Cinemaxx-Besucher kritisieren Sicherheitsvorkehrungen / Kinobetreiber streitet Vorwürfe ab Trauerfeier für 19-Jährigen

Bremen. Die Freude über den Weltmeister-Titel – in Bremen ist sie am Sonntagabend überschattet worden von einem Tötungsdelikt während des Public Viewings im Cinemaxx-Kino am Hauptbahnhof.
15.07.2014, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Trauerfeier für 19-Jährigen
Von Peter Voith

Die Freude über den Weltmeister-Titel – in Bremen ist sie am Sonntagabend überschattet worden von einem Tötungsdelikt während des Public Viewings im Cinemaxx-Kino am Hauptbahnhof.

Gäste berichten von einer teilweise aggressiven Atmosphäre, die eskaliert sei, nachdem es wegen des Starkregens zu einigen Bildausfällen kam. Und sie klagen den Kinobetreiber an, die „Sicherheit total vernachlässigt“ zu haben. Das sei „ein Skandal“. Das Cinemaxx bestreitet die Vorwürfe.

Mario Götze hatte grade das 1:0 geschossen, niemand nahm in dem „absolut überfüllten Kinosaal“ noch Rücksicht auf seinen Nebenmann. Leute umarmten sich, andere grölten und schubsten. Da wurde es Petra Kumm dann unheimlich. Die 47-jährige Bremerin und ihr Freund verließen den Kinosaal. Und als sie die Treppe im Cinemaxx hinuntergingen, sahen sie, wie jemand einen blutenden jungen Mann auf die Seite drehte. Am Ausgang angekommen, wollte sie sofort einen Notruf absetzen. „Aber da kam bereits die Polizei.“

Bei dem jungen Mann handelt es sich um einen 19-Jährigen, der, wie es aus Polizeikreisen heißt, aus einer arabischen Großfamilie aus Osterholz-Scharmbeck stammt. Auf ihn hatte mutmaßlich ein 22-jähriger eingestochen, ein Deutscher mit familiären Wurzeln in Albanien. Während der Verdächtige – auch er war schwer, aber nicht lebensgefährlich verletzt worden – kurze Zeit später in Tatortnähe von der Polizei festgenommen werden konnte, wurde das Opfer ins Krankenhaus gebracht. Dort erlag der junge Mann seinen Verletzungen. Die Polizei konnte die Waffe sicherstellen.

Während die Ermittler noch untersuchen, wie und warum es zu der Messerstecherei kam, diskutieren Besucher auf der Facebook-Seite von Cinemaxx über mangelnde Sicherheitsvorkehrungen beim Public Viewing. So schreibt Nutzer „Iam Fabian“: „Spätestens wenn Leute im Kino ein Messer dabei haben, muss ich mir den Vorwurf gefallen lassen, warum ich in Bremen ohne Sicherheitspersonal pro Person fünf Freikarten anbiete und mir so das Gesindel Bremens ins Haus hole.“

Gäste: Anarchie im Kino

Auch Cinemaxx-Besucherin Petra Kumm sagt heute: „Ich hätte lieber fünf Euro fürs Ticket bezahlt, damit man das für Sicherheitspersonal ausgibt.“ Sie berichtet, dass die Kinosäle „total überfüllt“ gewesen seien, Menschen auf den Treppen gesessen und mit herbeigeschafften Stühlen die Notausgänge blockiert hätten. Zur Überfüllung sei es gekommen, weil sich die beiden Kontrolleure am Eingang die Eintrittskarten nur zeigen ließen, sie aber nicht entwerteten. Die Folge: „Dauernd ging irgendeiner mit fünf oder zehn Karten wieder raus und holte seine Kumpels rein.“

Aggressiv sei die Stimmung auch geworden, weil sich vor den wenigen geöffneten Tresen lange Schlangen gebildet hätten und die Leute lange auf Essen und Trinken warten mussten. „Und als es dann wegen des Starkregens zu Bildausfällen kam, kippte die Stimmung endgültig.“ Einige hätten volle Cola-Becher gegen die Leinwand geschmissen und lauthals gegrölt. „Auch da passierte nichts, keine Lautsprecherdurchsagen, gar nichts.“ Petra Kumm wird immer noch mulmig, wenn sie daran denkt, dass viele Besucher auch ihre Kinder mitgebracht hatten. „Dass das Cinemaxx die Sicherheit der Besucher offenbar überhaupt nicht ernst genommen hat, das ist ein Skandal.“ Ein anderer Besucher spricht von „totaler Anarchie“ im Kino. Eine Einschätzung, die auch mehrere Zeugen, die zu den Messerstichen befragt wurden, bei der Polizei zu Protokoll gaben.

Das Cinemaxx ist „geschockt, dass es bei einem so freudigen Anlass zu einem derart schlimmen Zwischenfall gekommen ist“. Aber die Vorwürfe werden bestritten. Pressesprecherin Ingrid Breul teilt auf Nachfrage mit, es habe „kein Problem überfüllter Säle“ bestanden. Dass das Einlasssystem missbräuchlich umgangen worden sei, „können wir nicht bestätigen“. Zu der Beobachtung, es habe Anarchie geherrscht, sagt Breul: „Wir schließen nicht aus, dass es einzelne Besucher gegeben hat, die sich nicht regelgerecht verhalten haben, aber von einer anarchischen Situation zu sprechen, halten wir für falsch. Während des Spiels hatten wir keinerlei Beschwerden.“ Und zum Vorwurf, das Cinemaxx habe an der Sicherheit gespart, verweist die Sprecherin auf die „äußerst enge Bindung zur Bremer Polizei“. Und weiter: „Es gab zudem klare Anweisungen an die Häuser, für Sicherheitsmaßnahmen zu sorgen – wenn benötigt.“ Gewalteskalationen seien zu keinem Zeitpunkt absehbar gewesen „und können auch mit weitergehenden Maßnahmen nie ganz ausgeschlossen werden“.

Das Kino bleibt am Dienstag noch geschlossen, teilte die Cinemaxx-Zentrale in Hamburg mit. „Aus gegebenem Anlass“, wie es hieß.

Haftbefehl gegen 22-Jährigen

Die Polizei hat inzwischen einen 22-jährigen Tatverdächtigen ermittelt, der in Tatortnähe festgenommen wurde. Ein Richter habe Haftbefehl wegen Verdachts des Totschlags erlassen, sagte Oberstaatsanwalt Frank Passade am Dienstag.

Trauerfeier verläuft friedlich

Am Montagabend versammelten sich etwa 300 Menschen vor dem Kino am Hauptbahnhof, um dem Opfer zu gedenken. „Es war eine ganz friedliche Stimmung“, sagte Polizeisprecherin Franka Haedke am Dienstag. Nach einer Schweigeminute und einem Abschlussgebet löste sich die Versammlung wieder auf. (mit Material von dpa/ haf)

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