Kommentar über Erziehung und Ernährung Tierschutz und Kinderrechte gehören ins Grundgesetz

Wie der Tierschutz gehören auch die Kinderrechte ins Grundgesetz, meint der Erziehungswissenschaftler Hans Brügelmann.
16.03.2017, 19:36
Lesedauer: 2 Min
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Von Hans Brügelmann

Es gibt viele Gründe, weniger oder gar kein Fleisch zu essen: unser Interesse an der eigenen Gesundheit, aber auch die dramatischen ökologischen Schäden. Mich als Pädagogen beschäftigt etwas anderes noch mehr: unser eigensüchtiger und rücksichtsloser Umgang mit anderen Lebewesen. Welche Botschaft geben wir damit unseren Kindern? Kürzlich habe ich von einem Gedankenspiel gelesen, das mich erneut aufgeschreckt hat. Man stelle sich vor, Lebewesen einer unbekannten Art aus dem Weltraum erobern die Erde. Sie sprechen keine unserer Sprachen und verstehen uns auch nicht. Aber dank ihrer überlegenen Intelligenz gelingt es ihnen, die Menschheit zu unterwerfen. Leider finden sie schnell Geschmack an uns als Nahrungsmittel. Wegen des hohen Bedarfs fangen sie an, Menschen zu züchten. Frauen werden in engen Großräumen gehalten und künstlich besamt. Kurz nach der Geburt nimmt man ihnen die Säuglinge weg. Die Muttermilch wird als besondere Delikatesse abgepumpt. 90 Prozent der männlichen Neugeborenen werden kastriert – ohne Betäubung.

All das machen wir mit Tieren. Viele Kinder, die das mitbekommen, wollen von Tieren nichts mehr essen. Und sie stellen Fragen. Fragen, die den Schutzpanzer durchbohren, mit dem wir uns gegen Bilder aus Ställen und Schlachthöfen schützen. Woher nehmen wir das Recht, andere Lebewesen leiden zu lassen? Kann man nicht auch gesund leben, ohne Fleisch zu essen? Oder wenigstens seltener – und dafür zu einem Preis, der eine artgerechte Haltung ermöglicht. Kinder bekommen übrigens auch mit, dass in manchen Ländern die Kuh heilig ist, aber Hunde oder Meerschweinchen als Delikatesse gelten. Wer darf das entscheiden? Wieso eigentlich wir?

Solche Gespräche mit Kindern gehen an die Substanz. Denn Kinder geben nicht schnell auf, wenn sie etwas unlogisch oder unmoralisch finden. Die Frage ist nur, was sie aus unseren Antworten lernen. Und: Lernen wir auch etwas aus ihren Bedenken? Deren Klugheit und Moralität wirft eine ganz andere Frage auf: Mit welchem Recht bestimmen wir Erwachsenen allein über die Regeln unseres Zusammenlebens? Seit 1989 fordert die UN-Kinderrechtskonvention, Kinder als eigenständige Persönlichkeiten zu respektieren. Mehr Selbst- und Mitbestimmung aber gewähren wir ihnen immer noch nicht.

Die Sensibilität der Kinder gegenüber dem Leid der Tiere müsste uns also doppelt beschämen. Und veranlassen, endlich tätig zu werden. Im eigenen Umfeld – aber auch politisch. Wie der Tierschutz gehören auch die Kinderrechte ins Grundgesetz. Aber dann muss die „artgerechte Haltung“ für Tiere wie für Kinder endlich auch Alltag werden.

Zur Person

Unser Gastautor ist Erziehungswissenschaftler und hat von 1980 bis 2012 als Professor für Grundschulpädagogik und -didaktik an der Universität Bremen gelehrt. Außerdem ist er Fachreferent für Qualitätsentwicklung im Grundschulverband.
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