Bauernprotest auf dem Rathausplatz

Treckerparade an der Weser

Politiker aller Parteien haben auf dem Bremer Rathausplatz das Engagement der Landwirte gelobt, doch damit wollen sich diese nicht abspeisen lassen. Sie wollen den Druck hoch halten. Ein Stimmungsbericht.
17.01.2020, 21:06
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Treckerparade an der Weser
Von Marc Hagedorn
Treckerparade an der Weser

Treckerparade: Dicht an dicht standen die Schlepper auf der Martinistraße, die kurzfristig noch teilgesperrt wurde.

Christina Kuhaupt

Plötzlich herrscht auf dem Rathausplatz eine Atmosphäre, wie man sie in der Stadt sonst nur aus dem Weserstadion kennt, wenn Werder ein Tor schießt. Die Menge jubelt. Die Menschen recken die Arme in die Höhe. Auf der Bühne steht Mark van den Oever am Mikrofon, und nun holt der Landwirt aus den Niederlanden aus seinen Stimmbändern heraus, was sie hergeben. Er ist zur Unterstützung der Kollegen nach Deutschland gekommen, auch in den Niederlanden protestieren die Bauern seit Monaten gegen die Politik.

Van den Oever brüllt jetzt: „Wollen wir faire Preise für unsere Produkte?“ Ein langgezogenes Ja ist die Antwort. „Wollen wir praxisnahe Regelungen?“ Das nächste Jaaaaaa. „Wollen wir eine Düngeverordnung, die sich auf eine korrekte Informationsbasis stützt?“ Ein drittes Jaaaaaa. Und schließlich: „Fahren wir zusammen nach Brüssel, um der EU unsere Meinung zu sagen?“ Lauter als nach dieser Frage werden an diesem Sonnabend auch die Werder-Fans in Düsseldorf nicht jubeln können, sollte Werder dort ein Tor schießen. Jaaaaaa.

Landwirte überreichen Positionspapier an Umweltsenatorin

Exakt zwei Stunden sind seit Beginn der Kundgebung auf dem Rathausplatz zu diesem Zeitpunkt verstrichen. Mehr als zehn Redner haben bis dahin gesprochen. Landwirte, Funktionäre und Politiker, auch Bremens grüne Umweltsenatorin Maike Schaefer. Ihr haben die Organisatoren ein Positionspapier mit ihren Forderungen übergeben. Schaefer verspricht, die Anliegen der Landwirte ernstzunehmen und auch in Berlin dafür zu werben.

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Man konnte zu diesem Zeitpunkt sehr leicht den Eindruck gewinnen, dass im Grunde doch alles gar nicht so schlecht ist im Verhältnis zwischen Landwirtschaft und Politik. Genau wie Schaefer hatten auch die Politiker der anderen Parteien den Landwirten versichert, wie wichtig sie für die Gesellschaft seien. Wie sehr sie es verdient hätten, Respekt für ihre Arbeit zu bekommen und eine angemessene Entlohnung dafür selbstverständlich auch. Die rund 4000 Landwirte quittierten es mit höflichem Applaus. Es tat ihnen sichtbar gut, mal wieder gelobt zu werden. Zuletzt, so ihre Wahrnehmung, hatten sie ja vor allem als Buhmänner der Nation herhalten müssen. Verantwortlich für das Insektensterben. Verantwortlich für zu viel Nitrat im Grundwasser. Verantwortlich dafür, dass Tiere leiden müssen.

Vorstoß der Politik reicht Bauern nicht

Wie kampfbereit die Landwirte aber weiterhin sind, wird an diesem Tag noch ein zweites Mal deutlich, als nämlich Helmut Dammann-Tamke spricht. Der Landwirt aus der Nähe von Stade, für die CDU im Landtag, versucht es als Erfolg zu verkaufen, dass tags zuvor Niedersachsens Landwirtschaftsministerin Barbara Otte-Kinast (CDU) und Umweltminister Olaf Lies (SPD) vom Bund eine Überarbeitung der Düngeverordnung verlangt haben. Tatsächlich bringt dieser Vorstoß erstmals Bewegung in die festgefahrene Diskussion zwischen den Bauern und der Politik. Aber wie wenig den Bauern das reicht, macht Frank Wassenberg deutlich. Der Landwirt aus dem niedersächsischen Lohne hat an diesem Tag schon einmal gesprochen, aber jetzt greift er erneut zum Mikrofon und hebt die Stimme zu einem Donnern: „Ich habe langsam die Schnauze voll. Wenn ihr Politiker alle noch Verstand in der Birne habt, dann stimmt im Bundesrat einfach dagegen.“

Für dieses Anliegen gehen die Bauern seit Monaten regelmäßig auf die Straße. Am Freitag war zum ersten Mal Bremen ihr Ziel. Aus Aurich und Wittmund, aus Cloppenburg und Vechta, aus der Wesermarsch und dem Emsland, aus dem Blockland und dem Bremer Speckgürtel sind sie angereist. Viele von ihnen hatten um 5.30 Uhr den heimischen Hof verlassen, im Laufe des Vormittags treffen sie in der City ein. Der Rathausplatz füllt sich von Minute zu Minute mehr. Die Imbissbude, die der Veranstalter in weiser Voraussicht aufgestellt hat, ist dauerbelagert. Pommes und Currywurst – das Fleisch aus der Region – bilden die Grundlage, um durch den Tag zu kommen.

Konsumenten fehlen bei der Demo

„Liebe Verbraucher, wir lieben Lebensmittel, ihr auch?“, steht auf Plakaten, die die Bauern mitgebracht haben. Einige von ihnen tragen ihre Arbeitskleidung, andere haben sich neongelbe Warnwesten übergestreift, hinten drauf steht: „Wir arbeiten mit Liebe, Herz und Leidenschaft für euch“. Tatsächlich geht es in vielen Redebeiträgen um eine Gruppe, die zahlenmäßig am schwächsten vertreten ist auf dieser Demo: die Konsumenten, die ihre Produkte im Supermarkt kaufen. Carsten Schnakenberg, Milchbauer aus Borgfeld, hatte ihnen gleich zu Beginn der Veranstaltung zugerufen: „Wenn ihr das nächste Mal vor dem Kühlregal steht und überlegt, ob ihr lieber das Rindfleisch aus Argentinien oder aus Niedersachsen nehmen sollt, dann nehmt es aus Niedersachsen.“

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Mit Pommes und Wurst vom Imbiss haben sich derweil Heike Haske und Töchterchen Marthe versorgt. Die Haskes betreiben in Neerstedt einen Milchviehbetrieb. Heike Haske hat sich ein Schild umgeschnallt, auf das sie Fotos von Marthe geklebt hat. Marthe, wie sie im Stall steht. Marthe, wie sie auf einer Kuh sitzt. Marthe, wie sie mit dem Trecker fährt. Dazu der Text: „Ich will weiterhin auf dem Hof groß werden. Denn das, was ich auf dem Hof bei Mama und Papa erlebe, kann mir keiner bieten.“ Wie den Haskes geht es fast allen, die sich hier zusammengefunden haben. Sie haben Angst vor der Zukunft, sie sorgen sich um ihre Existenz. Und das werden sie der Politik auch nach der Bremer Demo weiterhin bei jeder Gelegenheit sagen.

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