Fang in den sozialen Netzwerken präsentiert

Zwei Bremer Angler wegen Tierquälerei verurteilt

Eigentlich ging es den beiden Anglern nur darum, ihren Fang auf Facebook und Youtube zu zeigen. Doch genau das wurde ihnen vor Gericht jetzt zum Verhängnis.
12.06.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Zwei Bremer Angler wegen Tierquälerei verurteilt
Von Ralf Michel
Zwei Bremer Angler wegen Tierquälerei verurteilt

Wer Karpfen ohne vernünftigen Grund fängt, läuft Gefahr, wegen Tierquälerei verurteilt zu werden.

Roland Scheitz

Sie sind gut drauf, die beiden jungen Männer, die mit ihren Schlapphüten auf dem Kopf fröhlich in die Kamera grinsen, während sie sich forschen Schrittes ihrem Ziel nähern. „Yo Leute, was geht? Die Drill-Brothers am Start“, begrüßt einer der beiden die Fangemeinde, die sich das selbstgedrehte Video später auf Youtube oder Facebook anschauen wird. Und erklärt auch gleich den Plan des Angler-Duos: Am Tag zuvor habe man beim Köderfischen in dem See beim Achterdiekpark in Oberneuland per Zufall einen Graskarpfen gesehen, sogar an der Schnur habe man ihn schon kurz gehabt. Heute nun wolle man den mächtigen Fisch, kurzerhand getauft auf den Namen „Wilhelm Graskopf“, fangen. Alles festgehalten natürlich mit der Kamera, auf dass alle Angel-Fans ihre Freude daran haben.

Doch jetzt im Amtsgericht schauen ganz andere das Video, eine Richterin und eine Staatsanwältin. Und von Freude ist auch keine Rede mehr. Eher von Tierquälerei, denn deswegen sind die beiden Angler angeklagt. Sie hätten zumindest billigend in Kauf genommen, dem Fisch „beträchtliche unangenehme Gefühlserlebnisse“ zugefügt und sein „Wohlbefinden außerordentlich beeinträchtigt“ zu haben, heißt es in der Anklage.

Video für Youtube und Facebook

An der Tat selbst gibt es kein Deuteln, schließlich wurde sie von Anfang bis Ende im Video festgehalten. Dramatisch aufbereitet – „Wird es uns gelingen? Unsere einzige Chance, wir haben nur einen einzigen Haken dabei!“ – beginnen die beiden 28 und 24 Jahre alten Hobby-Angler das, was sie als „Kampf mit dem Fisch“ bezeichnen. Und präsentieren am Ende des Film stolz ihren „Mega-Fang“: „Wir haben Wort gehalten!“ Ein letztes Bild noch mit dem Karpfen, dann wird er zurück ins Wasser gesetzt.

Auch, dass dies alles nicht in Ordnung war, wissen die beiden Angeklagten. „Das war Mist, wir haben einen Fehler gemacht“, räumt der Ältere der beiden gleich zu Beginn der Verhandlung ein. „Wir haben da nicht lange drüber nachgedacht, sondern einfach gemacht.“ Sonst halte man sich beim Angeln immer an die Regeln. „Aber der hier war einfach eine Trophäe.“ Man werde das nie wieder machen und das Video sei auch längst gelöscht.

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Das, was da nicht in Ordnung war, wird in Fachkreisen als „Catch and Release“ bezeichnet, also als Fangen und wieder Freilassen von Fischen, allein um des Spaßes am Angeln willen. Oder um den Fang hinterher im Internet zeigen zu können. Im Tierschutzgesetz wird dies unter „einem Tier sinnlos Schmerzen und Leiden zufügen“ gefasst und gilt als Tierquälerei. Die kann mit einer Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder einer Geldstrafe geahndet werden.

Ihrem Fang einen, wie es im Tierschutzgesetz heißt, „vernünftigen Grund“ zu geben, nämlich ihn verspeisen zu wollen, versuchen die Angeklagten gar nicht erst. Würde man zwar auch häufig machen, so der 28-Jährge. Aber nicht dieser Graskarpfen. „Viel zu modrig, der schmeckt nicht.“

Fische empfinden Schmerzen und Leiden

Bleibt für das Gericht die alles entscheidende Frage: Musste der Fisch in diesem Fall erhebliche Leiden ertragen? Denn nur dann handelt es sich um einen strafrechtlichen Verstoß. Die Frage beantwortet eine tiermedizinische Sachverständige und auch hier gibt es kein Vertun: Seit mindestens zehn Jahren sei es wissenschaftlich erwiesen, dass Fische Schmerzen und Leiden empfinden können, sagt die Expertin. Ohne Zweifel hätte der Karpfen in diesem Fall erheblich gelitten.

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Nicht ausgeschlossen außerdem, dass er inzwischen sogar tot ist, obwohl er unmittelbar nach dem Fang wieder ausgesetzt wurde. Die beiden Angeklagten beteuern zwar, dass der Karpfen am nächsten Tag „wieder munter seine Runden im See gedreht“ habe, doch die Wissenschaft geht davon aus, dass 30 Prozent solcher Fänge wegen des erlebten Stresses und der Schmerzen die nächsten 48 Stunden nicht überleben.

Letztlich werden die beiden arbeitslosen Männer zu Geldstrafen von 50 Tagessätzen à zehn Euro verurteilt. Wobei die Richterin beiden ihre Einsicht, Reue und Entschuldigung zugutehält. Tierquälerei bleibt es trotzdem: „Und wenn Sie richtig drüber nachgedacht hätten, hätten Sie das auch wissen können.“

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