Noch keine heiße Spur

Tod des Flüchtlingsjungen bewegt Lüssum

Die Staatsanwaltschaft vermutet die Schlägertruppe, die den 15-jährigen Odai K. zu Tode geprügelt hat, im kurdischen Kulturkreis. Trotz Augenzeugen könnten sich die Ermittlungen jedoch schwierig gestalten.
09.01.2017, 15:52
Lesedauer: 3 Min
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Tod des Flüchtlingsjungen bewegt Lüssum
Von Jürgen Theiner
Tod des Flüchtlingsjungen bewegt Lüssum

Silvesterstreit mit Todesfolge: Tatort Bremen-Blumenthal, Lüssumer Heide.

Christian Kosak

Die Staatsanwaltschaft vermutet die Schlägertruppe, die den 15-jährigen Odai K. zu Tode geprügelt hat, im kurdischen Kulturkreis. Trotz Augenzeugen könnten sich die Ermittlungen jedoch schwierig gestalten.

Im Fall des 15-jährigen Syrers Odai K., der in der Silvesternacht in Lüssum zu Tode geprügelt wurde, verfolgt die Polizei noch keine heiße Spur. Die Staatsanwaltschaft geht aber davon aus, dass die Täter aus dem kurdischen Kulturkreis stammen. Der Tatvorwurf lautet auf Totschlag.

Nach bisherigem Ermittlungsstand war der Junge am Neujahrsmorgen gegen 0.20 Uhr in der Nähe der elterlichen Wohnung an der Lüssumer Heide in eine Auseinandersetzung mit mehreren Männern geraten. Möglicherweise spielte dabei Silvesterknallerei eine Rolle. Der Junge flüchtete sich in eine nahe Gaststätte. Dort war gerade eine private Feier im Gang.

Partygast alamierte Rettungsdienst

In dem Lokal wurde Odai K. „von der Verfolgergruppe gestellt und körperlich schwer misshandelt", heißt es in einer Rekonstruktion des Sachverhaltes, die die Staatsanwaltschaft am Montagnachmittag veröffentlichte. Gegen 0.30 Uhr habe ein Partygast den Rettungsdienst alarmiert, der kurze Zeit später eintraf.

Die Polizei erfuhr laut Behörde erst zwei Stunden später durch Familienangehörige des Opfers von dem Vorfall. Die Ermittlungen hätten deshalb nur mit Verspätung aufgenommen werden können. Gesicherte Erkenntnisse gibt es bisher also wenige, dafür umso mehr Gerüchte und Schuldzuweisungen in den sozialen Netzwerken des Internets.

Der Tod des 15-Jährigen hat in Lüssum sofort wieder den latenten Konflikt zwischen kurdisch- und türkischstämmiger Wohnbevölkerung aufbrechen lassen. Der hat auch eine religiöse Komponente, denn viele der in der Lüssumer Heide lebenden Kurden sind Jesiden, in den umliegenden Straßen gibt es dagegen viele Muslime.

Schuldzuweisungen und Unterstellungen im Internet

Zwischen diesen Gruppen kam es in den vergangenen Jahren schon häufiger zu Konflikten. Auf Facebook beharken sich nun Türken und Kurden, wobei den mutmaßlichen Tätern eine Nähe zur verbotenen Terrororganisation PKK unterstellt wird. Zudem gießt ein angeblicher Journalist Öl ins Feuer.

Er postet unentwegt auf seiner Facebook-Seite Parolen wie "Odai, ermordet von der PKK. Odai, dein Tod darf nicht ungesühnt bleiben." Sogar ein Foto eines mutmaßlichen Verdächtigen hat der selbst ernannte Ermittler ins Netz gestellt.

Nicht überprüfbar sind derzeit Informationen aus anderer Quelle, nach denen sich mehrere der mutmaßlichen Schläger aus Lüssum abgesetzt haben sollen, darunter ein polizeibekannter Mann mit langem Vorstrafenregister. Auf Nachfrage erklärte die Staatsanwaltschaft, sie besitze darüber keine Kenntnisse.

Für Begräbnis wird Geld gesammelt

Der WESER-KURIER konnte am Montag mit einer Person aus dem familiären Umfeld des 15-Jährigen sprechen. Odai K. war nach Angaben des Mannes das älteste von drei Geschwistern einer aus Syrien geflüchteten Familie. Mutter und Vater seien am Boden zerstört. "Der Vater sagt: Wären wir bloß in Syrien geblieben, dann wären wir dort zusammen gestorben", so die Kontaktperson.

Die Familie habe niemanden in Deutschland, der sie in der furchtbaren Situation nach dem Verlust ihres Sohnes psychisch unterstützen könne. Für das Begräbnis des 15-Jährigen, das voraussichtlich am Mittwoch auf dem Aumunder Friedhof stattfinden soll, werde privat in Lüssum Geld gesammelt.

Der gewaltsame Tod des syrischen Teenagers erschüttert auch Quartiersmanagerin Heike Binne, die sich seit Jahren im Lüssumer "Haus der Zukunft", ganz in der Nähe desTatortes, um den Aufbau tragfähiger nachbarschaftlicher Strukturen bemüht.

"Diese Tat ist nicht quartierstypisch

"Es ist hier eine große Betroffenheit spürbar", sagte Binne. "Das vorherrschende Gefühl bei den Leuten ist: Da kommen Leute hierher, die dem Krieg in Syrien entronnen sind, und müssen dann so etwas Schreckliches erleben." Allerdings ist sich Binne sicher: "Diese Tat ist nicht quartierstypisch", auch wenn es in Lüssum natürlich auch Gewalt gebe.

Seit 2015 seien ungefähr 100 Familien als Flüchtlinge in den Blumenthaler Ortsteil gekommen. Viele von ihnen habe die Sozialarbeit im Quartier inzwischen erreicht. "Da gibt es viel Positives zu berichten", so Binne. Durch Odais Tod drohe nun das falsche Klischee wieder aufzuleben, "dass in Lüssum Mord und Totschlag herrschen".

Ermittlungsarbeit könnte sich schwierig gestalten

Andere Gesprächspartner des WESER-KURIER im Quartier sind dagegen weniger überrascht, dass sich die Gewalttat in ihrem Umfeld ereignete. "Es gibt hier tatsächlich eine Menge Leute, die keine Grenzen und keine Hemmungen kennen", sagte ein sozialer Aktivist mit türkischen Wurzeln, der nicht namentlich genannt werden möchte.

"Außerhalb der eigenen ethnischen Gruppe kennen manche Leute keine Gnade", formulierte es ein anderer Kenner des Ortsteils. Beide treibt zudem die Sorge um, dass sich die Ermittlungsarbeit von Polizei und Staatsanwaltschaft schwierig gestalten könnte. Das Vorgehen der Schlägertruppe sei von einer ganzen Reihe von Augenzeugen beobachtet worden. Doch aus Angst vor Repressalien würden sich wohl nur die wenigsten als Zeugen zur Verfügung stellen.

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