Zusammenleben im Norden Türkische Speisen auf deutschen Tellern

Bremen. 50 Jahre, nachdem Deutschland und die Türkei das Anwerbeabkommen türkischer Arbeiter unterzeichnet haben, ist auf dem deutschen Lebensmittelmarkt ein wichtiger Teilmarkt gewachsen – der Handel mit türkischen Lebensmitteln.
29.09.2012, 20:19
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Türkische Speisen auf deutschen Tellern
Von Florian Cordes

Bremen. Ethnische Nische - das war einmal. Die Grenzen sind längst durchbrochen: 50 Jahre, nachdem Deutschland und die Türkei das Anwerbeabkommen türkischer Arbeiter unterzeichnet haben, ist auf dem deutschen Lebensmittelmarkt ein wichtiger Teilmarkt gewachsen – der Handel mit türkischen Lebensmitteln.

In den Großstädten gehören sie mittlerweile zum Stadtbild: Kleine türkische Gemüsegeschäfte – in Anlehnung an die früheren deutschen Tante-Emma-Läden auch „Onkel-Mehmet-Laden“ genannt. Vor den Türen sind meist Regale aufgebaut, prall gefüllt mit frischem Obst und Gemüse. So sieht es auch am Eingang von Mehmet Bogatekins „Global Market II“ in der Bremer Neustadt aus.

Ein typischer türkischer Gemüseladen. So wirkt das Geschäft von außen. Drinnen allerdings bekommt der Kunde einen etwas anderen Eindruck. Mehmet Bogatekin bietet viel mehr an als nur Gemüse, das er übrigens jeden Morgen frisch vom Bremer Großmarkt holt. In den Regalen liegen etliche Linsen-Sorten, dazu eingelegtes Gemüse, Kichererbsen, Käse, Wurst, Fleisch, Nüsse, türkische Knabbereien und Fladenbrote. „Wir verkaufen eine große Vielfalt an türkischen Spezialitäten, die es in deutschen Supermärkten nicht gibt“, sagt der Besitzer. Wohl auch deshalb kommen viele Deutsche in sein Geschäft, das er im Januar 2005 eröffnete. Allerdings: „Sie denken oft, dass die Produkte direkt aus der Türkei kommen.

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Das ist aber nicht so. Viele Sachen werden hier in Deutschland produziert“, erläutert Bogatekin. Unter anderem Sucuk, eine kräftig gewürzte Wurst aus Rind-, Kalb- oder Lammfleisch. Diese türkische Spezialität sei bei den Deutschen sehr beliebt, hat der Händler festgestellt.

Sucuk ist nur ein Beweis dafür, dass sich türkische Lebensmittel in Deutschland einen festen Platz gesichert haben. Das findet auch Dicle Aktas: „Türkische Nahrungsmittel haben sich in Deutschland definitiv etabliert.“ Dicle Aktas ist Vorstandsmitglied beim Feinkosthandel Efefirat. Das Unternehmen, das vor mehr als 30 Jahren von ihrem Vater Ahmet Aktas gegründet worden war, hat seinen Hauptsitz vor den Toren Bremens – in Achim. „Dass Deutsche einmal türkische Lebensmittel kaufen würden, hat bei der Firmengründung noch keiner geahnt“, weiß Dicle Aktas.

Das hat sich erst im Laufe der vergangenen Jahrzehnte so ergeben. Tendenz: steigend. Wer in Deutschland türkische Lebensmittel kaufen will, muss das heutzutage aber nicht mehr zwingend in einem türkischen Gemischtwarengeschäft tun. Mittlerweile gehören türkische Lebensmittel fest zum Sortiment einiger großer Supermärkte. Egal, ob gefüllte Weinblätter, weiße Bohnen in Tomatensoße oder gebratene Auberginen – türkisches Essen gibt es in vielen großen Ketten jederzeit zu kaufen. Unter anderem hat auch die Supermarktkette Kaufland türkisches Essen im Angebot. „Primär sprechen wir mit diesem Sortiment türkische Kunden an“, sagt Kaufland-Sprecherin Andrea Kübler. Denn: An zahlreichen Standorten gehören türkischstämmige Menschen zum Kundenstamm. „Wir wollen ihnen die Möglichkeit geben, auch heimische Produkte bei uns zu kaufen.“ Die deutsche Kundschaft finde daran jedoch ebenso Gefallen. „Zum Beispiel an Produkten, die sie aus dem Urlaub in der Türkei kennt“, sagt Andrea Kübler.

Es gibt allerdings auch türkisches Essen, das hierzulande noch keine zweite Heimat gefunden hat. „Dazu gehören sicherlich Yakan“, nennt Dicle Aktas ein Beispiel. „Das sind ultrascharfe Peperoni.“ Überhaupt sei es nicht immer einfach, den Gaumengeschmack der Deutschen zu treffen, meint sie. Das mache sich etwa bei einer Frucht bemerkbar, die in Deutschland sehr bekannt ist: die Olive. Im Vergleich der türkischen mit der deutschen Küche seien die Steinfrüchte stärker gesalzen und mit Knoblauch verfeinert, erklärt Dicle Aktas.
Das Achimer Unternehmen vertreibt seine Lebensmittel zwar nur an Händler und Geschäfte. Dennoch merkt man auch bei Efefirat, dass türkische Spezialitäten bei den Deutschen sehr beliebt sind. „Immer wieder rufen bei uns Endverbraucher an, die Produkte von uns kaufen möchten. Aber wir dürfen nicht direkt an sie verkaufen. Etwa 90 Prozent der Anrufer sind Deutsche“, sagt sie.

Dass der türkische Lebensmittelmarkt seine Nische verlassen und das deutsche Interesse geweckt hat, zeigen zudem Zahlen der Stiftung Zentrum für Türkeistudien (ZfT). Die Essener Einrichtung veröffentlichte 2009 eine Studie, nach der vor drei Jahren 35000 der türkischstämmigen Unternehmer in der deutschen Lebensmittelbranche tätig waren. Damals erreichten sie bei einem Gesamtinvestitionsvolumen von drei Milliarden Euro ein jährliches Umsatzvolumen von 13 Milliarden Euro. Das ZfT fasste zusammen, dass der Markt für Deutschland ein relevanter volkswirtschaftlicher Faktor sei. Das habe sich bis heute nicht verändert, findet ZfT-Mitarbeiter Yunus Ulusoy. „Aber mittlerweile gibt es auch in Discountern türkische Produkte. Dadurch ist eine Konkurrenz für die kleinen Händler entstanden“, sagt er. Dennoch werden sie seiner Ansicht nach nicht verschwinden. „Die Stärke des türkischen Einzelhandels ist auch, dass die Unternehmer eine türkische Stammkundschaft haben, die sie nicht verlieren werden.“

Mehmet Bogatekin sieht diese Entwicklung mit gemischten Gefühlen – einerseits sieht auch er die gestiegene Konkurrenzsituation. Andererseits findet er es gut, dass türkische Lebensmittel in großen Märkten verkauft werden: „Denn so lernen die Deutschen die türkischen Produkte noch besser kennen.“

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