines der Kinder, die für die Fotos testspielten. Model gewissermaßen. Tobi lacht. Er helfe gerne dabei, zu demonstrieren, wie die Spiele funktionieren, sagt er. Er kenne sie ja schon. „Okay und Hey-Stopp!“ zum Beispiel.

Die Fragen sind andere

Vogt breitet ein Spielbrett aus. Darauf: ein Haus mit mehreren Etagen, durch das die Spielfiguren hindurchmarschieren müssen. Spieler ziehen Karten und beantworten Fragen, anschließend werden sie mit Zügen belohnt. Wer zuerst am Ziel ist, hat gewonnen. Ganz normales Brettspiel eben. Nur, dass die Fragen andere sind. Und, dass es kein Richtig und kein Falsch gibt. Vogt zieht eine Spielkarte und fragt: „Ein Sohn sitzt auf dem Schoß seiner Mutter. Ist das okay?“ „Wenn das Kind das okay findet, dann ja“, sagt Tobi. „Gibt es etwas, das du nicht okay findest?“, fragt Vogt. „In der Schule“, sagt Tobi. „In der Schule?“, fragt Vogt. „Ja, wenn sie mir die Mütze klauen.“

Die Spiele sollen dabei helfen, die klassische Therapiesituation zu vermeiden, sagt Vogt. Fragen zu stellen, ohne Druck auszuüben. Jedes von ihnen kreist dabei um andere Probleme: um zwischenmenschliche Konflikte, um Probleme, die bislang nicht reflektiert wurden, um Gefühle, die sich nicht deuten ließen. Mit Spielen das Eis brechen, das könne im Übrigen nicht nur im Umgang mit Kindern hilfreich sein, sagt Vogt. Ihm sei zu Ohren gekommen, dass eines seiner Brettspiele von Anwälten gebraucht wird – zur Vermittlung zwischen zerstrittenen Ehepartnern. Der Titel ist dabei Programm. Es heißt: „Sich einigen!“

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