MigrantInnentage im Lagerhaus Schildstraße befassen sich auch mit afrikanischen Vorstellungen von Gesundheit und Krankheit Traditionelle Heiler als spirituelle Begleiter

Ostertor. Was bedeutet Gesundheit und Krankheit in afrikanischen Gesellschaften? Und was sollten Menschen aus der sozialen und medizinischen Arbeit, die mit in Bremen lebenden Afrikanern zu tun haben, darüber wissen? Antworten auf diese Fragen gaben Experten im Seminar "Kultur, Psyche, Wohlbefinden" auf den "MigrantInnentagen gegen Ausgrenzung".
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Von Bastienne Ehl

Ostertor. Was bedeutet Gesundheit und Krankheit in afrikanischen Gesellschaften? Und was sollten Menschen aus der sozialen und medizinischen Arbeit, die mit in Bremen lebenden Afrikanern zu tun haben, darüber wissen? Antworten auf diese Fragen gaben Experten im Seminar "Kultur, Psyche, Wohlbefinden" auf den "MigrantInnentagen gegen Ausgrenzung".

Der Verein Human & Environment, der sich für die arme ländliche Bevölkerung in Nigeria und für das Verständnis zwischen Bremern und Bürgern afrikanischer Herkunft einsetzt, hatte zu dem Seminar eingeladen. Der erste Referent, Christian Richter, lebte vor 25 Jahren in Zimbabwe und hat dort für den Deutschen Entwicklungsdienst als Arzt gearbeitet. Er sprach mit den Seminarteilnehmern über die Strukturen der medizinischen Versorgung in Zimbabwe. Da sich diese zunehmend verschlechterten, gewönnen traditionelle Heiler wieder stark an Bedeutung, was nicht immer zum Vorteil der Kranken sei. Der studierte Betriebswirt Djibril Inoussa wurde 1968 in Benin (Westafrika) geboren und lebt heute in Bremen. Der Autor des Buches "Sheabutter" ist der Sohn eines Heilers. Er wurde per Orakel dazu bestimmt, diese Tradition fortzuführen. Langfristig will Inoussa deshalb zurück nach Benin und dort als Heiler praktizieren. "Viele Afrikaner haben einen spirituellen Begleiter. Und für

Menschen, die in Deutschland mit Afrikanern arbeiten, ist es sehr wichtig, das zu wissen", sagt er. Über den spirituellen Bereich könne etwa ein Therapeut einen besseren Zugang zu seinem Patienten bekommen. "Vertrauen ist das A und O bei der Arbeit mit Afrikanern, aber die Annäherung muss langsam erfolgen. Man darf sie aber nicht gleich ausfragen, da bekommen sie Angst." Die aus Nigeria stammende Sängerin Anna Igho Priester moderierte das Seminar im Lagerhaus. "Genau hinhören ist ganz wichtig und sie so zu nehmen wie sie sind", ergänzte sie die Worte des Heilers. "Kleine Türöffner sind Fragen nach ihrem Heimatland, aber nie aufdringlich sein." Djibril Inoussa sprach von einem generellen Dilemma von Afrikanern, die in Deutschland leben. "Sie möchten modern sein. Das bedeutet, ihre eigene Spiritualität nicht zu leben und stattdessen in die Moschee oder in die Kirche zu gehen. Doch sie merken, dass die Probleme, die sie haben, nicht von der Kirche gelöst werden können." Einer seiner

Verwandten, dessen psychische Probleme nie behandelt worden seien, sei in Deutschland gestorben. "Er ging immer in die Moschee. Hat aber auch mit einem Heiler aus Afrika telefoniert und sich dessen Zaubersprüche über das Telefon angehört."

Helgard Patemann-Hinz hat Soziologie, Pädagogik, Philosophie, Politik und Theologie in Frankfurt, Bremen und Südafrika studiert. Sie arbeitete unter anderem als Lehrerin und in Projekten in Sambia und Namibia. "Meine zentrale Frage ist, welches die Erklärungsmodelle von Gesundheit und Krankheit in Afrika sind, die die hier lebenden Menschen anwenden und beeinflussen." Vor allem sei das Verhältnis des einzelnen Menschen zur Gemeinschaft ein ganz anderes als in Deutschland. In Afrika bestimme "Ubuntu", die Menschlichkeit gegenüber Anderen, das Handeln des Einzelnen. "In diesem Zusammenhang ist es für Afrikaner nicht nachvollziehbar, dass Menschen nach einer Straftat ins Gefängnis gesperrt werden. "Denn wenn jemand zwei Hühner stiehlt und erwischt wird, dann muss er eben fünf Hühner zurückgeben, um der Gemeinschaft den Verlust zu ersetzen. Ihn wegzusperren, nutzt der Gemeinschaft überhaupt nicht."

Auch Respekt gelte als Beitrag zur Gemeinschaft. "Alte bekommen Respekt und auch die Chiefs. Ahnen lenken die Geschicke der Menschen von oben. Es können nur Menschen auf andere einwirken, denen man Respekt entgegenbringt." Auch das Verhältnis des Menschen zur Natur sei in der afrikanischen Kultur ein anderes als in Europa. "Dort ist der Mensch Teil der Natur und nicht die Krone der Schöpfung. In ihrer Vorstellung sind Pflanzen, Steine und Tiere von einem Geist durchdrungen, der die Menschen heilen kann", sagt Patemann-Hinz. Ihr Resümee: "Kultur und Gesundheit stehen in der afrikanischen Tradition in einer Wechselbeziehung. Nur wenn alle Kräfte in Balance sind, kann der Mensch gesund sein."

Die "MigrantInnentage gegen Ausgrenzung" gehen weiter: Das Floh- und Trödelmärktchen im Migrationsbereich des Lagerhauses, Schildstraße 12-19, ist am Sonnabend, 11. Dezember, ab 15 Uhr. Osman Engin liest aus "1001 Nachtschichten - Mordstorys am Fließband" am Sonnabend, 11. Dezember, ab 20.30 Uhr und am Sonnabend, 18. Dezember, ab 20 Uhr im Lagerhaus. Die Karten kosten fünf Euro. Für Sonntag, 19. Dezember, um 16 Uhr laden die Verantwortlichen des Projekts Mentoren für Migranten (Memi) in die dritte Etage des Kulturzentrums Lagerhaus zur Weihnachtsfeier ein.

Mehr über Human & Environment unter www.human-and-environment.com. Mehr über die MigrantInnentage auf Seite 4.

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