Nachfolgerin für "Beverly Boyer" gesucht

Traditionsgeschäft im Viertel gibt auf

Nach 21 Jahren soll für die bestens eingeführte Boutique "Beverly Boyer" im Viertel Schluss sein, falls nicht noch eine Nachfolgerin gefunden wird. Besitzerin Mahnaz Moghaddamnia schildert die Gründe.
18.06.2018, 05:24
Lesedauer: 4 Min
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Traditionsgeschäft im Viertel gibt auf
Von Sigrid Schuer
Traditionsgeschäft im Viertel gibt auf

Ihre Kundinnen lieben ihre Modeberatung: Mahnaz Moghaddamina gibt ihre Boutique "Beverly Boyer" im Ostertorsteinweg zum 30. November auf.

Roland Scheitz

Sie hat das Herz auf dem rechten Fleck. Und sie ist eine Freundin klarer Worte, so, wie sie sich selber charakterisiert: mit Herz, Verstand und direktem Humor. Das mögen und schätzen die langjährigen Stammkundinnen an Mahnaz Moghaddamnia. Doch damit wird es bald vorbei sein - nach 21 Jahren. Spätestens Ende November will sich die Selfmadefrau, die einst als Model begann und eine Zeit lang in den USA lebte, voll und ganz in ihrem neuen Beruf bei einem sehr sozialen Arbeitgeber, wie sie sagt, bei "Wohninvest" etabliert haben. Am liebsten wäre es der persischen Powerfrau, wenn sie bis dahin für ihre bestens eingeführte Boutique "Beverly Boyer" am Ostertorsteinweg eine Nachfolgerin oder einen Nachfolger gefunden hätte - die Einigung auf finanzieller Ebene vorausgesetzt. "Schließlich habe ich auch viel in meinen Laden investiert und ihn damals ein Vierteljahr lang kernsaniert", sagt die Bremerin. Anderenfalls stünde im Herbst der Ausverkauf an.

Fassungslose Kundinnen

Ihre Kundinnen können es indes immer noch nicht fassen. Viele von diesen gebildeten, intelligenten Frauen, die alle beruflich ihr Ding machen, kennt sie per Namen. Wie Anna, die jetzt gerade in ihrer Mittagspause im Sonnenschein an der Boutique vorbeiflaniert. Auch sie kann es nicht glauben, dass für Moghaddamnia nach 21 Jahren Schluss mit der Boutique sein soll: "Ist das wirklich wahr? Alles, was ich in meinem Kleiderschrank habe, habe ich von Dir!" Und schon wird Mahnaz Moghaddamnia von der nächsten Kundin, die nebenbei ihre Frisur lobt, herzlich begrüßt. Die große Stärke der Mode-Fachfrau: Sie scannt die neuen Kollektionen namhafter Marken und gleicht sie mit ihren Stammkundinnen ab. Auf diese Weise entsteht in ihrem Kopf für jede von ihnen Stück für Stück der optimale, individuelle Look. Die Mode, die es bei "Beverly Boyer" zu kaufen gibt, ist jung, frech, flippig und individuell. Eben jenseits des Mainstreams. "Kein Designer ist so wichtig wie der individuelle Mensch. Du bist die Show", lautet Moghaddamias Credo.

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Und das wissen die Kundinnen, die inzwischen nicht nur aus Bremen und umzu, sondern auch aus Berlin, München und Spanien kommen, sehr zu schätzen, genauso wie die Beratung und den Trost in zwischenmenschlichen Dingen, die gleich noch gratis mitgeliefert werden. Nicht von ungefähr stöberten in ihrer Boutique bereits mehrfach die Kandidatinnen von "Shopping Queen", dem Modeformat von Guido Maria Kretschmer, das immer noch höchst erfolgreich im Privatfernsehen läuft. Am Sonntag lief gerade die Wiederholung einer "Promi-Shopping Queen"-Folge mit Schauspielerin und Let's dance-Star Julia Dietze. Die Boutique verdankt dem Hollywood-Film "Was diese Frau so alles treibt" mit Doris Day als Beverly Boyer in der Hauptrolle ihren Namen. Denn die Mode-Expertin, die auf ihre Mitarbeiterinnen Tessa und Zora schwört, ist leidenschaftlicher Doris Day-Fan.

Weshalb also aufhören? Das Viertel, aber auch die Gesellschaft im allgemeinen habe sich in den vergangenen 20 Jahren doch sehr verändert, resümiert die Geschäftsfrau. "Für uns Einzelhändler wird hier generell zu wenig getan", betont sie. "Schauen Sie sich das hier doch mal an: immer mehr Telefonläden, Ein-Euro-Shops, Kioske und Friseure statt einer bunten Mixtur von Einzelhandelsgeschäften, wie es hier von jeher gewesen ist. Wir fühlen uns hier im Viertel als Geschäftsleute nicht willkommen, wenn für den Standort so wenig getan wird." Die Geschäftsfrau vermisst auch Strukturhilfen seitens der Politik. Einen Wandel beobachte sie allerdings auch bei Teilen der Kundschaft: Heute werde mehr konsumiert und generell weniger Wertschätzung gezeigt. Hinzu käme ein weiterer Trend, unter dem der Einzelhandel zu leiden habe: Immer mehr Kunden ließen sich vom Fachpersonal beraten, bestellten dann aber im Internet.

Genervt von der Vermüllung des Viertels

Ein Beispiel vor ihrer Tür ärgert sie besonders: Ohne vorherige Absprache seien schon vor einigen Jahren genau vor ihrer Ladentür über zehn bis 15 Meter hinweg Fahrradbügel installiert worden. Mit einer fatalen Konsequenz: "Schauen Sie sich mal die Schrotträder an, die hier vor sich hinrosten und um die jede Kundin erst einmal einen großen Bogen machen muss, um überhaupt in meinen Laden zu gelangen!" Gleich in unmittelbarer Nähe flattert ein poppig geblümtes Maxi-Kleid fröhlich vor dem Laden vor sich hin. Genervt ist Moghaddamnia auch von der zunehmenden Vermüllung des Viertels: "Ich kann überquellende Mülleimer nicht mehr sehen." Eine Ursache dafür hat sie auch bereits ausgemacht: "Die Jugendlichen und Studierenden sind schon gezwungen, in Wohngemeinschaften zu leben, weil im Viertel nicht nur für den Einzelhandel die Mietpreise explodiert sind. Klar, dass es sie da bei dem schönen Wetter auf die Straße zieht, notfalls eben auch mit der Bierkiste." Eine Konsequenz, weil das Rauchen ja in den Kneipen verboten worden sei. "Dreck und Müll sind allerdings alles andere als cool", betont die Geschäftsfrau. Notfalls müssten eben auch Ordnungsstrafen verhängt werden.

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Aber sie sagt auch: "Das Viertel ist bunt und vielfältig. Man kann hier nicht so ohne weiteres die Welt verändern. Ich freue mich, wenn hier vor dem benachbarten 'Litfass' Bands auftreten. Diejenigen, die totale Ruhe haben wollen, wären vielleicht in Kirchweyhe besser aufgehoben." Zudem seien viele von den Anwohnern, die sich jetzt beschwerten, doch selbst Alt-68-er, die in ihrer Jugend gern Party gemacht hätten. Ihre Leidenschaft für die Mode hat sich Moghaddamnia indes bewahrt. Gut könnte sie sich vorstellen, neben ihrem neuen Beruf einmal pro Monat bei "Beverly Boyer" mitzuarbeiten und ihre Nachfolgerin zu unterstützen oder als persönliche Shopping-Assistentin für ausgewählte Kundinnen zu agieren.

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