Michael Tillmann sprach bei "Wissen um elf" über Ohrgeräusche Tinnitus als innerer Konflikt

Altstadt. Während Maurice Ravels Klavierkonzert in G-Dur spielte, war ein unangenehmes Fiepen zu hören, als bremse ein Zug oder gäbe es eine Rückkopplung. Nicht lange und einigen Zuhörer von "Wissen um elf" im Haus der Wissenschaft wurde das Geräusch unerträglich. Sie forderten den Referenten Michael Tillmann auf, die Aufnahme abzustellen. "Der US-Musiker Martin Holland hat damit seine eigenen Tinnitusgeräusche dargestellt und bei YouTube eingestellt", erklärte Michael Tillmann.
18.08.2011, 05:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Solveig Rixmann

Altstadt. Während Maurice Ravels Klavierkonzert in G-Dur spielte, war ein unangenehmes Fiepen zu hören, als bremse ein Zug oder gäbe es eine Rückkopplung. Nicht lange und einigen Zuhörer von "Wissen um elf" im Haus der Wissenschaft wurde das Geräusch unerträglich. Sie forderten den Referenten Michael Tillmann auf, die Aufnahme abzustellen. "Der US-Musiker Martin Holland hat damit seine eigenen Tinnitusgeräusche dargestellt und bei YouTube eingestellt", erklärte Michael Tillmann.

Etwa sieben Millionen Menschen leiden in Deutschland an einem ständigen Ton im Kopf. Die Deutsche Tinnitus Liga erklärte die Krankheit bereits 1999 zur Volkskrankheit. Tinnitus ist kein rein deutsches, sondern ein weltweites Problem. Michael Tillmann ist Psychoanalytiker und Psychotherapeut. Seine Dissertation an der Universität Bremen hat er erst vor kurzem zu diesem Thema geschrieben. In seiner Praxis therapiert er bereits seit etwa 20 Jahren Betroffene.

"Ein Blick in die Geschichte zeigt uns, dass Tinnitus durchaus nicht neu ist", sagte Michael Tillmann. In Mesopotamien wurde Tinnitus bereits 2700 Jahre vor Christus vermerkt. "Ursache der Tinnitusepidemie könnte ein tiefgreifender Modernitätssprung gewesen sein, der heute auch stattfindet - der Übergang vom Nomaden zum Sesshaften", sagte Michael Tillmann. Auch in orientalischen Schriften wurde das Fiepen beschrieben. Es wird einem Totengeist zugeschrieben, der zurückkehrte, da er nicht ordnungsgemäß bestattet wurde. Damals wurde Tinnitus nicht nur medizinisch behandelt. Eine Besänftigung der Geister und Wiederherstellung der Harmonie, war Teil der Therapie. Diese mythologische Betrachtung taucht bis ins 19. Jahrhundert immer wieder auf.

"So alt, wie das Phänomen Tinnitus ist, so viele Heilungsversuche gab und gibt es", sagte Michael Tillmann. Keine Methode hat bisher großen Erfolg gezeigt. Tinnitus wird als unheilbar angesehen, und Betroffene sollten ihn als dauerhaften Begleiter akzeptieren. Eine Ursache ist bis heute nicht bekannt.

Dennoch bemüht sich die Medizin verstärkt, diese Krankheit zu behandeln, was Michael Tillmann mit dem Aderlass des 18. Jahrhunderts verglich. Häufig wurde mangels Therapiemethoden einfach etwas ausprobiert. Michael Tillmann sieht auch heutige Therapiemethoden wie Infusionstherapie oder Tinnitus-Retraining-Therapie als reines Ausprobieren. "Als Psychoanalytiker fällt mir auf, dass da etwas fehlt", sagte Michael Tillmann.

Zwei wesentliche Theorien gibt es zu Ursachen des Tinnitus. Einmal wird von einer Durchblutungsstörung im Innenohr ausgegangen. Behandlungserfolge sind selten und haben eine hohe Zahl an Nebenwirkungen. Sollte diese Theorie zutreffen, müssten Patienten zudem mit der Zeit taub werden - tun sie aber nicht. Die zweite zentrale Theorie geht von einem Hirndefekt aus. Das Hinhören soll dann durch ein Verhaltenstherapie abgewöhnt werden.

Michael Tillmann rät genau zum Gegenteil - zum Hinhören und Erforschen. Er sieht den Tinnitus in einem inneren emotionalen Konflikt begründet, der so nach außen tritt. "Es ist wichtig, mit dem, was wir erlebt haben und was sich in dem Symptom ausdrückt, umzugehen", sagte Michael Tillmann. Er sieht den Erfolg in einer langfristigen Gesprächstherapie.

Warum tritt Tinnitus gerade in den letzten 20 Jahren massiv auf, wo es das Symptom schon so lange gibt? Michael Tillmann sieht ein Zusammenhang mit der verstärkten Globalisierung. Wirtschaftlich, politisch und kulturell verändert sich die Welt. Institutionen die früher Halt gaben - Kirche, Gewerkschaft oder Partei - sind nicht mehr verlässlich. Die Veränderungen, sagte Michael Tillmann, "nehmen ein Ausmaß an, bei dem der einzelne nur schwer mithalten kann". Das Vertraute geht verloren, und viele fühlen sich ausgeliefert. Dies kann zu Angst und Depression führen. Oft reagieren Menschen in solchen Situationen mit Rückzug ins Innere. Vom emotionalen Empfinden entfremdet, meldet sich der Tinnitus als physische Manifestation eines inneren Konfliktes.

"Das Tinnitus-Symptom ist für mich nicht beschränkt auf das Ohr oder das Gehirn, sondern ein Ausdruck des ganzen Menschen und seiner Geschichte", sagte Michael Tillmann. Innere Spannung kann durch Sprechen gelöst werden. Etwas, das in der heutigen Medizin zu kurz kommt.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+