Gasthäuser in Bremen und Niedersachsen

Traditionsgasthäuser in Existenznöten

Schon vor Jahren setzte der Schwund der Traditionsgasthöfe ein. Die Pandemie beschleunigt das Sterben der Gasthäuser. Sie leiden besonders, weil ihre Säle derzeit nicht für Familienfeiern genutzt werden können.
01.08.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Traditionsgasthäuser in Existenznöten
Von Silke Hellwig
Traditionsgasthäuser in Existenznöten

Landgasthöfe wie der Rekumer Hof sind in Bremen und Niedersachsen immer häufiger von ihrer Existenz bedroht.

Christian Kosak

Etwa 80 Prozent der Landgasthöfe in Niedersachsen sind durch die Corona-Krise in ihrer Existenz bedroht. Zu dieser Einschätzung kommt der Deutschen Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) Niedersachsen. Die Landgasthöfe und -hotels sind oft mehrfach von den Hygieneauflagen betroffen: Das Restaurant kann weniger Gäste aufnehmen, Familienfeiern werden vielfach storniert, die Hotelbetten bleiben leer, weil die Übernachtungen aus den Festgesellschaften wegfallen und die Anzahl der Geschäftsreisenden weiterhin niedrig ist. „Für die Betriebe, die ohnehin schon große wirtschaftliche Sorgen hatten, ist die Corona-Krise das k.o.“, sagt Rainer Balke, Hauptgeschäftsführer der Dehoga Niedersachsen.

Konkrete Daten über Landgasthöfe und Dorfgaststätten erhebt die Dehoga nicht. Die „Zeit“ berichtete lange vor der Pandemie, im Jahr 2018: „Die Landgasthöfe sterben (...) Mehr als ein Drittel der Schankwirtschaften hat Niedersachsen zwischen 2006 und 2015 verloren. Und auch bundesweit schließen laut Statistik des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes jedes Jahr mehr Betriebe, egal ob Schankwirtschaft, Gasthof, Restaurant oder Imbiss.“ Die Gründe sind vielfältig: Hier fehlen die Gäste, da die Nachfolger, das eine zieht das andere nach sich. Hauptgeschäftsführer Balke sagt: „Man wird nicht reich, wenn man so einen Gasthof führt. Man muss Idealist sein.“ Seine Bremer Kollegin Nathalie Rübsteck, auch für den Dehoga-Bezirksverband Stade zuständig, ergänzt: „Landgasthöfe haben eine Perspektive, wenn sie gewisse Alleinstellungsmerkmale, ein gutes Konzept haben und sich mit frischen Ideen immer wieder neu aufstellen.“

Eklatante Unterschiede

In Bremen gibt es eine Reihe Hotels und Gasthäusern, die zumindest eine ähnliche Funktion erfüllen wie klassische Gasthäuser in Gemeinden – beispielsweise „Grothenns Gasthaus und Hotel“. Zu mehr als 80 Prozent, sagt Inhaber Carsten Brüns, lebe sein Betrieb von sogenannten Bankettveranstaltungen – Hochzeiten, Kohlfahrten, Bälle, Geburtstage, Weihnachtsfeiern. „Der Unterschied unseres Unternehmens zu anderen Gastronomiebetrieben ist eklatant“, sagt Brüns. Im À-la-carte-Geschäft kehre nach und nach Normalität ein, wenngleich bei geringerer Auslastung, davon könne bei den Festveranstaltungen keine Rede sein. „Wir machen gewissermaßen unser Geschäft mit der Nähe, indem wir große Gruppen bewirten, und das ist derzeit wegen der Beschränkungen nicht möglich.“

Ein großer Teil derjenigen, die bei Grothenns üppig und ausgelassen feiern wollten, hätten ihre Anmeldungen storniert und bestenfalls ins nächste Jahr verschoben. „Ich kann es niemandem verdenken, der sagt, er heirate nur einmal und wolle das nicht unter Auflagen und auf Distanz zu seinen Gästen“, sagt Brüns. Im „Hotel Landgut Horn“ finden nach Angaben des Direktors Maik Schäfer wieder kleinere Feierlichkeiten statt, „die Kunden werden mutiger“, aber Hochzeiten, Jubiläen und Tagungen in größerem Rahmen gibt es bislang auch dort nicht. „Das bedeutet etwa 80 bis 90 Prozent Umsatzrückgang im Veranstaltungsbereich.“ Die Stadt brauche ein gewisses Angebot von größeren Räumen für Familienfeiern. Um es über die Krise hinaus zu erhalten, „brauchen wir langfristige und unbürokratische Unterstützung von der Politik“.

Lesen Sie auch

Auch das „Hotel Robben – Grollander Krug“ hat Kapazitäten für Familienfeiern aller Art. „Wir haben sonst 15 bis 20 Veranstaltungen am Wochenende, momentan sind es zwei bis drei“, sagt Frank Robben. „Wir halten uns mit dem À-la-carte-Geschäft über Wasser. Seit zwei Haushalte und maximal zehn Leute pro Tisch bewirtet werden dürfen, läuft das Restaurant sehr gut.“ Bislang habe das Unternehmen keine staatliche Unterstützung bekommen, vom Kurzarbeitergeld abgesehen, von Überbrückungshilfen rate der Steuerberater ab. „Wir müssen selbst überbrücken. Wir machen mit 50 Prozent der Mitarbeiter 50 Prozent des Umsatzes.“

„Niemand weiß, wann Musik und Tanz wieder erlaubt sind“

Carsten Brüns erkennt die Anstrengungen der Bundes- und der Landesregierungen an, den wirtschaftlichen Opfern der Krise unter die Arme zu greifen, ob mit Überbrückungshilfen oder Kurzarbeit. Anderen, wie den Betreibern von Bars und Clubs, gehe es noch schlechter. „Ich sehe ein, dass niemand weiß, was in vier Monaten ist“, sagt er, „aber die Lage ist schwierig für uns.“ Was bleibe, sei die Hoffnung auf einen Impfstoff. Er wisse derzeit nicht, ob er Anfragen für Weihnachtsfeiern und Kohlfahrten annehmen könne, berichtet auch Frank Robben. „Niemand weiß, wann Musik und Tanz wieder erlaubt sind. Da gibt es lauter große Fragezeichen.“

„Wir brauchen solche Unternehmen“, stellt Nathalie Rübsteck fest. „Diese Traditionshäuser haben ihren ganz eigenen Charme.“ Vor allem, wenn sie am Stadtrand gelegen seien, bildeten sie oft das einzige gastronomische Angebot im Quartier. „Sie sind also wichtige Begegnungsstätten.“ Die Politik müsse den Inhabern und Pächtern eine Perspektive bieten, bis mindestens zum Jahresende, bestenfalls in Form eines speziellen Hilfsprogramms.

Lesen Sie auch

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+