Gute Aussichten in Bremerhaven

Toller Turm

Der Richtfunkturm des Wasserstraßen- und Schifffahrtsamtes Bremerhaven bietet zumeist gute Aussichten für Emporkömmlinge - und das ein oder andere Mal Anlass zum Anstoßen. Ein Besuch vor Ort.
31.03.2019, 06:34
Lesedauer: 5 Min
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Toller Turm
Von Justus Randt
Toller Turm

Der eigentlich betongraue Richtfunkturm kann – je nach Sonnenstand und Lichtbestrahlung – ganz unterschiedlich wirken.

Justus Randt

Von außen betrachtet, ist es, wie von innen gesehen: Griesgramgrau und leuchtende Farben wechseln sich ab. Der betongraue Richtfunkturm des Wasserstraßen- und Schifffahrtsamtes Bremerhaven wird bei Dunkelheit in wechselnden Tönen angestrahlt. Drinnen, von der Besucherplattform des 114 Meter hohen Bauwerks aus, kann es passieren, dass der Blick ins himmelhohe Freie schon kurz hinter den Fenstern der Besucherplattform im undurchdringlichen Morgennebel versinkt. Blendendes Mittagsblau wird abgelöst von romantikrotem Sonnenuntergangslicht über Blexen. Es gibt keine Garantie auf das komplette Spektrum – nicht jeder Tag kann alles bieten. Aber das ist ja auf dem Boden der Tatsachen, am Fuß des Turms, nicht anders.

Trotzdem gönnen sich manche Besucher das volle Tagesprogramm. Egal, wie gut die Sicht auf Bremerhaven und weit darüber hinaus aus 66 Metern ist. Bei halbwegs klarem Himmel ist Wilhelmshaven deutlich zu sehen, die Spiegelung des Lichts im Jadebusen, das Kraftwerk Farge, die Hochhäuser von Duhnen. Der Turm bietet eine Rundum-Aussicht, und von außen dringt kein Geräusch herein. "Man sieht die Welt vorüberziehen, und es ist nie langweilig hier", sagt Turmwärter Michael Stoike. "Der Turm ist ein besonderer Ort." Manchmal sagt er auch "mein Turm”, obwohl der Bund der Eigentümer ist. Das Amt in Bremerhaven betreibt den Richtfunkturm mit der Verkehrszentrale für den Schiffsverkehr im Revier zwischen Brake und der Nordsee.

Für Michael Stoike ist der Turm in erster Linie Arbeitsplatz. Er mag seinen Job, im Winterhalbjahr teilt er sich mit einem Kollegen den Hausmeisterposten. "Im Sommer bin ich für den Besucherverkehr abgestellt." Der heute 60-Jährige macht das seit ungefähr zwölf Jahren. "Vorher habe ich 30 Jahre lang Vermessung gemacht", erzählt er. Dabei habe er so ziemlich jedes Loch in der Weser kennengelernt. Jetzt sind andere Fähigkeiten gefragt: "Man muss auf die Menschen zugehen, und ich bin kommunikationsfreudig." Deshalb erzählen ihm die Leute "alles". Die einen kommen auf den Turm, um ihrer Höhenangst zu trotzen. Das klappt nicht immer. "Manche hängen dann wie Spiderman an der Wand, wenn sie wieder im Parterre sind." Andere wollen einfach einmal eine halbe Stunde Ruhe haben. Die meisten kommen, um die Aussicht zu genießen. "Und manche wollen nur mit mir schnacken.” Michael Stoike fühlt sich seinem Turm verbunden. "Ich kann mir hier schon auch später als Rentner noch ein paar Schichten am Wochenende vorstellen, ich mach' das ja sehr gerne."

Die Besucher, die Stoike Kunden nennt, sind fasziniert. "Auf Neudeutsch heißt das wohl, der Turm ist eine tolle Location. Man ist relativ ungestört." Dass sich 120 Besucher, wie maximal erlaubt, auf der Plattform tummeln, ist die Ausnahme, um nicht zu sagen: unwahrscheinlich. Allein Erstsemester der Hochschule Bremerhaven sind da eine zuverlässige Ausnahme, "da stehen dann plötzlich 100 Leute vor der Tür", die eine lange Schlange vor dem Aufzug bilden: Neun Fahrgäste können zugleich hinauf oder hinunter befördert werden. Bei einer Geschwindigkeit von 2,14 Metern pro Sekunde sind sie in einer halben Minute am Ziel. "Das ist relativ schnell”, sagt Stoike und grinst. "Zu Fuß schafft man das jedenfalls nicht."

Eine Treppe gibt es dennoch. Sie ist Teil eines umfangreichen Sicherheitspakets. Dazu gehört ein zweiter, sogenannter Feuerwehrlift, mit Ausstiegsluke und Leitern, und alle drei Meter ein Treppenhauszugang vom Schacht aus. Den äußersten Notfall trainieren die Höhenretter der Bremerhavener Feuerwehr regelmäßig, indem sie sich vom Dach der Techniketage oberhalb der Aussichtsbasis abseilen. Nach einem Schwelbrand im Jahr 2000 wurde der Richtfunkturm saniert. Eine Pumpenanlage kann stündlich 50 000 Kubikmeter frische Luft in das Treppenhaus und die Fahrstuhlschächte blasen, um Rauchgase fernzuhalten. Servomotoren öffnen Fenster der Aussichtsplattform automatisch und lassen die Gase entweichen. Stoike ist stolz auf die nach wie vor moderne Technik. „Wir sind eine Behörde“, sagt er, da herrschten höchste Sicherheitsanforderungen. Außerdem ist der Turm barrierefrei.

Die wenigsten Besucher sind Bremerhavener, viele kommen zum ersten Mal, aber viele kommen immer wieder zum Alten Vorhafen und betreten die kleine, flache Eingangshalle mit dem verglasten Kassenhäuschen, um ein Billett zu lösen. Rund 13 000 Passagiere buchen jedes Jahr die Fahrt mit dem Aufzug zur Plattform. Einen Euro zahlen Erwachsene, Kinder ab sieben Jahren, Studenten und Rentner sind mit 50 Cent dabei. Die Saison dauert von Mittwoch, 3. April, bis zum 3. Oktober. Geöffnet ist der Turm mittwochs bis sonntags und an Feiertagen von 11 bis 18 Uhr. Ab Windstärke sieben (steifer Wind) bleibt der Turm für Besucher geschlossen, obwohl der Turm nur wenige Zentimeter wankt. „Aber dann wackeln die Aufzüge“, sagt Stoike, „und das ist ziemlich unangenehm.“

Es gebe Leute, die wollten alleine rauffahren. „Es kommen Blinde, die von der besonderen Atmosphäre schwärmen“, erzählt Stoike. „Die Leute, die hier hochkommen, sind immer gut gelaunt.“ Woran das liegt? „Die haben frei und freuen sich“, vermutet der Turmwärter. Aber vielleicht liegt es einfach an ihm: „Wenn hier eine Gruppe aus Köln ist, und die sind gut drauf“, oder Architekturstudenten, die sich für die Bremerhavener Besonderheit interessieren, dann lässt er sich nicht zweimal bitten und erklärt, was da in der Tiefe zu sehen ist.

Zum Beispiel das von Hans Scharoun geschaffene Deutsche Schifffahrtsmuseum. Oder die Große Kirche und das Oberfeuer Bremerhaven, beide von Simon Loschen entworfen. Und Touristen erfahren, dass der Richtfunkturm auf der früheren Schleuse und der alten Hafeneinfahrt steht, die auf den Bremischen Hafenbaudirektor und Baurat Jacobus Johannes van Ronzelen zurückgehen. Im heutigen Alten Hafen, am Fuße des Richtfunkturms, liegen Museumsschiffe, wie der Restaurant-Segler „Seute Deern“, auf dem es kürzlich gebrannt hat.

Doch auch besondere Veranstaltungen finden auf dem Turm statt: Auf der rundum verglasten Plattform werden beispielsweise Gottesdienste gefeiert, Hochzeitsgesellschaften stoßen in der Höhe an aufs Eheglück. „Und wenn jemand hier seine Flasche Bier genießen will oder Leute Kaffee und Kuchen für einen beschaulichen Nachmittag mitbringen, habe ich nichts dagegen“, sagt Stoike. Sitzbänke und Toiletten sind vorhanden.

Mit der Eintrittskarte lässt sich zu Hause beweisen: Ich war auf Bremerhavens zweithöchstem Aussichtspunkt. Der Superlativ gilt nicht mehr für den Richtfunkturm, seit vor neun Jahren auf dem ein Stück weiter flussabwärts am Deich gelegenen Atlantic-Hotel Sail City eine Freiluftaussichtsplattform eröffnet worden ist. Bauherrin war die Bremerhavener Entwicklungsgesellschaft Alter/Neuer Hafen (Bean). Sie ist auch verantwortlich für die farbige Außenbeleuchtung des Richtfunkturms, die bald auf LED-Technik umgestellt werden soll.

Das Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt Bremerhaven wiederum ist zuständig für die Bundeswasserstraße Weser von Brake bis zur sogenannten Ansteuerung der Außenweser nördlich der Insel Wangerooge. Jedes Schiff, das von seewärts die Weser anläuft, „muss sich über Funk melden und wird über Richtfunk dirigiert“, sagt Stoike. In der Verkehrszentrale am Turm laufen die „hochfrequenztechnischen Signale“ zusammen. Im Foyer sind unter anderem Schiffs- und Seezeichenmodelle und unterschiedliche optische Linsensysteme aus Leuchttürmen zu sehen.

Stoike geht auf alle Fragen ein. Wenn viel Betrieb ist, unterwegs im Aufzug, auch wenn die Redezeit auf 30 Sekunden begrenzt ist. Er hat Zeit und weiß: Man sieht sich immer zweimal. Es ist noch keiner oben geblieben.

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