Perkussionist Von Beruf Trommler

Thomas Schacht arbeitet seit 25 Jahren als freiberuflicher Trommellehrer in Bremen. Eine Ausbildung oder ein Studium dafür hat er nie absolviert - wie schafft er es, Geld damit zu verdienen?
26.03.2021, 11:48
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Von Beruf Trommler
Von Patricia Friedek

Für Thomas Schacht gibt es zwei Orte, an denen er zu Hause ist. Einer ist das Bremer Viertel, wo er eigentlich wohnt. Der andere befindet sich am Güterbahnhof. Dort, am Bremer Hauptbahnhof, wo viele Künstler und Künstlerinnen ein Areal gemietet haben, verbringt Thomas Schacht so gut wie jeden Tag mehrere Stunden bei seinen Trommeln. Für ihn ist es der schönste Proberaum, den er sich vorstellen kann, sagt er.

Hier reihen sich die bunten Trommeln aus Afrika oder Südamerika in den Regalen aneinander. An der Wand hängt ein großer Gong, in der Mitte steht ein Schlagzeug und Congas und Djemben in den verschiedensten Größen. Der Raum hat etwas von einem Instrumentengeschäft, aber von einem sehr persönlichen. Es ist warm und der Geruch von altem Leder und Holz schwebt in der Luft. Schacht kann mit ein bisschen Klopfen alles in diesem Raum zu einem Instrument machen. Begeistert zeigt er ein großes Metallgefäß, in dem mal Farbe gewesen sein muss, und entlockt ihm gleich drei verschiedene Klänge. Wenn man ihn fragt, welche seine liebste Trommel ist, springt er auf und demonstriert gleich fünf von ihnen. Er hat einen Tinitus, „na klar“, wie sollte es anders sein.

Kein Musikpädagoge

Thomas Schacht, 61, ist Percussionslehrer und leidenschaftlicher Trommler. Er möchte sich nicht mit dem Wort Musikpädagoge schmücken sagt er, denn obwohl er die Aufgaben eines solchen ausübt, hat er nie eine Ausbildung oder ein Studium absolviert. Als was er sich stattdessen bezeichnen würde? Schwierige Frage, wird ihm häufig gestellt. Er arbeitet seit 25 Jahren mit Kindern und Jugendlichen in Bremen, fährt von Schule zu Schule, trommelt in Theatern oder gibt Percussions-Workshops gleich in seinem Proberaum. Zu seinen Arbeitgebern zählen das paritätische Bildungswerk, das Bremer Theater oder das Quartier – er ist Freiberufler. Dabei geht er mehr wie ein Kinderversteher an seine Sache heran, statt wie ein Pädagoge, sagt Schacht. Oft ist er in sozialen Brennpunkten unterwegs. Ihm ist wichtig, jedem Kind eine Chance zu geben; zu zeigen, dass es okay ist, wie es ist. Viele sähen dann erst ihr Potenzial. Oft muss Schacht autoritär sein und sich behaupten, auch mal „grimmig gucken“. Am Ende der Stunde ist er aber dann doch der Kumpel, der den Jugendlichen die Hand zum Check hinhält. So erzählt er es. „Ich bin ein Freund des Konzepts ‚Zuckerbrot und Peitsche.‘“

Bis Schacht mit dem Trommeln Geld verdienen konnte, war es ein holpriger Weg, der ihn zwischendurch auf andere Kontinente führte. „Ich habe mir fast alles selbst beigebracht“, sagt er. Mit 15 Jahren kaufte Schacht sich sein erstes Schlagzeug vom eigenen Taschengeld, damals lebte er noch in seinem Elternhaus in Schleswig-Holstein. „Mein Vater hat sich immer beschwert und an der Tür gerüttelt“, erinnert er sich und muss lachen, was er sowieso viel tut. Er spielte in seiner ersten kleinen Band.

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Doch dann, nach der Schule, verlor er das Trommeln aus den Augen. Arbeitete in mehreren Betrieben, vor allem im Garten- und Landschaftsbau. 13 Jahre hat es gedauert, bis er wieder zu den Trommeln zurückgefunden hat. Der Liebe wegen zog er mit 30 nach Osterholz-Scharmbeck und wurde auf eine Annonce aufmerksam: „Schnürschuh Theater sucht Mitspieler für die Samba-Gruppe“, so oder so ähnlich lautete sie. Dann ist Schacht hingegangen und saß nach dem Kurs noch bis drei Uhr morgens mit den Leitern und einem Freund zusammen und trommelte. Das war der Moment, in dem seine Leidenschaft wieder aufflammte.

Die Liebe zu seiner Partnerin zerbrach, doch die zu den Trommeln blieb, und so ging Schacht bald zum ersten Mal nach Westafrika, um dort die Trommel-Kultur kennenzulernen; war im Senegal und Kongo. „In Afrika selbst habe ich technisch gar nicht so viel gelernt, dort gibt es eine ganz andere Art das Trommeln zu lehren“, erzählt Schacht. Dort gebe es keinen Frontal-Unterricht, dort trommelten die Menschen einfach drauf los und die Kinder schauten den Perkussierern über die Schulter, um sich die Künste abzugucken. Schacht hat dort gelernt, sich einfach dazuzusetzen und das Gefühl mitzunehmen, das durch die Gruppe entsteht. In Deutschland machte er dennoch einige Fortbildungen mit.

Ein Abenteurer

Zwischenzeitlich arbeitete Schacht in einem Instrumentenladen und trommelte mit der Samba-Gruppe Confusão in Palästina, Armenien oder Ungarn auf der Straße. An alles erinnert er sich gerne zurück, für ihn scheint sowieso alles ein Abenteuer zu sein. Mal fährt er einfach mit dem Fahrrad los und klopft bei einem Freund an der Tür, und wenn er in seinen Proberaum kommt, weiß er meistens noch gar nicht, was er dort machen wird. Manchmal sitzt er nur da und liest Noten, dann schraubt er an den Trommeln herum, oder kramt in alten Koffern mit noch mehr Equipment. Für ihn hat das alles etwas von Meditieren, sagt der 61-Jährige.

Schon mehrfach hat er von Schulen ein Angebot für eine feste Anstellung bekommen, aber das wäre nichts für einen wie Thomas Schacht. Er braucht die Abwechslung, oft arbeitet er an einem Tag an drei verschiedenen Orten. Selbstredend, dass ihn die Corona-Zeit belastet, ihm das miteinander Trommeln und die Abwechslung fehlt. Sobald es wieder geht, möchte er wieder nach Afrika reisen, oder nach Südamerika.

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