Statuten des „Trägerkorps Platjenwerbe-Stubben“ auf Dachboden entdeckt / Für den Heimatverein ein Schatz Trunkenheit am Grab streng untersagt

Das Archiv des Heimatvereins Platjenwerbe besitzt einen neuen Schatz. Auf dem Dachboden ihrer verstorbenen Mutter hat die zweite Vorsitzende des Vereins, Hannelore Teute, handgeschriebene Statuten, Kassen- und Protokollbücher des „Trägerkorps Platjenwerbe-Stubben“ aus dem Jahre 1903 entdeckt. Sie gewähren kaum bekannte Einblicke in die Begräbnis-Kultur von vor gut einem Jahrhundert.
28.12.2013, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Klaus Grunewald

Das Archiv des Heimatvereins Platjenwerbe besitzt einen neuen Schatz. Auf dem Dachboden ihrer verstorbenen Mutter hat die zweite Vorsitzende des Vereins, Hannelore Teute, handgeschriebene Statuten, Kassen- und Protokollbücher des „Trägerkorps Platjenwerbe-Stubben“ aus dem Jahre 1903 entdeckt. Sie gewähren kaum bekannte Einblicke in die Begräbnis-Kultur von vor gut einem Jahrhundert.

Das „Trägerkorps Platjenwerbe-Stubben“ war zu jener Zeit eine Sterbekasse – ebenso wie überall in deutschen Landen: Eine Körperschaft, die in einem Todesfall solidarische und finanzielle Hilfe für die Hinterbliebenen garantierte. In den 21 Paragrafen der vom zuständigen Blumenthaler Landrat unterzeichneten Statuten schlugen sich auch die Begräbnis-Erfahrungen aus der Vergangenheit nieder.

Anfang des 20. Jahrhunderts wurden die Särge der in Platjenwerbe und Stubben Verstorbenen mit dem Pferdewagen zum rund zwei Kilometer entfernten Lesumer Friedhof an der Bördestraße transportiert. Dort „herrschte zu früherer Zeit in Bezug auf das Kuhlengraben arge Unordnung“, wie Pastor Heinrich Hoops (1867-1946) in seinem Buch über die Geschichte der Börde Lesum schreibt.

Unerfreuliche Szenen an der Grube

Zwei Nachbarn eines oder einer Verstorbenen, so der althergebrachte Brauch, mussten das Grab ausheben. Um sich zuvor in einem Gasthaus „erquicken“ zu können, drückte „das Trauerhaus“ ihnen Geld in die Hand. Was nicht selten fatale Folgen hatte, berichtet Hoops: „Die Männer taumelten betrunken am Grabe und verstanden es nicht mehr, den Sarg ordentlich hinabzulassen.“ Konkret: Immer wieder kam es vor, dass ein Sarg unsanft in die Grube fiel oder einfach senkrecht stehen blieb.

Vor solch unerfreulichen Szenen wollte die Trägerkorps-Kasse Platjenwerbe-Stubben Trauergäste fortan verschonen. Deshalb heißt es im Paragraf 13 der Statuten, dass der Träger bei einer Beerdigung nicht nur „in reinlicher und der Sache entsprechender Tracht“ zu erscheinen habe. Er dürfe im Trauerhaus zudem „weder Getränke noch Speisen annehmen“. Selbst auf dem Nachhauseweg war es ihm verboten, ein „Schanklokal“ zu betreten – was dennoch vorgekommen sein soll. Freilich entledigte man sich vorher der „Dienstkleidung“: schwarzer Talar und schwarze Kopfbedeckung. Beides musste der Träger übrigens schonen. Tat er es nicht, hatte der Vorstand der Kasse laut Paragraf 12 der Statuten das Recht, ihm die „Sachen abzunehmen und ihn zu entlassen.“

Geld in die Kasse der Trägerkorps-Kasse kam durch Mitgliedsbeiträge. 25 Pfennig waren im Vierteljahr pro Kopf eines Platjenwerber oder Stubbener Haushalts zu zahlen. Wobei „Knechte, Mägde, Gehilfen, Lehrlinge oder sonstiges Dienstpersonal“ nicht zum Haushalt zählten und deshalb keinen Anspruch auf Träger hatten. Wie sie zu ihrer letzten Ruhestätte gebracht wurden, steht nicht in den Statuten. Verstorbene Platjenwerber oder Stubbener waren vor Gründung der Trägerkorps-Kasse zu Hause aufgebahrt und in feierlichem Umzug nach Lesum gebracht worden. Als aber 1882 der Gottesacker an der Bördestraße eingeweiht und ein Jahr später eine Kapelle gebaut wurde, fanden die Trauerfeiern dort statt.

Auf Suche nach dem Restvermögen

Zum „Schatz“, den Hannelore Teute auf dem Dachboden gefunden hat, gehören auch Kassen- und Protokollbücher mit Namen, nach denen die Schriftführerin des Heimatvereins Platjenwerbe, Uta Bothe, schon lange gefahndet hat. Sie engagiert sich seit einem Vierteljahrhundert bei der Bremer Gesellschaft für Familienforschung „Die Maus“ und geht auf Spurensuche, wann immer es ihre Zeit erlaubt. Dann durchforstet sie die ebenso verschlungenen wie spannenden Pfade Platjenwerber Familiengeschichten. Und davon gibt es eine Unmenge, wie Uta Bothe auch den Besuchern des „Archivtages“ erzählen kann, den der Heimatverein Platjenwerbe zwei Mal im Jahr in seiner Geschäftsstelle in der Grundschule veranstaltet.

Die letzte Eintragung in einem Kassenbuch der Trägerkorps-Kasse datiert im Übrigen vom 4. Februar 1962. Mit diesem Datum wird ein Guthaben von 3040 D-Mark verzeichnet. Arnold Bruns, alteingesessener Platjenwerber und Mitglied des Heimatvereins: „Nun stellt sich die Frage, wo das Geld des aufgelösten Korps eigentlich geblieben ist.“ Im neuen Jahr gilt es deshalb für Vereinschef Hans-Günter Teute Detektivarbeit zu leisten. Der ehemalige Kämmerer der Gemeinde Ritterhude: „Wir wollen vor allem klären, ob eine Nachfolgeorganisation gegründet worden ist, quasi als Erbe der Trägerkorps-Kasse.“

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