Tödliche Schüsse Ermittlungen gegen zwei Polizisten

Ein 54-Jähriger ist am Donnerstag bei einem Polizeieinsatz in Gröpelingen erschossen worden. Gegen zwei der beteiligten Polizisten ermittelt nun die Staatsanwaltschaft.
19.06.2020, 14:21
Lesedauer: 4 Min
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Ermittlungen gegen zwei Polizisten
Von Ralf Michel

Nach den tödlichen Schüssen in Gröpelingen ermittelt die Staatsanwaltschaft Bremen wegen Totschlags gegen zwei Polizeibeamte. „Routine“, betont Frank Passade, Sprecher der Anklagebehörde. Es gehe darum, den Sachverhalt zu klären und rechtlich einzuordnen. Soll heißen, die Frage zu beantworten, ob der Einsatz der Schusswaffe gerechtfertigt war. Die beschuldigten Beamten haben sich nicht zu dem Vorfall geäußert. Auch das ist laut Passade ein normaler Vorgang. Als Beschuldigte steht ihnen in einem solchen Ermittlungsverfahren ein Aussageverweigerungsrecht zu.

Wie berichtet, war am frühen Donnerstagnachmittag am Gebäudekomplex Breitenbachhof ein 54-jähriger Mann von zwei Schüssen aus der Dienstwaffe eines Polizisten getroffen worden und kurz darauf im Krankenhaus gestorben. Nach derzeitiger Erkenntnislage der Staatsanwaltschaft war die Polizei als Begleitung von zwei Mitarbeitern einer Wohnungsbaugesellschaft vor Ort. Wegen mehrfacher Sachbeschädigung in der Wohnung war dem 54-Jährigen fristlos gekündigt worden, berichtet Passade. Am Donnerstag wollten Mitarbeiter der Gesellschaft die Wohnung besichtigen. Weil es aber Anhaltspunkte dafür gegeben habe, dass der unter Betreuung stehende Mann an einer psychischen Erkrankung litt, hätten zwei Streifenbeamte die Mitarbeiter begleitet.

54-Jähriger zieht Messer

Nach der Besichtigung sollte der Mann offenbar vom sozialpsychiatrischen Dienst untersucht werden, wofür man ihn mit zur Wache nehmen wollte, erklärte Passade am Freitag weiter. Damit sei er wohl nicht einverstanden gewesen, weshalb die Polizisten Verstärkung anforderten und zwei weitere Beamte in Zivil dazukamen. Dies alles sei aber noch nicht im Detail geklärt, unterstrich der Behördensprecher noch einmal die Vorläufigkeit der bisherigen Ermittlungsergebnisse.

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Für die weiteren Untersuchungen steht der Staatsanwaltschaft ein Video zur Verfügung, das ein Anwohner von einem Balkon aus aufgenommen hat. Passade bezeichnet die Aufnahmen als „sehr nützlich“, wollte aber keine Angaben zur vermutlichen Dauer der Ermittlungen machen. „Die Zeit, die wir brauchen. Das sind wir dem Verstorbenen und den Beschuldigten schuldig.“

Das eine Minute und 18 Sekunden lange Video zeigt den 54-Jährigen und rechts von ihm zunächst nur zwei Polizisten, die ihre Waffen gezückt haben und auf den Mann richten. „Ganz ruhig“ rufen sie ihm zu. Und: „Was haben Sie da?“ Der 54-Jährge hat eine Messerscheide in der rechten Hand, aus der er ein Messer zieht, die Klinge ist etwa 20 Zentimeter lang. Die Polizisten verständigen sich untereinander mit Zurufen – „Mach mal Pfeffer klar“ – und fordern den Mann immer wieder auf, das Messer wegzuwerfen. „Legen Sie das Messer auf den Boden, dann machen wir die Waffen auch weg“, bietet einer der Polizisten an. Der Marokkaner ruft mehrfach „Das bringt nichts“ und „Geh weg hier“.

Hinter den Polizisten steht ein weißer Anhänger. Als der weggefahren wird, haben die Beamten mehr Platz und beginnen, den Mann zu viert einzukreisen. Der reagiert mit zwei federnden Sprüngen, geht kurz in Angriffshaltung. Eine Polizistin ruft „Komm. Pfeffer“, woraufhin sich einer ihrer Kollegen dem Mann mit ausgestrecktem Arm bis auf etwa zwei Meter nähert.

Der 54-Jährige wendet für einen Moment den Kopf ab, stürmt dann aber unvermittelt auf den Polizisten mit dem Pfefferspray los, der nun seinerseits zurückweicht. „Das Messer weg“ brüllt ein anderer Beamter immer wieder hinter dem Angreifer her, dann fallen zwei Schüsse, und der 54-Jährige geht zu Boden. Hier endet die Aufnahme. Geschossen hat der Polizist mit dem Pfefferspray, berichtet Frank Passade. „Im Rückwärtslaufen.“

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Lüder Fasche, Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GDP) in Bremen, drückte am Freitag den Angehörigen des getöteten Mannes sein Mitgefühl aus. Sorgte sich aber auch um den Beamten, der geschossen hatte. „Ihm ist das widerfahren, wovor sich viele seiner Kollegen und Kolleginnen fürchten.“ Aber dieses Risiko trügen alle Polizisten mit sich, dafür würden sie gründlich ausgebildet. „Ziel ist es immer, nicht schießen zu müssen. Aber manchmal ist es eben doch unvermeidbar.“

„Laien mit Krimiwissen“

Fasche warnt davor, den Vorfall im Zusammenhang mit der derzeitigen Debatte über Polizeigewalt zu betrachten. Auch Aussagen zum Verhalten der Polizisten wies er zurück: „Dynamische Messerangriffe sind in Bruchteilen von Sekunden wesentlich schwieriger abzuwehren als Laien mit Krimiwissen sich das vorstellen.“ Gezielte Schüsse auf Arme und Beine seien dabei kaum möglich.

Was sich auf Sofia Leonidakis beziehen könnte, die sich noch am Donnerstagabend via Twitter zu Wort gemeldet hatte. „Die Situation scheint bedrohlich. Ja.“, konstatierte die Fraktionsvorsitzenden der Linken zunächst. Um dann nachzuschieben: „Und das rechtfertigt, jemanden tödlich zu verletzen? Nein! Gefahrenabwehr muss auch ohne tödliche Folgen möglich sein.“

Was hinter den Kulissen der Bremer Regierungskoalition für Zündstoff sorgen dürfte. Kevin Lenkeit, innenpolitischer Sprecher der SPD, reagierte zumindest prompt auf den Tweet und warf Leonidakis ebenfalls auf Twitter vor, „Stimmung auf dem Rücken eines Polizisten und eines Getöteten“ zu machen. Er schäme sich für den „unqualifizierten Kommentar“ der Fraktionschefin der Linken. Björn Fecker, Fraktionschef der Grünen, erklärte: „Vorschnelle Reaktionen und Bewertungen, was den Einsatz anbelangt, helfen jetzt nicht weiter.“

Zur Sache

Schusswaffeneinsatz

Seit 2010 hat die Bremer Polizei fünfmal auf Personen geschossen. Es gab zwei Tote und zwei Verletzte. Der eine Tote ist der 54-Jährige von Donnerstag, der andere ein Mann, der 2018 in Flensburg in einem Zug auf einen anderen Mann einstach und daraufhin von einer zufällig mitreisenden Polizistin aus Bremen erschossen wurde. Außerdem gaben Bremer Polizisten seit 2010 drei Warnschüsse ab.

+ + + Dieser Artikel wurde am 19. Juni um 20.06 Uhr aktualisiert + + +

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