Ex-Torwart kündigt Berufung an

Tim Wiese wegen Beleidigung eines 92-Jährigen verurteilt

Ex-Nationaltorhüter und Werder-Bremen-Spieler Tim Wiese ist vom Amtsgericht Bremen wegen Beleidigung verurteilt worden. Es wartet eine saftige Geldstrafe.
04.07.2019, 12:24
Lesedauer: 3 Min
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Von Carolin Henkenberens Christoph Sonnenberg

Als der Staatsanwalt sein Plädoyer vorträgt, tippt Tim Wiese auf dem Handy. Er habe ja nur auf die Uhr sehen wollen, sagt Wiese nach einer Ermahnung. Es ist Mittwochmittag, Raum 651 im Amtsgericht Bremen. Zwei Stunden waren Zeugen vernommen, Fotos gereicht, ein Handyvideo vorgeführt und die finanziellen Verhältnisse des prominenten Angeklagten ausgebreitet worden. Der sitzt bei allem lässig auf seinem Stuhl, fährt sich gelegentlich durch die gegelten Haare, lächelt.

Das Amtsgericht Bremen sieht es als erwiesen an, dass Tim Wiese im Mai 2018 einen damals 91 Jahre alten Pensionär im Streit als „alter Sack“ oder „müder Sack“ bezeichnete. Der Ex-Nationaltorhüter und Werder-Spieler ist deshalb am Mittwoch wegen Beleidigung zu 25 000 Euro Geldstrafe (25 Tagessätze à 1000 Euro) verurteilt worden. Tim Wiese streitet die Vorwürfe ab. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Wiese will Berufung einlegen, sagte er dem WESER-KURIER.

"Sie nehmen das bis heute nicht ernst"

Der Streit zwischen Wiese und dem damals 91-Jährigen ereignete sich am 14. Mai vergangenen Jahres auf einem Parkplatz eines Elektromarktes in Bremen. Dort parkte der gehbehinderte Mann auf dem Behindertenparkplatz. Als der Mann vom Einkaufen kam, bemerkte er, dass er zugeparkt war. Wieses weißer Lamborghini (monatliche Leasing-Rate laut Staatsanwalt 4482 Euro) habe so nah neben seiner Fahrertür gestanden, dass er nicht einsteigen konnte, sagte der alte Mann. Er habe etwa 20 Minuten in der Hitze warten müssen, bis Wiese auftauchte. Der alte Mann war aufgebracht, es kam zum Streit.

"Sie nehmen das bis heute nicht ernst", sagt der Staatsanwalt im Plädoyer zu Wiese, der das Handy wieder beiseite gelegt hat. Einer, der mal mit der Fußballnationalelf vor dem Brandenburger Tor stand, sei für viele ein Idol. Er hätte dem alten Mann, der seinetwegen eine Weile in der Hitze stehen musste, vielleicht ein Glas Wasser anbieten oder sich entschuldigen können. Stattdessen, so ist das Gericht überzeugt, beleidigte er den Mann.

Die genaue Beschimpfung sei unerheblich, so die Richterin in der Urteilsbegründung. Der Geschädigte gab bei der Polizei zu Protokoll, dass Wiese zu ihm „Du müder Sack“ gesagt habe, später sprach er von der Wortwahl „Du alter Sack“. Als "besonderes Detail" und Zeichen der Respektlosigkeit wertete der Staatsanwalt, dass Wiese zu dem damals 91-Jährigen, der auf zwei Krückstöcke angewiesen ist, gesagt haben soll, dieser hätte ja nicht stehend warten müssen; er hätte sich ja auf den Boden legen können.

Anwalt plädierte auf Freispruch

Wieses Anwalt plädiert auf Freispruch. "Ich halte den Vorwurf für unbewiesen", sagt Oliver Credo. Die Zeugen hätten die Wortwahl nicht bestätigt. Auch sehe er viele Widersprüche. So habe der alte Mann kurz nach dem Vorfall auch von Körperverletzung gesprochen. Wiese hatte den Mann nämlich am Rücken berührt. Drei Zeugen sagen vor Gericht aus, dies als beschwichtigendes Klopfen oder Antippen wahrgenommen zu haben. Wie aber, fragt der Anwalt, solle man dem Mann glauben, dass es eine Beleidigung gab, wenn sich die Körperverletzung als unwahr herausstellte. Auch verweist Credo darauf, dass der Pensionär sich ja auch auf der Beifahrerseite hätte hinsetzen können. Und außerdem sei sein Mandant vor Gericht genau wie jeder andere Verkehrsteilnehmer zu behandeln und nicht anders, nur weil er für viele ein Idol ist.

So cool sich Wiese vor und während der Verhandlung gibt: Auf das Urteil reagiert er erbost. „Bremen ist ein armer Stadtstaat, offenbar wollen sie sich auf diese Art das Geld von den Bürgern holen. Für mich ist das reine Geldmacherei“, sagt der 37-Jährige dem WESER-KURIER. Seine Frau Grit meinte: „Ich war überrascht, da es für diese Aussage keine glaubwürdige Zeugenaussage gab.“

Der Geschädigte war mit dem Urteil zufrieden. Eigentlich sei es ihm um eine Entschuldigung gegangen, sagt er. Hätte es die gegeben, sei es ihm zufolge nicht so weit gekommen.

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