Neue Regeln für Bestatter

Wie sich das Trauern in Corona-Zeiten verändert

Seit Distanz auch für Trauernde gilt, bleiben Gedenksäle bis auf wenige Plätze leer, werden Rituale gebrochen, müssen einige Verstorbene allein beerdigt werden. Über das Abschiednehmen in Zeiten von Corona.
04.04.2020, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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Wie sich das Trauern in Corona-Zeiten verändert
Von Nico Schnurr
Wie sich das Trauern in Corona-Zeiten verändert

Bestatter Ibrahim Aydin überführt Verstorbene ins Ausland. Eine Herausforderung in Zeiten von Corona.

Frank Thomas Koch

Zum Ende also in den Trauersaal. Ibrahim Aydin ist das ganze Institut abgelaufen, vom Waschraum, in dem die Toten gereinigt werden, zum Depot, in dem die Särge lagern, durch das Tor, hinter dem die Leichenwagen warten. Nun ist der Bestatter auf seinem Rundgang da angekommen, wo das Dilemma deutlich wird. Aydin geht durch einen hellen Saal, sechs Bänke erstrecken sich links von ihm, sechs rechts. Lange Reihen, Platz für Hunderte. An diesem Morgen hätte hier eine große Gedenkfeier stattfinden sollen. Wie normalerweise an fast jedem Morgen im Jahr. Bloß normal ist nichts in diesen Zeiten.

Die Zeiten sind so, dass ein Virus nicht nur die Lebenden voneinander trennt, sondern auch die Lebenden von den Toten. Corona verändert alles, auch das Abschiednehmen. In Zeiten, in denen Distanz auch für Trauernde gilt, bleiben Gedenksäle bis auf wenige Plätze leer, werden Rituale gebrochen, müssen mancherorts Verstorbene allein beerdigt werden.

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Bremen-Walle, Mittwochnachmittag. Das Büro des Bestatters liegt in einem Innenhof, hinter hohen Wänden, die den Hauptstraßenlärm verschlucken. Ibrahim Aydin, 41, Glatze, Kinnbart, sitzt hinter einem wuchtigen Schreibtisch. Vor ihm blinkt und klingelt sein Telefon. Aydin nimmt ab. Die Aufregung des Anrufers ist auch noch mit ein paar Metern Abstand zum Telefon zu hören. Einmal fragt Aydin: „Wie soll ich das den Leuten erklären?“ Der Bestatter wechselt während des Gesprächs vom Deutschen ins Türkische und wieder zurück. Man versteht nicht alles, aber genug, um zu sagen, dass da zwei Männer beraten, wie ein würdiger Abschied in Zeiten der Krise aussehen kann. Wie man einer trauernden Familie beibringt, dass sie ihrem Angehörigen die letzte Ehre nicht so erweisen kann, wie sie sich das wünscht.

Bestatter gelten in Bremen als systemrelevant. Sie sollen dafür sorgen, dass sich die Lebenden nicht bei den Toten anstecken. Infektionsschutz gehört zu den Grundlagen des Berufs, doch in der Pandemie wird er zur alles bestimmenden Größe. Corona fordert Bestatter aller Konfessionen heraus, aber wer Ibrahim Aydin reden hört, der ahnt, dass er womöglich vor noch größeren Schwierigkeiten steht als viele seiner Kollegen.

Wenn Blicke reichen müssen

Das Gespräch mit dem aufgeregten Anrufer ist vorbei. Aydin legt auf, Zeit für eine Zigarette. Er steht auf und öffnet eine Tür, die in eine Küche führt. Der Bestatter tritt ans Fenster, steckt sich eine Kippe an und erzählt von seinem Leben mit dem Tod.

Aydin führt Bremens einziges Institut, das sich auf internationale, vor allem muslimische Beerdigungen konzentriert. Die Firma kümmert sich um 800 Verstorbene im Jahr, zwei Drittel werden im Ausland beigesetzt. Viele, die nach dem Tod dorthin zurückwollen, wo ihr Leben begonnen hat. Aydin erfüllt ihnen diesen Wunsch. Kein Problem, normalerweise. Bloß normal ist nichts mehr.

Die Flugzeuge bleiben am Boden, zumindest die meisten Passagierflieger. Die Toten fliegen nun in Frachtmaschinen zurück in ihre Herkunftsländer, in die Türkei vor allem, aber auch nach Ghana und Gambia, nach Pakistan und in den Irak. Wäre alles wie immer, würden die Angehörigen sie begleiten. Sie würden im selben Flieger sein, die Toten in ihren Särgen im Bauch des Flugzeugs, die Angehörigen auf den Passagierplätzen. Eine letzte gemeinsame Reise. Danach würden die Verstorbenen in der alten Heimat beerdigt werden.

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Und jetzt? Jetzt müssen die Angehörigen zu Hause bleiben. Jetzt fliegen die Toten allein in Frachtmaschinen. Jetzt werden sie in ihren Herkunftsländern beerdigt, ohne dass ihre Familien dabei sind. Jetzt steht Bestatter Aydin am Küchenfenster, pustet Zigarettenrauch in den Innenhof und überlegt, ob er unten diesen Umständen überhaupt einen guten Job im Sinne der Hinterbliebenen machen kann. Er fragt: „Ist das ein Abschied in Würde?“

Die Zeiten sind so, dass auf Trauerfeiern Blicke reichen müssen. Keine Küsse mehr, keine Umarmungen, nicht mal ein Händedruck. „Das ganze Leben läuft anders, natürlich verändert sich gerade auch das Trauern“, sagt Christian Stubbe. Der Sprecher des Bremer Bestatterverbands, graues Haar, randlose Brille, sitzt zwischen weißen Orchideen und dunklen Holzmöbeln im ersten Stock seines Instituts an der Humboldtstraße. Er hat ins Besucherzimmer geladen, das schon länger keine spontanen Besucher mehr gesehen hat, weil die Zeiten eben sind, wie sie sind. An den Wänden des Zimmers erzählen schwarz-weiße Fotos von der langen Geschichte des ältesten Bremer Instituts „Pietät“, das Christian Stubbe zusammen mit seinem Bruder in vierter Generation führt. Stubbe sagt, gerade ändere sich einiges für ihn und doch sehr wenig. Die Voraussetzungen seien besonders, aber im Grunde mache er, was er immer schon getan habe: Trauernde beraten.

Blumen aus dem Baumarkt

Gedenkfeiern und Beisetzungen können in Bremen weiter stattfinden, aber nicht mehr als 15 Personen dürfen dabei sein. „Der Senat hat richtig entschieden“, sagt Stubbe, „ich kann die Verstorbenen nicht grundsätzlich von den Angehörigen fernhalten.“ Was aber, wenn der kleinste Kreis nicht groß genug ist? Wenn sich Freunde nicht so verabschieden können, wie sie wollen, weil die Zeremonie ohne sie stattfinden muss? Sollte man sie dann verschieben, auf eine Zeit nach Corona? Geht das überhaupt: Trauer aufschieben?

Darum drehen sich viele Gespräche, die Stubbe gerade führt. Manchmal wollen die Angehörigen nicht warten. Weil sie nach Monaten, in denen sie den Verstorbenen gepflegt haben, einen Abschluss suchen. Weil da jemand im hohen Alter gestorben ist, der nicht mehr viele Menschen um sich hatte, und eine Gedenkfeier mit 15 Personen ausreicht. Manchmal wollen die Angehörigen verschieben, nicht die Beisetzung, aber die Trauerfeier. Weil sie wissen, dass es sich der Verstorbene so gewünscht hätte. Weil sie die vielen Freunde und Bekannten nicht ausschließen wollen. Weil sie ahnen, dass es sich gemeinsam einfacher trauert als allein.

Wenn Christian Stubbe gerade Gedenkfeiern organisiert, erlebt er ein anderes Abschiednehmen. Die Trauerredner tauschen sich vorab per Videochat mit den Familien aus. In den Friedhofskapellen müssen zwei Meter Abstand gehalten werden, ganze Sitzreihen werden vorsorglich abgesperrt. Die Blumen, die auf den Särgen liegen, kommen schon mal aus dem Baumarkt, die Gestecke und Kränze sind selbst gemacht, weil die Floristen geschlossen haben. Und manchmal stellt Stubbe Kameras in den Sälen auf und filmt die Feiern, weil die Zeiten so sind, dass Alte und Kranke nicht zu Hause bleiben, weil sie wollen, sondern weil sie müssen.

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In Walle blättert Ibrahim Aydin durch einen Stapel Papiere. Auf dem Küchentisch vor ihm liegen die aktuellen Vorschriften. 15 Personen, mehr nicht. „Sehr, sehr kompliziert“, sagt Aydin, „aber daran muss ich mich halten.“ Trauerfeiern aufschieben? Der Bestatter schüttelt den Kopf, keine Option. „Im Islam muss das alles so schnell wie möglich passieren.“ Nicht das einzige Problem, vor dem er steht. Da wäre noch das Waschen des Leichnams, ein wichtiges Ritual im Islam, mehrere Mitglieder der Familie, die dabei noch mal Kontakt zum Toten haben. „Das ist jetzt eigentlich nicht mehr praktizierbar.“ Pause. Aydin steckt sich noch eine Zigarette an. „Es ist schwer, Trauernden das zu verweigern. Ich bin doch vor allem Dienstleister.“

„Wir waren ein Hinterhof-Bestatter"

Was das bedeutet, will Aydin nun zeigen, ein Rundgang durchs Institut. Vor den polierten Leichenwagen ist Zeit für eine Bestandsaufnahme: „Wir waren Jahre zurück, jetzt sind wir Jahre voraus.“ Zwischen Waschraum und Ausstellungszimmer, in dem die neuesten Sargmodelle stehen, umreißt er schnell noch die Geschichte des Unternehmens, das sein Vater vor 35 Jahren gegründet hat. „Wir waren ein Hinterhof-Bestatter, hatten nur das Nötigste, aber darum ging es nicht,“, sagt Aydin, „was die Bestattung angeht, wurden die Belange der Zuwanderer damals nicht ernst genommen, wir wollten das ändern.“ Die Zeiten sind nun so, dass er diesen Belangen selbst nicht mehr ganz gerecht werden kann.

Der Rundgang endet im Trauersaal. Aydin läuft über einen grauen Teppich, vorbei an Bänken links und rechts, den Raum einmal auf und ab. Die Tür steht etwas offen. Die Abendsonne arbeitet sich durch den Spalt, der Saal schimmert. „Warum sollte man im Dunkeln an die Verstorbenen denken?“ Aydin schiebt die Tür weiter auf. „Das Leben ist doch gerade schon düster genug“, sagt der Bestatter. Dann tritt er raus in den Bremer Abend.

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