17-Jährige niedergeschossen Tragisches Missverständnis bei Polizeieinsatz in Bremen?

Der Schuss eines Polizisten auf eine 17-Jährige in der Bremer Altstadt, durch den die junge Frau in der Nacht zu Sonnabend schwer verletzt wurde, ist möglicherweise Folge eines tragischen Missverständnisses.
05.03.2016, 10:18
Lesedauer: 3 Min
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Tragisches Missverständnis bei Polizeieinsatz in Bremen?
Von Jürgen Theiner

Der Schuss eines Polizisten auf eine 17-Jährige in der Bremer Altstadt, durch den die junge Frau in der Nacht zu Sonnabend schwer verletzt wurde, ist möglicherweise Folge eines tragischen Missverständnisses.

Bei einem Polizeieinsatz in der Altstadt ist in der Nacht zu Sonnabend eine 17-Jährige schwer verletzt worden. Die junge Frau wurde durch drei von einem Beamten abgefeuerte Kugeln schwer verletzt. Die junge Frau befindet sich nach einer Notoperation inzwischen aber außer Lebensgefahr.

Zu dem Einsatz kam es, nachdem eine Party in einem Wohnhaus Ecke Tiefer / Balgebrückstraße aus dem Ruder gelaufen war. Nach Darstellung der Staatsanwaltschaft hatten sich Unbekannte, die nicht eingeladen waren, Zugang zu der Wohnung verschafft und waren mit den Gastgebern in einen Streit geraten, der handfest ausgetragen wurde. So schilderte es auch ein Bewohner des Hauses gegenüber dem WESER-KURIER. „Da gab es eine unglaubliche Prügelei, zunächst in der Wohnung, dann im Flur“, so der Augenzeuge. Er selbst habe dann die Polizei alarmiert. Zwei Streifenwagenbesatzungen seien innerhalb von fünf Minuten eingetroffen. Zu diesem Zeitpunkt hatten sich die Randalierer allerdings schon aus dem Staub gemacht.

Was dann geschah, schildern der Zeuge und Oberstaatsanwalt Frank Passade übereinstimmend. Die eingesetzten Beamten hätten zunächst geklingelt und dann laut gerufen: „Machen Sie die Tür auf!“ Offenbar dachten die in der Wohnung versammelten Partygäste in diesem Moment, die Randalierer seien zurückgekehrt. Das ist zumindest die Vermutung der Staatsanwaltschaft. Jedenfalls öffnete nun eine Person die Wohnungstür einen Spalt breit und feuerte mit einer Gaspistole ins Treppenhaus. Daraufhin zogen auch die Polizisten ihre Waffen. Einer feuerte zurück. Insgesamt wurde nach Informationen des WESER-KURIER fünfmal geschossen. Drei Kugeln trafen die 17-Jährige hinter der Tür.

Staatsanwaltschaft versucht Hergang zu rekonstruieren

Die Situation in den folgenden Minuten muss dramatisch gewesen sein. „Eine Polizistin schrie: Raus aus dem Haus, wir brauchen Schusswesten!“, so der Augenzeuge. Ein anderer Beamter habe den Hausbewohnern, von denen inzwischen einige vor ihre Wohnungstüren gekommen waren, zugerufen: „Runter! Legen Sie sich auf den Boden!“ Kurze Zeit später war die Tiefer voll mit Streifenwagen. Auch zwei Ambulanzen parkten vor dem Gebäude. In einem der beiden Krankenwagen wurde die angeschossene junge Frau ungefähr eine halbe Stunde erstversorgt, bevor sie ins Krankenhaus gebracht wurde. Ein leicht verletzter junger Mann wurde von drei Polizisten in die zweite Ambulanz gebracht.

Die Wohnung ist derzeit versiegelt. Die Staatsanwaltschaft versucht den exakten Hergang des Einsatzes zu rekonstruieren. Die Vernehmung des Polizisten, dessen Kugeln die 17-Jährige getroffen hatten, stand am Sonnabend noch aus. „Der Beamte ist derzeit nicht vernehmungsfähig“, so Oberstaatsanwalt Passade. Und so ist denn auch die Annahme, dass der fatale Schusswechsel auf ein Missverständnis zurückgeht, bisher genau das – eine Hypothese, die durch die weiteren Ermittlungen entweder bestätigt oder widerlegt werden wird. Auf den Polizisten, der die Schüsse in den Türbereich abgab, wird in jedem Fall ein Ermittlungsverfahren zukommen. Offen sei noch, ob das Verfahren wegen gefährlicher Körperverletzung oder wegen versuchten Totschlags geführt wird. Für den Ausgang wird es demnach wichtig sein, ob dem Beamten eine Notwehrsituation zugebilligt werden kann oder ob er mehr oder minder ungezielt auf die Tür schoss, hinter der sich die 17-Jährige befand.

Bewohner sind Polizei bekannt

Die Bewohner des Appartements, in dem sich der Polizeieinsatz abspielte, sind nach Informationen des WESER-KURIER bei der Polizei jedenfalls keine Unbekannten. Vor wenigen Monaten war die Wohnung Ziel einer Durchsuchungsaktion der Polizei, bei der es auch zur Sicherstellung von Material kam.

Die Schüsse an der Tiefer machten am Sonnabend in den Nachrichten-Portalen des Internets Schlagzeilen. Sie wurden in eine Reihe mit Vorfällen aus jüngster Zeit gestellt, bei denen Polizisten von der Schusswaffe Gebrauch machten. So starb erst vor wenigen Tagen in Berlin ein mutmaßlicher Einbrecher durch Schusswaffengebrauch eines Polizisten. Auch gegen diesen Beamten wurde routinemäßig ein Ermittlungsverfahren eingeleitet.

Der letzte Schusswaffengebrauch im Einsatzgeschehen der Bremer Polizei, bei dem ein Mensch zu Schaden kam, liegt bereits knapp zwei Jahre zurück. Er ereignete sich im Mai 2014 in der Östlichen Vorstadt. Dort hatte eine Person der Polizei telefonisch ihren Selbstmord angekündigt. Als eine Streife auf den alkoholisierten Mann traf, hatte dieser bereits stark blutende Wunden an den Armen und drohte damit, sich die Halsschlagader aufzuschlitzen. Beim Zugriff, der dies verhindern sollte, wollte ein Polizeibeamter ein Elektroschockgerät ziehen, griff aber versehentlich zu seiner Pistole und gab einen Schuss ab, der den Mann im Hüftbereich traf.

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