Der Waller Fernmeldeturm ist heiß umkämpft

Top-Lage für die Wanderfalken

Über den Köpfen ahnungsloser Bürger spielen sich Dramen ab: Ein Überfall, eine Kindstötung, Neid und ein Kampf mit tödlichem Ausgang. Ein Bremer hat all das beobachtet und dokumentiert.
31.07.2017, 00:00
Lesedauer: 5 Min
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Von Anke Velten
Top-Lage für die Wanderfalken

Der junge Terzel, wie das Greifvogel-Männchen genannt wird, posiert vor seiner Herzensdame (unten), mit der Nachwuchs geplant ist.

Sven Eppler

Über den Köpfen ahnungsloser Bürger und Bürgerinnen spielen sich Dramen ab. Ein Überfall, eine Kindstötung, Neid, Eifersucht und ein Kampf mit tödlichem Ausgang. Es gibt in ganz Bremen nur einen einzigen Mann, der das alles beobachtet und dokumentiert hat, und der viel darüber erzählen kann: Sven Eppler aus Walle, der Freund der Wanderfalken auf dem Bremer Fernmeldeturm. Dort oben war in den vergangenen Jahren viel los. Denn auch für die Wanderfalken gilt: Nach Walle wollen sie alle.

Aber zunächst ganz von vorne. Zehn ­Jahre lang war der Funkturm an der Utbremer Straße das Zuhause von Bayo und Cilla. Gemeinsam zog das Wanderfalken-Pärchen Jahr für Jahr in einhundert Metern Höhe seinen Nachwuchs auf. Im Frühjahr 2014 wurde Falkendame Cilla jedoch von einer Jüngeren vertrieben. Das kräftige skandinavische Weibchen wurde kurz darauf tot aufgefunden. Epplers ursprünglicher Verdacht, sie sei vergiftet worden, bestätigte sich nicht. Eine Obduktion ergab vielmehr, dass die Todesursache eine organische Erkrankung war. Bereits eine Woche später fand Bayo ein neues Glück mit dem Falkenweibchen Shadow. Drei Jahre lang versuchten die beiden fleißig, aber erfolglos, Nachwuchs zu produzieren. Nach einem aggressiven Luftkampf mit einem fremden Falkenweibchen im Januar dieses Jahres wurde Shadow nie wieder gesehen. Doch die Neue konnte sich nicht lange über ihren Sieg ­freuen. Sie starb knapp vier Wochen später, vermutlich an den Folgen der Auseinandersetzung. Für Bayo, mit 16 Jahren inzwischen im hohen Falken-Seniorenalter, war das alles zu viel. Nach insgesamt 13 Jahren verließ der Terzel, wie Greifvogel-Männchen genannt werden, in diesem Frühjahr seinen Stammplatz. „Er gab einfach auf“, sagt Sven Eppler. Gegen den jungen Falken, der schon vor der Haustür stand, hätte er keine ­Chance gehabt.

WES Die Wanderfalken vom Waller-Fernsehturm Sven Eppler

Falken-Fachmann Sven Eppler vor dem Fern­meldeturm in Utbremen.

Foto: Roland Scheitz

Es dauerte nur einen Tag, bis der Nachfolger mit einer jungen hübschen Falkendame glücklich liiert war. Bereits Ende März lagen zwei Eier im Waller Nistkasten – die ersten seit drei Jahren. Doch schon eine Woche später waren die Eier zerstört. Ein unbekannter Falke hatte den Brutkasten attackiert, als die Elternvögel für eine kurze Zeit beide außer Haus waren. „Erfahrenen Falken wäre das nie passiert!“, erklärt der Fachmann. „Sie hätten ihre Brut nicht eine Sekunde aus den Augen gelassen.“ Das Falkenweibchen sei daraufhin völlig traumatisiert gewesen und habe erst nach einer ganzen Woche gewagt, zum Funkturm zurückzukehren.

Sven Eppler weiß das alles so genau, weil er seit zwölf Jahren ehrenamtlich und mit einer Sondererlaubnis der Turmbetreiber täglich bis zu sieben Stunden vor dem Nistkasten verbringt. Er hat die Zeit – eine schwere Erkrankung beendete das Berufsleben des gelernten Drehers. Dazu eine schier unendliche Geduld und einen ­ebenso großen Respekt vor der Natur. Nur in dieser Kombination lassen sich die hochsensiblen Vögel überhaupt aus der Nähe betrachten. Im Laufe der Zeit hat er durch ein winziges, gut getarntes Guckloch mehr als 300 000 Fotos und mehr als 14 000 Videos aufgenommen. Und auch, wenn es auf manchen Bildern aussieht, als würden sie ihm direkt in die Augen blicken: Die Wanderfalken wissen davon nichts. Sie haben ihn noch nie gesehen oder gehört. „Das Knirschen eines Schuhes, das Klicken einer Kamera, und sie sind weg, ehe man sich versieht“, sagt ­Eppler. In Fachkreisen und in den Medien ist der 55-jährige Waller dagegen gut bekannt. Einige seiner Fotos zieren inzwischen Buchcover, im vergangenen Jahr war ein überregionales Fernsehteam bei ihm zu Gast.

Doch nicht nur in Walle war es kein gutes Jahr für die Falken, weiß Eppler, der vor zehn Jahren den Verein „Wanderfalken-Schutz Norddeutschland“ mitgegründet hat. Von den sieben Bremer Falken-Brutplätzen waren in diesem Jahr nur vier mit Falkenpaaren belegt, die zusammengerechnet gerade einmal drei Küken aufzogen. Das ist ungewöhnlich wenig. Der Waller Falkenschützer sieht den Grund darin, dass sich die Bremer Falken das Leben gegenseitig schwer machen, und vor lauter Stress die Fortpflanzung zu kurz kommt. „Es gab zu viel Störerei, Zerstörerei“. Für ihn steht außer Frage, dass der Waller Funkturm in diesen Auseinandersetzungen eine tra­gende Rolle spielt. Er sei vom Herbst bis zum ­Frühjahr so hart umkämpft, weil er die Bremer Top-Lage für Wanderfalken sei. Die Höhe des Brutkastens und seine Ausrichtung, die Tatsache, dass er wind- und wettergeschützt sei und in größtmöglicher Distanz zu allem, was die sensiblen Vögel stört, mache ihn zum Objekt der Begierde. Nicht umsonst sei der Waller Standort „der best bebrütete Turm der Republik“: In den vergangenen 20 Jahren sind hier laut Eppler 63 Küken geschlüpft. Die übrigen ­Standorte an den Kraftwerken Hafen und Hastedt, bei den Stahlwerken, der umgedrehten Kommode, am Krankenhaus Ost und an einem Fabrikgebäude der Überseestadt können da nicht mithalten. Die anderen Falken wissen das.

Die junge Turmherrin mit Blick über Findorff und auf die Bürgerweide.

Die junge Turmherrin mit Blick über Findorff und auf die Bürgerweide.

Foto: Sven Eppler

Dennoch ist Eppler zuversichtlich. Er geht fest davon aus, dass es im kommenden Jahr mit dem Nachwuchs klappt und dass das junge Pärchen seinen Platz und seine Brut verteidigen wird. Und spätestens, wenn im Himmel über Utbremen wieder Ruhe eingekehrt ist, sollen die beiden Waller Wanderfalken auch ihre Namen bekommen.


Die Waller Wanderfalken
Im Jahr 1989 kam der erste Pappkarton mit Jungvögeln im Waller Funkturm an. Die Mitarbeiter auf dem Turm hatten sich bereiterklärt, die kleinen Falken täglich zu füttern. Laien verwechseln Wanderfalken häufig mit den viel kleineren – und häufigeren – Turmfalken. Die lebten zwar auch einst auf dem Waller Fernsehturm, machen aber einen großen Bogen um das Gebäude, seit im Jahr 1997 das erste wilde Brutpaar im Fernsehturm einzog: „Falco peregrinus“ – so der wissenschaftliche Name – duldet keine Nachbarn. Wanderfalken werden zwischen 35 und 50 Zentimetern groß und haben eine Flügelspannweite von bis zu 120 Zentimetern. Sie ernähren sich von kleinen bis mittelgroßen Vögeln und jagen ihre Beute in der Luft. Dabei können sie im Sturzflug Geschwindigkeiten bis zu 320 km/h erreichen. Anfang der 70er-Jahre galten Wanderfalken in Deutschland als nahezu ausgestorben. Als Ursache für das Falkensterben wurde die Belastung ihrer Nahrung mit dem Pflanzenschutzmittel DDT nachgewiesen. Durch aktiven Falkenschutz ist der Bestand inzwischen wieder auf aktuell geschätzte 1200 deutsche Brutpaare gestiegen. Doch von den Jungvögeln überleben längst nicht alle das erste Jahr. In der Stadt sind Straßen, Glasfassaden, Bahnleitungen und Bahngleise ihre größten Feinde. Der Waller Fernsehturm ist für die Öffentlichkeit nicht zugänglich. Allerdings können Interessierte viele spektakuläre Fotos und Filme auf Sven Epplers Homepage www.naturfotografie-eppler.de anschauen. Für diesen Herbst bereitet er auch wieder einen neuen Dia-Vortrag vor, der in der Findorffer Martin-Luther-Gemeinde gezeigt wird. Für alle, die die Waller Wanderfalken live und in Aktion sehen möchten, hat Eppler einen Tipp: Wer sich morgens zwischen 6 und 8 Uhr Zeit nehmen kann und am Parallelweg Richtung Funkturm blickt, wird die Falken bei ihren morgendlichen Jagdflügen sehen. Näheres zum Verein Wanderfalken-Schutz Norddeutschland findet sich auf www.wsn-ev.de.
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