Bald autofreie Zone? Trottoir oder Trasse - Visionen vom Wall

Der Wall ohne Autos? Momentan ist er das zwangsweise, weil die Straße seit der Brandkatastrophe am 6. Mai weiterhin gesperrt ist. Wäre die autofreie Frist womöglich ein Modell für die Zukunft?
05.06.2015, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Trottoir oder Trasse - Visionen vom Wall
Von Frauke Fischer

Der Wall ohne Autos? Oder beinahe jedenfalls? Momentan ist er das zwangsweise, weil die Straße seit der Brandkatastrophe am 6. Mai weiterhin gesperrt ist. Wäre die autofreie Frist womöglich ein Modell für die Zukunft? Was spricht für eine Verkehrsberuhigung, was dagegen?

Den Wall als autofreie Zone hat es Jahr für Jahr gegeben. Zu den Wallfesten hat sich die Straße in einen Kulturort unter freiem Himmel verwandelt, an dem Cafés und Buden mit Leckereien und Cocktails lockten. Der Wall war Fußgängerzone – für einen Tag zumindest. Befristet. Die Stunden ohne Autos vermittelten Besuchern eine Ahnung davon, wie der Boulevard sich für Bummlerinnen und Bummler anfühlen könnte, wenn sie zwischen Schaufenstern auf der einen und sattem Grün auf der anderen Seite ungestört flanieren und womöglich kaffeesieren könnten.

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Lauter Visionen von einem Wall ohne oder mit weniger Autos – doch die verkehrliche Bedeutung der West-Ost-Verbindung ist groß, rund 12 000 Autos fahren täglich in beide Richtungen über den Wall. Aus Sicht einiger Gewerbetreibender ist es zudem unverzichtbar, dass die Adressen weiterhin mit dem Auto bequem erreicht werden können. Vor allem auf dem Abschnitt, der seit dem Großbrand im Harms-Gebäude gesperrt ist, säumen Geschäfte die innerstädtische Seite. Büros, Praxen, Kanzleien, aber auch Wohnungen liegen vielfach in den Etagen darüber in den zum großen Teil historischen Gebäuden.

Die nun schon bald fünf Wochen anhaltende Sperrung der Straße für den Autoverkehr hat zu weiteren Fragen unter Anrainern und Nutzern des Boulevards geführt. Wie geht es nach der Sicherung der Ruine weiter? Wird die Straße auch während einer Neu- oder Wiederaufbauzeit gesperrt werden müssen? Und: Welche Auswirkungen hat die Leerstelle mitten in der Ladenzeile auf die Attraktivität der traditionsreichen Adresse?

Lesen Sie hier etwas über die Geschichte des Walls

Gerade erst schien der Wall-Abschnitt zwischen Herdentor und Ostertor ein wenig Aufwind zu spüren. Gebäude sind saniert worden. Neue Geschäfte haben sich angesiedelt und damit Leerstände belebt. Weitere Eröffnungen in diesem Jahr stehen an, wie Tim Heintzen, Sprecher der Wall-Werbegemeinschaft ankündigt. Es gab auch schon einen Termin für das nächste Wallfest. Am 14. Juni sollte es mit viel buntem Programm stattfinden, wurde inzwischen aber auf unbestimmte Zeit verschoben – vor allem aus Sicherheitsgründen, bedingt durch die Arbeiten in der Brandruine.

Der Wall im Dornröschenschlaf

Immer wieder haben Unternehmer und Hauseigentümer vom Wall im Schulterschluss mit der Wirtschaftsförderung und anderen Behörden in den vergangenen Jahrzehnten neue Anstrengungen unternommen, um den Wall in die Wegebeziehungen zur Innenstadt besser einzubinden. 1984 wurde die „Katharina“ eröffnet, 1998 die Domshofpassage und 2001 dann die Harms-Passage, die die bequeme Verbindung zwischen Schüsselkorb und Wall ermöglicht. Die kleine Museumstraße auf dieser Strecke wurde umgestaltet und erhielt mit dem Kontorhaus City an der Ecke Herdentorswallstraße im Jahr 2003 ein Gebäude, das die dereinst eher düstere Hinterhausatmosphäre aufwerten sollte. Längst hat der Wall ein Glasdach über dem Trottoir, das Bummler vor Regen schützt, wenn sie in Schaufenster blicken oder Geschäfte betreten. Es gibt Lokale, in denen Wall-Besucher sich stärken und dabei ins Grüne blicken können.

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Aber so ganz aus dem Dornröschenschlaf ist die gute Adresse noch nicht erwacht. Dabei hat es immer wieder auch kreative Ansätze und Impulse gegeben, sie zu beleben. Als im vergangenen Jahr beispielsweise Studierende der Hochschule Bremen und der Hochschule für Künste unter der Fragestellung „Wem gehört das Grün?“ Visionen für die Wallanlagen entwickelten. Eine Gruppe des Projekts „Interspace 2014“ machte die Straße Am Wall in ihrem Entwurf zur Fußgängerzone und gab damit neue Impulse.

„Hinter der Idee steht ein übergeordnetes Verkehrskonzept“, erläutert die Architekturprofessorin Ulrike Mansfeld den Entwurf „Overwall“. Er sieht einen Tunnel unter dem Wall vor, der den Autoverkehr vom Osterdeich aus unterirdisch bis zum Doventor und dann oberirdisch weiter bis in die Überseestadt führt. Dadurch gibt es auf dem Wall selbst viele Möglichkeiten der Weiterentwicklung. Als „Stadtbalkon“, wie Mansfeld die Funktion umschreibt. Als Gegenstück zur Schlachte an der Weserseite würde der Wall sich zum Grün öffnen.

"Den Park neu interpretieren"

Eine Voraussetzung: „Es müsste mehr Durchlässigkeit hergestellt werden“, sagt Mansfeld. So sollten Sitzplätze der Außengastronomie auf die Parkseite wandern, wo sie zumindest zeitweise besonnt wären. „Die Straße Am Wall hat derzeit ja eine sehr dunkle, unbelebte Seite, vor allem in den Wintermonaten.“ Mansfelds Ansicht nach müsse man „den Park neu interpretieren“, weitere Nutzungen dort zulassen. Denn: Wenn die Wallanlagen belebt sind, kommt es der Straße Am Wall zugute. Das wäre ihrer Meinung nach auch historisch begründbar, denn nach der Zeit als Bollwerk fungierte das Wall-Areal mit Mühlen und Schrebergärten unter anderem als Nahrungsproduktionsstätte. Und es bekam beispielsweise mit Federballplätzen neue Qualitäten als gutbürgerliches Ziel für Sonntagsausflüge mit der Familie. In diese Funktion war auch der Boulevard eingebunden. Dort zeigte man sich, flanierte. Der Denkmalschutz, so Mansfeld, erschwere heute manche Weiterentwicklung. Die Innenstadt und damit der Wall müssten sich anders profilieren als über Parkplatzangebote. „Aufenthalt, Begegnung und Kommunikation sind die Soft Skills einer Stadt“, sagt sie. Dass eine Untertunnelung gar nicht so abwegig sei, sieht die Architektin beispielsweise in Madrid umgesetzt. Dort wurde eine mehrspurige Stadtstraße auf einem kilometerlangen Teilstück innerhalb von nur vier Jahren verlegt und unterirdisch weitergeführt. Der ehemalige Straßenraum wurde in einen Landschaftspark eingebunden. Die Entwürfe lieferte die Gruppe West 8 Architekten. „Da ist eine Vision Wirklichkeit geworden“, sagt Mansfeld.

Aus Sicht des Denkmalpflegers ist es trotz Denkmalschutzes für die Wallanlagen möglich, sich zu entwickeln. „Es ist erlaubt, über alles nachzudenken“, sagt Georg Skalecki. „Aber wir wollen keinen Jahrmarkt und Rummelplatz.“ Gerade die Flächen seien Gestaltungselemente, die Blicke und Sichtachsen freigeben. Dort Buden, Ausschank, Pavillons zu errichten, würde das Maß überschreiten. Gegen Liegestühle an einigen Plätzen sei aber nichts einzuwenden. „Es geht um Einzelabwägungen.“ Skalecki ordnet die Wallanlagen, die seit 1976 als Gartendenkmal geschützt sind, ganz oben ein: „Die Grünanlage ist zeitlich und gestalterisch eine der bedeutendsten Entfestigungen in Europa.“

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