Kindergärten Träger lehnen Qualitätsvereinbarung ab

Bremen. Die Entscheidungen der Landesregierung zum Ausbau der Kinder-Tagesbetreuung haben zu einem handfesten Konflikt geführt: Die Qualitätsvereinbarung, an der das Sozialressort und die Träger von Kindergärten mehr als ein Jahr lang gefeilt haben, steht auf der Kippe.
09.09.2010, 06:50
Lesedauer: 3 Min
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Von Bernd Schneider

Bremen. Die Entscheidungen der Landesregierung zum Ausbau der Kinder-Tagesbetreuung haben zu einem handfesten Konflikt geführt: Die Qualitätsvereinbarung steht auf der Kippe, an der das Sozialressort und die Träger von Kindergärten mehr als ein Jahr lang gefeilt haben. 'Unter den jetzigen Voraussetzungen unterschreiben wird nicht', sagt Carsten Schlepper vom Landesverband Evangelischer Tageseinrichtungen für Kinder in Bremen.

Schlepper steht nicht alleine mit seiner Haltung, auch die anderen nichtstaatlichen Träger von Kindergärten und Krabbelgruppen haben die Ampel auf Rot gestellt. Anlass ist die Entscheidung der Landesregierung, Krabbelgruppen aufzustocken, ohne zusätzliches Geld für Personal bereitzustellen. Derzeit betreuen zwei Erwachsene acht Kleinkinder unter drei Jahren pro Gruppe, künftig sollen es, wo immer möglich, zehn sein. Bremen will so die Kosten senken und damit sicherstellen, dass der beschlossene Ausbau der Kinderbetreuung nicht gefährdet und der Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz gewährleistet ist. Zudem sollen beim Ausbau der Kinderbetreuung vorerst keine neuen Ganztagsplätze mehr entstehen.

Das gefährde die Qualität der Plätze, kritisiert auch Jürgen Höptner, Geschäftsführer vom Deutschen Roten Kreuz, das in Bremen mehrere Kinderhäuser betreibt, auch für die Kleinsten. 'Zwei Kinder in der Krabbelgruppe zusätzlich, das ist erheblich.' Bremen könne 'nicht plötzlich die Gruppen vergrößern und dann sagen: An der Qualität darf sich aber nichts ändern'.

Was 'Qualität' bedeutet, dazu haben Stadt und Kindergartenträger in einer unterschriftsreifen Vereinbarung vier Kriterien für Krabbelgruppen festgelegt: Es soll ein Eingewöhnungskonzept geben für die allmähliche Ablösung der Kleinsten von ihren Eltern; die Dienstpläne sind so zu gestalten, dass Kindern eine verlässliche Beziehung zu Betreuungskräften geboten werden kann; täglich sollen die Fachkräfte im Austausch mit Eltern sein, über Erfahrungen, Erlebnisse und Entwicklung der Kinder berichten. Und schließlich sollen sie von sich aus Erziehungsthemen ansprechen, Eltern unterstützen.

"Das wissen wir selbst"

'Es gibt da einiges, wo wir noch besser werden können', räumt Schlepper ein, 'das wissen wir selbst'. Wenn Erzieherinnen aber mehr Kinder betreuen sollen als jetzt, werde das schwer. 'Es macht einen erheblichen Unterschied, ob eine Fachkraft mit acht oder mit zehn Kindern arbeitet.'

Die Arbeit mit Kindern unter drei Jahren finde zudem häufig in einer 'Eins-zu-Eins-Situation' statt - eine der beiden Fachkräfte konzentriert sich ganz auf ein einzelnes Kind. 'Dafür ist der Personalschlüssel ganz entscheidend.' Jedes zusätzliche Kind schmälere das Zeitbudget für die anderen.

Dabei ärgert Schlepper sich vor allem über das Argument des Sozialressorts, in Bremen sei der Betreuungsschlüssel sehr gut, das Land Niedersachsen finanziere für zwölf Kinder je Gruppe nur zwei Fachkräfte: 'In der Praxis bezahlen inzwischen Gemeinden oder die Städte aus eigenen Mitteln eine zusätzlich Kraft.' Das gelte zum Beispiel für Oldenburg. 'Das sagen die Städte: Der Landesschlüssel ist nicht zumutbar.'

Kritische Situation

Die Vergrößerung der Gruppen könnten die freien Träger vielleicht noch hinnehmen, wenn im Gegenzug die Finanzierung der Kinderbetreuung von Zuwendungen auf Entgelte umgestellt und damit die Verwaltungen erheblich entlastet würden. 'Im Moment beschäftigen wir dafür einen riesigen Apparat', sagte Schlepper. Über Entgelte könnten dagegen pauschal die vorhandenen Plätze finanziert werden, mit einem Bruchteil des Verwaltungsaufwandes und nach Vorbild der Alten- und Behindertenhilfe. Schlepper: 'Die Situation ist jetzt so eng geworden, dass wir die Qualitätsvereinbarung nicht unterschreiben, wenn die Umstellung auf Entgelte nicht kommt.'

Irritiert haben die freien Träger von Kindergärten auch auf den Vorstoß von SPD-Landeschef Andreas Bovenschulte reagiert, er wolle mindestens die Hälfte aller Kindergartenplätze in der öffentlichen Hand halten. So solle unter anderem eine weltanschauliche Neutralität gewahrt bleiben. 'Die Freien Träger sind vom Gesetz gewollt', betont Carsten Schlepper. Vom Grundsatz hätten sie sogar Vorrang. Nur wo freie Träger keine Angebote vorhielten, sei der Staat selbst als Träger gefragt. Jürgen Höptner machte deutlich, dass auch das Deutsche Rote Kreuz weltanschaulich nicht gebunden sei. Sein Vorwurf an Bovenschulte: 'Das ist der Rückfall in die Vorstellung, nur der Staat könne eine ordentliche Erziehung gewährleisten, sonst niemand.'

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