Begegnungen mit Auflagen

Bremen will Besuche in Seniorenheimen erlauben

Die Kritik an der Isolation der Menschen in Pflegeheimen zum Schutz vor dem Coronavirus wächst. Nun legt die Bremer Sozialbehörde einen Plan zur Lockerung des Besuchsverbots für Heimbewohner vor.
02.05.2020, 06:00
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Von Sara Sundermann und Carolin Henkenberens
Bremen will Besuche in Seniorenheimen erlauben

In Bremen sollen Besuche in Pflegeheimen ab nächsten Mittwoch wieder erlaubt sein. Eine entsprechende Verordnung soll am Dienstag beschlossen werden.

Sebastian Kahnert /dpa

Die Seniorenvertretung und der Pflegerat fordern eine Lockerung des Besuchsverbots, das seit fast acht Wochen in Pflegeheimen gilt. Sie betonen, wie stark Bewohner und ihre Angehörigen unter den Kontaktbeschränkungen leiden. Der derzeitige Umgang mit alten Menschen sei „nicht angemessen“, so ein Sprecher der Seniorenvertretung. Nach Informationen des WESER-KURIER soll am Dienstag im Senat eine Lockerung des Besuchsverbots beschlossen werden. Die Sozialbehörde hat dazu mit dem Gesundheitsamt eine Verordnung vorbereitet.

Bewohner von Altenheimen, Behinderteneinrichtungen und Hospizen sollen demnach wieder Besuch bekommen dürfen – aber nur, wenn sie und ihre Besucher eine Reihe von Auflagen einhalten. Einzelne Bundesländer wie zum Beispiel Hessen, Schleswig-Holstein und Baden-Württemberg haben bereits beschlossen, Besuche unter Hygiene-Auflagen wieder zu erlauben. Zuletzt forderte auch der Pflegebevollmächtigte der Bundesregierung eine Lockerung des Besuchsverbots in Heimen.

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Die Befürworter von Lockerungen betonen, es sei unmenschlich, ältere Menschen noch länger von ihren Familien abzuschirmen. ­Diejenigen, die für eine Fortsetzung des Besuchsverbots plädieren, warnen davor, dass es bei Heimbewohnern um eine höchst gefährdete Gruppe gehe, für die eine Corona-Infektion zum Tod führen könne. In Bremen wurden nach Zahlen der Gesundheitsbehörde von Donnerstag bislang 57 Corona-Fälle bei Heimbewohnern bekannt, 17 von ihnen starben.

In Niedersachsen sorgen sich die Ärztekammer und die Kirchen seit Wochen um isolierte Heimbewohner. Niedersächsische Pflegeverbände dagegen wollen am Besuchsverbot festhalten: Es sei gesundheitlich nicht vertretbar, Heime wieder für Besucher zu öffnen.

Besuch unter Auflagen

In Bremen sollen Bewohner von Pflegeeinrichtungen künftig wieder von einer Person über 16 Jahren für maximal ein bis zwei Stunden pro Tag Besuch bekommen dürfen, wenn Bewohner und Besucher symptomfrei sind, mindestens anderthalb Meter Abstand halten und einen Mund-Nasen-Schutz tragen. Das geht aus der vom Bremer Sozialressort erarbeiteten Verordnung hervor, die dem ­WESER-KURIER vorliegt.

Treffen können auf dem Außengelände von Heimen oder in größeren Räumen stattfinden, nicht aber in den Zimmern der Bewohner – es sei denn, Bewohner sind bettlägerig oder haben eine Behinderung. „Jeder Besuch muss sich beim Betreten und Verlassen der Einrichtung für den Fall einer Kontaktnachverfolgung registrieren lassen“, betont die Sozialbehörde. Essen werde während des Besuchs nicht erlaubt sein. Die Lockerungen sollen in Bremen für Seniorenheime, Einrichtungen der Behindertenhilfe und Kurzzeitpflege sowie Pflege-Wohngemeinschaften gelten. Noch etwas weiter gehende Besuchsmöglichkeiten sind für stationäre Hospize geplant, in denen Menschen ihre letzten Tage verbringen. Wenn der Senat am Dienstag die Verordnung beschließt, soll sie ab 6. Mai in Kraft treten.

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„Nach annähernd acht Wochen mit Betretungsverboten für Pflegeeinrichtungen müssen wir dringend Wege finden, Besuche wieder möglich zu machen“, sagt Sozialsenatorin Anja Stahmann (Grüne). Es sei „auch in der Pandemie weder Angehörigen noch Bewohnerinnen und Bewohnern auf Dauer zuzumuten, ohne die familiären Kontakte zu leben“.

Kritik an dauerhaften Besuchsverbote gewachsen

In den vergangenen Tagen ist die Kritik an dauerhaften Besuchsverbote gewachsen: Der Biva-Pflegeschutzbund, eine Interessenvertretung von Pflegeheim-Bewohnern, richtete eine Petition an die Gesundheitsministerien der Bundesländer und forderte, Besuche in Heimen möglich zu machen. Mehr als 8000 Menschen unterschrieben, auch die Bremer Seniorenvertretung unterzeichnete. „Ich finde es nicht angemessen, wie man derzeit mit alten Leuten umgeht“, sagte Dirk Mittermeier, Sprecher der Seniorenvertretung vor Bekanntwerden der Bremer Pläne.

„Es wird diskutiert, wie man Fußballspiele wieder möglich machen kann, aber gleichzeitig ist man bei lebenswichtigen Dingen wie Besuche für Heimbewohner besonders harsch. Das kann doch nicht sein.“ Auch der Bremer Pflegerat als Zusammenschluss mehrerer Berufsverbände im Pflegebereich befürwortete eine Öffnung der Heime für Besucher: „Es ist jetzt an der Zeit zu gucken, dass man zu Besuchsmöglichkeiten individuelle Entscheidungen trifft“, sagte die Vorsitzende Heidrun Pundt.

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