Verhandlungen mit Niedersachsen beginnen

Trinkwasser: Bremen sucht neue Quellen

Bis 2023 ist Bremen der Bezug von Trinkwasser aus dem Landkreis Verden garantiert. Doch da der Landkreis die Förderung wegen ökologischer Bedenken beenden will, braucht Bremen Alternativen.
09.02.2016, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Trinkwasser: Bremen sucht neue Quellen
Von Jürgen Theiner

Bis 2023 ist Bremen der Bezug von Trinkwasser aus dem Landkreis Verden garantiert. Doch da der Landkreis die Förderung wegen ökologischer Bedenken beenden will, braucht Bremen Alternativen.

Aus welchen Quellen bezieht Bremen künftig sein Trinkwasser? Auf den ersten Blick scheint diese Frage keine allzu drängende zu sein, schließlich ist das Jahr 2023 noch weit weg. Bis dahin ist Bremen der Bezug von Trinkwasser aus dem Raum Verden garantiert. Jeder vierte Liter, der in der Hansestadt verbraucht wird, stammt aus dem dortigen Wasserwerk Panzenberg. Ob auch danach noch mit Lieferungen aus Verden zu rechnen ist – und wenn ja: in welchem Umfang – kann allerdings zurzeit niemand garantieren. Müssten Alternativen ernsthaft erwogen und realisiert werden, wären die sieben Jahre bis 2023 kein beruhigendes Zeitpolster.

Die Politik hat das Thema deshalb auf dem Schirm. Die Frage der Versorgungssicherheit für Bremen wird eines der Themen der nächsten gemeinsamen Sitzung der Landeskabinette Niedersachsens und Bremens, die für das Frühjahr geplant ist. „Es wird dort auf der Tagesordnung stehen“, bestätigt Jens Tittmann, Sprecher des Umweltressorts des Senats.

Dass Bremen bei der Trinkwasserversorgung nicht autark sein kann, sondern die Hilfe des umgebenden Flächenstaates Niedersachsen in Anspruch nehmen muss, da-rüber herrscht zwischen den Nachbarn schon seit mehr als 20 Jahren grundsätzliches Einvernehmen. „Heimische“ Förderung in Bremen-Nord deckt nur etwa 15 Prozent der gut 30 Millionen Kubikmeter, die Bremen alljährlich schluckt. Rund 85 Prozent werden zugeliefert. Hinter dem Verdener Anteil steht allerdings ein Fragezeichen. Im März 2015 hatte der Trinkwasserverband Verden bei der Kreisverwaltung eine Verlängerung seiner ausgelaufenen Fördergenehmigung beantragt, und zwar im gleichen Volumen wie bisher. Doch die Genehmigungsbehörde legte sich quer. Zu groß seien die ökologischen Schäden, die sich über die Jahre durch die Wasserförderung am Panzenberg eingestellt haben, argumentierte der Landkreis.

Delmenhorst ist im Gespräch

Seit Kurzem läuft nun unter Mitwirkung des niedersächsischen Umweltministeriums eine Prüfung des Sachverhalts. Dabei spielt auch eine Rolle, ob eine unverändert hohe Förderung in Verden den strengen Anforderungen der Europäischen Wasserrahmenrichtlinie genügen würde. Ergebnisse sind für den Herbst angekündigt, allerdings gelte: „Qualität geht vor Termin“, so Ann Kathrin Buchs, Umweltökonomin im Umweltministerium in Hannover.

Ein Aspekt der Prüfung gilt den Alternativen. Wo könnte das Wasser für Bremen gefördert werden, wenn die Verdener Quelle nicht mehr zur Verfügung stünde? Laut Jens Tittmann ist im Umweltressort über zwei bis drei Reservoire in der Region nachgedacht worden, unter anderem in Delmenhorst. Dort gibt es nämlich eigentlich zu viel brauchbares Grundwasser. Delmenhorst hatte jahrzehntelang zwei Wasserwerke, eines am südlichen Stadtrand und eines in der Innenstadt inmitten des Landschaftsparks Graftanlagen. Als vor einigen Jahren das dortige, ältere Wasserwerk außer Dienst gestellt wurde, stieg der Grundwasserspiegel stark an, was zum Absterben zahlreicher Bäume führte. Seither überlegt man in Delmenhorst, wie man die Versumpfung der Graftanlagen in den Griff bekommt.

Warum nicht durch den Verkauf der überschüssigen Reserven an Bremen? Was nach einer Ideallösung zum beiderseitigen Vorteil der Nachbarkommunen klingt, ist aber bisher wohl nicht ernsthaft erwogen worden. Laut Jens Tittmann hat das Umweltressort im vergangenen Jahr in Delmenhorst vorgefühlt. Die dortigen Stadtwerke sind aber offenbar nicht übermäßig interessiert. Es habe „noch keine Veranlassung“ gegeben, so eine Sprecherin, „unsererseits über eine Vorgehensweise bezüglich eines Verkaufs von Wasser aus Delmenhorst nachzudenken“.

Schaefer: "Bremen hat eigene Grundwasserreserven vernachlässigt"

Die Grünen sehen in einer ökologisch nachhaltigen Trinkwasserversorgung für Bremen eines der wichtigsten kommunalpolitischen Themen auf mittlere Sicht. „Wir sollten die Suche nach Alternativen zu Verden mit Hochdruck vorantreiben“, fordert die Fraktionsvorsitzende in der Bürgerschaft, Maike Schaefer, „und zwar standortnah.“ Neben möglichen Zulieferungen aus Delmenhorst oder Bremerhaven, wo es ebenfalls Überschüsse gebe, seien weitere Optionen im Umland zu untersuchen. „Sinnvoll wäre deshalb ein hydrogeologisches Gutachten für die Region um Bremen, um Klarheit darüber zu gewinnen, welche Möglichkeiten es gibt“, so Schaefer. Parallel sei zu prüfen, ob die Produktion der Quellen in Blumenthal und Vegesack gesteigert werden kann. Weil auf externe Großlieferanten wie Verden in der Vergangenheit Verlass war, habe Bremen nicht nur die Nutzung, sondern auch den Schutz der eigenen Grundwasserreserven sträflich vernachlässigt, beklagt die Fraktionschefin der Grünen. Um die Vegesacker Brunnen nördlich der Uhthoffstraße gebe es bisher nicht einmal ein offizielles Wasserschutzgebiet.

Stimmt, entgegnet Jens Tittmann, doch dürfe man sich von der Ergiebigkeit des dortigen Reservoirs keine überzogenen Vorstellungen machen. „Das ist ein wichtiger Baustein für Bremen-Nord, aber kaum für die Gesamtstadt“, sagt der Behördensprecher. Grundsätzlich gebe es ja auch noch andere gangbare Wege, zum Beispiel die Aufbereitung von Weserwasser zu Trinkwasser. Für diese Variante gilt allerdings: Sie ist zwar technisch machbar, wegen der starken Belastung des Flusses mit Salzfrachten aus der Kali-Produktion und anderen Schadstoffen jedoch mit großem Aufwand verbunden. Und schmecken würde ein solches Filtrat auch nicht besonders. Fachleute sind sich einig: Die Qualität von Grundwasser ist unschlagbar.

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