Traditionsgeschäft

Klarer Durchblick im Viertel

Augenoptik Max Denner besteht seit 100 Jahren im Steintor. „Alt ist hier nur die Möblierung“, sagen die beiden Inhaberinnen.
13.07.2020, 06:00
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Von Matthias Holthaus

Früher oder später braucht ihn fast jeder Mensch: den Optiker. Oder in diesem Falle: die Optikerinnen. Die Schwestern Claudia Bons und Stephanie Wiederhold sind seit 2007 Inhaberinnen von „Augenoptik Max Denner“ in der Straße Vor dem Steintor im Viertel. Und in diesem Jahr, genauer gesagt Mitte April, feierte das Geschäft seinen 100. Geburtstag.

„Der Laden ist schon immer in Familienbesitz“, erzählt Stephanie Wiederhold. Zuerst, also im Jahre 1920, habe sich das Geschäft auf der anderen Straßenseite befunden, dort, wo bis vor kurzem noch ein Antiquariat seine Heimat hatte. Neun Jahre nach seiner Gründung zog der Laden in die heutigen Räumlichkeiten. Seitdem hat sich der Charme vergangener Zeiten im Mobiliar erhalten: Alte Schubladenschränke stehen an den Wänden, Vitrinen mit Brillen sind auf Augenhöhe angebracht. „Das Geschäft ist vom Urgroßvater gegründet worden“, erklärt Wiederhold. Max Denner hieß er, wurde 1883 in Thüringen geboren. Seine zwei Töchter wollten eher nicht in die beruflichen Fußstapfen des Vaters treten, doch eine dieser Schwestern habe einen Mann namens Rudolf Schaper gehabt, der von Buchhalter auf Optiker umgelernt und dann noch seinen Meister im Optikerhandwerk gemacht habe: „Ab da sind die meisten Familienangehörigen Optiker geworden.“

1958 starb Max Denner, seine Frau führte den Laden unter der fachlichen Anleitung von Rudolf Schaper weiter, 1975 übernahm dann Rudolf Schapers Sohn Volker. „Der Laden war der Lebensinhalt unseres Vaters, er hat für den Laden gelebt. Und auch, als wir den Laden 2007 übernommen haben, hat er noch ausgeholfen“, sagt Stephanie Wiederhold.

„Heute wird alles mit modernen Maschinen geschliffen, doch damals gab es noch Formscheiben“, erzählt sie. „Die hingen dann in den buntesten Farben an den Wänden, als Kind war das toll.“ Dennoch sei ihr Drang zur Optik erst einmal nicht so groß gewesen: „Nach dem Abitur wollte ich zuerst studieren, doch dann habe ich zunächst eine Ausbildung als Optikerin in Achim gemacht. Und dann bin ich dabei geblieben.“

Claudia Bons hingegen wollte schon immer Optikerin werden: „Das Handwerk, die Augenprüfung und den Menschen zu helfen, das treibt mich an“, sagt sie. „Das macht Spaß, den Leuten zu helfen, damit sie gut sehen können.“ 1995 hat Claudia Bons die Meisterprüfung abgelegt, 1998 folgte ihre Schwester Stephanie. Seitdem hat sich einiges in dem Handwerk verändert, sagt Stephanie Wiederhold: „Es ist alles technischer geworden, inzwischen gibt es sehr gute Messgeräte. Wir schaffen uns schon mal neue Geräte an, denn man muss ja auch mit der Zeit gehen.“ Und sie betont: „Alt ist hier nur die Möblierung.“ Wobei das nicht ganz richtig ist – „im Keller findet man zum Beispiel noch Einsätze von alten Gasmasken oder auch eine alte Waage und Lupen. Manchmal wissen wir gar nicht, wofür die Dinge verwendet wurden und können leider auch niemanden mehr fragen.“

Auch die Bedeutung der Brille an sich habe sich geändert: „Früher war die Brille kein modisches Accessoire, sondern ein rein medizinisches Produkt“, sagt Wiederhold. Und auch die Beratung sei im Vergleich zu früher intensiver geworden, „und die Leute kommen inzwischen zu uns, um sich die Sehstärke prüfen zu lassen und gehen weniger zum Augenarzt". Ihnen sei das aber ganz recht: „Dann ist man auf der sicheren Seite und es ist für die Kunden, für uns und den Augenarzt angenehmer.“

Der Ladenstandort im Steintor ist für die beiden Schwestern mehr als ein Vorteil: „Wir haben ein riesengroßes Glück, im Viertel zu arbeiten“, meint Stephanie Wiederhold, „die Menschen sind bunt und hilfsbereit, sie sind besonders. Das Viertel ist bunt und laut, deswegen leben die Menschen hier.“ Der Zustand des Viertels habe sich ebenfalls verbessert, meint sie, wobei sie, auch aufgrund der jüngsten Entwicklungen, einschränken muss: „Ich hoffe, dass wegen Corona nicht einige Läden zumachen müssen.“ Aber auch hier sieht sie die Solidarität der Bewohner: „In Corona-Zeiten haben viele Leute die Einzelhändler unterstützt, indem sie Gutscheine gekauft haben.“

Aber insgesamt sei es nicht schlechter geworden, im Viertel zu arbeiten – es gebe zum Beispiel im Vergleich zu früher weniger Drogenabhängige auf der Straße. Weniger los auf der Straße sei aber aufgrund des Umstands, dass die Werderfans nicht mehr durchs Viertel zögen, sondern über den Weg an der Weser abgeleitet würden. Für die Zukunft wünschen sich die beiden Schwestern vor allem, eins: „Dass das Viertel so bleibt, wie es ist. Und dass die Geschäfte bunt bleiben."

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