TSV St. Magnus stellt preisverdächtiges Kinderturn-Projekt vor

Treffen mit Angela Merkel in Aussicht

Kinder rennen wie wild durch die Sporthalle. Sie können sich nach Herzenslust austoben. Allerdings: Beim Toben sind auch Regeln zu befolgen. Das Gesamtpaket heißt „Integrierte Förderung von Bewegung, Sprache und Literatur“.
25.01.2016, 00:00
Lesedauer: 5 Min
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Von Iris Messerschmidt

Zehn Kinder rennen wie wild durch die Sporthalle. Sie sind zwischen vier und sechs Jahre alt und können sich nach Herzenslust austoben. Allerdings: Beim Toben sind auch Regeln zu befolgen. Das Gesamtpaket heißt „Integrierte Förderung von Bewegung, Sprache und Literatur“.

Die Kinder müssen auch zuhören, wiederholen und lernen. Ein Projekt, mit dem Übungsleiterin Susanne Fischer und der TSV St. Magnus im Wettbewerb „Sterne des Sports“ mitmischen. Am Dienstag, 26. Januar, könnte der Verein von Bundeskanzlerin Angela Merkel als Auszeichnung einen Stern überreicht bekommen.

Es geht laut zu in der Sporthalle an der Richthofenstraße. Lachend und kreischend laufen kleine Kinder in der Halle umher. Matten, Pylonen, Bänke – ein schon aufgebauter Parcours wird gnadenlos ignoriert, dafür mehrfach umrundet. Was wie ein wildes Durcheinander aussieht, hat jedoch System. Die mit den tobenden Kindern einhergehende Musik stoppt plötzlich – und wie angewurzelt stehen die Kinder still. Nun gut, nicht jedes und auch nicht gleich beim ersten Mal. Doch die Wiederholung zeigt: Schnell haben sich die Kleinen an den Rhythmus der Musik und der damit einhergehenden Ansage gewöhnt. „Wenn die Musik stoppt, stoppt auch ihr“, betont Susanne Fischer. Spätestens beim vierten Mal folgen alle Kinder dieser Anweisung, und die 44-Jährige geht noch einen Schritt weiter: „Ich möchte, dass ihr mal rückwärts geht, wenn die Musik wieder läuft.“ Es klappt. Die Übungsleiterin ist zufrieden, und der Einstieg in eine besondere Kinderturnstunde kann beginnen.

„Erst einmal die Aufregung abbauen und ankommen“, lautet das Motto dieser Toberunde. Die Fachkrankenschwester für Anästhesie und Intensivmedizin leitet seit zweieinhalb Jahren das Kinderturnen beim TSV St. Magnus. Ihre berufliche Neuorientierung brachte sie auf das preisverdächtige Projekt, das sie seit Februar 2014 anbietet. „Ich habe mich im Bereich Pädagogik weitergebildet, arbeite jetzt in der Behindertenpflege. Für diese Weiterbildung habe ich auch ein halbes Jahr im Kindergarten ,Fliegenpilz’ ein Praktikum gemacht. Dort hat mir eine Erzieherin von dem Bewegungsprojekt erzählt“, berichtet Susanne Fischer.

Das Projekt beruht auf dem Kinderbuch Konrad Känguru und Rita Rennmaus der Professorin Renate Zimmer, Direktorin des Instituts für Sport- und Bewegungswissenschaften an der Universität Osnabrück und Direktorin des Niedersächsischen Instituts für Frühkindliche Bildung und Entwicklung. Das Konzept von Renate Zimmer verknüpft die Lust der Kinder an Bewegung und die Freude am Spiel mit Sprache. Es weckt ihre Neugier auf Geschichten, die sie in Bewegung bringen, zum Nachahmen und Verändern auffordern und mit denen sie sich identifizieren können. Zwölf Geschichten in dem Buch erzählen die Abenteuer des kleinen Kängurus, seiner Freundin der Rennmaus und weiteren Tieren. Anregungen, die von den Kindern schnell umgesetzt werden können.

„Heute geht es um den Weitsprungwettbewerb.“ Susanne Fischer sitzt mit den Kindern mitten im aufgebauten Parcours. Mit großen Augen lauschen die Kleinen, die kurz zuvor noch wild durch die Halle tobten, der Geschichte, die Susanne Fischer nun vorliest. Konrad Känguru kennen sie schon. Sie wissen, dass das kleine Känguru am liebsten im Sessel seines Opas sitzt, faulenzt und immer hungrig ist. Sie wissen aber auch, dass die quirlige Freundin des Kängurus, Rita Rennmaus, den bequemen Konrad immer wieder zu Abenteuern herausfordert. Dieses Mal hat Rita Rennmaus gehört, dass es einen Weitsprungwettbewerb geben soll und findet, dass dies genau das Richtige für Konrad ist. Doch erst als Konrad hört, dass es einen Schokoladenkuchen zu gewinnen gibt, ist er bereit, Rita Rennmaus zu folgen.

So laufen Konrad und Rita los. Über Maulwurfshügel, unter Ästen hindurch und zwischen Brombeersträuchern über eine Brücke. Susanne Fischer stoppt die Vorleserunde nach jedem Hindernis und fragt die Kinder ab. „Wo ist denn hier der Löwenzahn?“ Mariella weiß Bescheid: „Da, die roten Kegel.“ Susanne Fischer bestätigt und erklärt noch schnell, dass dies Pylonen sind. So ergibt sich schnell ein Parcours, der jetzt von den Kindern nach dem Vorbild von Konrad und Rita absolviert wird. Zwei parallel zueinander stehende Bänke, verbunden mit Querhölzern, sollen Äste darstellen und eine Bank, aufgehängt zwischen hohen Querbalken, die Brücke. Außerdem sollen kleine Hütchen Maulwurfshügel sein.

„Die Konzentration hat sich schon deutlich erhöht“, stellt Susanne Fischer erste Ergebnisse bei den Kindern fest, während die voller Spaß und Bewegungsdrang dem Känguru-Weg folgen. Zwischendurch fragt Susanne Fischer an den einzelnen Stationen: „Wisst ihr noch, was der Konrad hier machen muss?“ Die Kinder wissen es, und bestätigen damit, dass sie der Geschichte folgen. Der Aktion folgt eine weitere Ruhephase. Kurz den Durst gelöscht und schon erzählt Susanne Fischer, wie Konrad an dem Platz ankommt, an dem der Weitsprungwettbewerb stattfindet.

Zahlreiche Tiere haben sich da schon eingefunden. Konrad, der immer noch davon überzeugt ist, „dass Kängurus gar nicht springen“, hat plötzlich den Geruch von Schokoladenkuchen in der Nase. Doch da sind so viele Tiere. Also springt er immer höher und weiter, um den Schokoladenkuchen zu entdecken. Das bemerkt der Schiedsrichter, Konrad gewinnt und die Kinder dürfen auf dem Sprungbrett Konrads Beispiel folgen. Sie landen in dicken Matten.

TSV Westerland mit Asylbewerber-Fußballmannschaft nominiert

◼ Der TSV St. Magnus beziehungsweise das von Susanne Fischer geleitete Kinderturn-Projekt „Integrierte Förderung von Bewegung, Sprache und Literatur“ ist im Wettbewerb 2015 der einzige Kandidat aus Bremen. Allein sechs der 17 Sportvereine sind für Projekte mit Flüchtlingen beziehungsweise Asylbewerbern nominiert. Darunter beispielsweise die Idee des TSV Westerland (Sylt) von 1883. Integration von Asylbewerbern in die Gesellschaft über den Sport heißt das Motto. Daraus ist eine eigene Fußballmannschaft entstanden, die schon am offiziellen Spielbetrieb teilnimmt und von einem ehemaligen Spieler der iranischen Nationalmannschaft trainiert wird. Der Fußball führt auch Kinder und Jugendliche aus unterschiedlichsten Ländern im Verein „Roter Stern Sudenberg“ aus Sachsen-Anhalt zusammen. Rund 30 Prozent der Kinder und Jugendlichen kommen aus dem nahegelegenen Asylbewerberheim.

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Bewegung als Motor des Spracherwerbs

◼ Professorin Renate Zimmer ist Erziehungswissenschaftlerin, die durch Buchveröffentlichungen und Projekte auf die Bedeutung von Bewegung und Lernen aufmerksam macht. Laut Zimmer helfen Bewegungsaktivitäten den Kindern, ein Körperbewusstsein zu entwickeln. Mit Konrad Känguru und Rita Rennmaus werden laut Zimmer gleich drei Bereiche der frühkindlichen Bildung gefördert. Das Konzept ist eine Verbindung aus Bewegung, Sprache und Literatur. Die Kinder lauschen den Geschichten, setzen sie in Bewegung um und lernen in der Bewegung neue Begriffe kennen. So wird Bewegung zum Motor des Spracherwerbs. Konrad Känguru und Rita Rennmaus bieten Anregungen und Impulse für Kindergruppen ab drei Jahren. Die Übungen können nach Alter und Gruppengröße ausgewählt werden. Das Kinderturn-Projekt beim TSV St. Magnus gilt im Übrigen auch für Nichtmitglieder.

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