Bremen-Vegesack

Tunnel unterm Sedanplatz ist verwaist

Vegesack. Der 17 Meter lange Tunnel, der das Stadthaus mit der Tiefgarage am Sedanplatz verbindet, liegt hinter Glastüren. Im grellen Neonlicht strahlen die Wände weiß. Seit gut einem Monat ist der unterirdische Weg freigegeben. Wird er auch genutzt?
27.03.2012, 17:41
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Tunnel unterm Sedanplatz ist verwaist
Von Patricia Brandt
Tunnel unterm Sedanplatz ist verwaist

Momentaufnahmen aus dem Vegesacker Tunnel unterm Sedanplatz.

Doss/Berding

Vegesack. "Untergeschoss", sagt die weibliche Computerstimme im Fahrstuhl. Die Türen öffnen sich mit einem leisen Surren. Dann ist er hinter Glastüren zu sehen, der 17 Meter lange Tunnel, der das Stadthaus mit der Tiefgarage am Sedanplatz verbindet. Im grellen Neonlicht strahlen die Wände weiß. Seit gut einem Monat ist der unterirdische Weg freigegeben. Wird er auch genutzt?

10.05 Uhr: Im Tunnel ist es kühler als im Keller des Stadthauses. Es riecht nach Chemie, vermutlich ist das der neue Linoleumboden. Zu sehen ist im Augenblick niemand. Ganz schön ruhig hier.

Auf eine Eröffnungsfeier hatte die Bauherrin, die Wirtschaftsförderung Bremen, Mitte Februar verzichtet. Vielleicht ganz bewusst. Denn spätestens seitdem klar war, dass sich die Baukosten von 371000 auf 753000 Euro verdoppeln würden, galt das Projekt mehr als umstritten. "Doch selbst wenn der Kostenrahmen eingehalten worden wäre, stellt der Tunnelbau eine pure Steuergeldverschwendung dar", heißt es aktuell beim Bund der Steuerzahler. "Die Kostenexplosion war nur der letzte Fanfarenstoß für eines der überflüssigsten Bauprojekte, welches Bremen in letzter Zeit erleben durfte."

Wie viele Passanten die Verbindung inzwischen nutzen, hat die Hausherrin bisher nicht registrieren lassen. Immerhin kann Juliane Scholz, Sprecherin der Wirtschaftsförderung Bremen, von einer Beschwerde von Stadthaus-Bediensteten berichten, als der Tunnel einmal morgens nicht rechtzeitig aufgeschlossen worden war. Es muss sie also geben, die Tunnel-Nutzer.

12 Uhr: Der Tunnel ist komplett leer. Durch die Glastüren zur Parkgarage sind die Lichter eines Autos zu sehen. Vielleicht kommt der Fahrer gleich durch den Tunnel gelaufen, wenn er seinen Wagen abgestellt hat.

12.05 Uhr: Der Fahrer kommt nicht. Auch niemand anderer. Vermutlich hat der Mann den anderen Weg über die Treppe im Parkhaus ans Tageslicht genommen. Es gibt Leute, die den Tunnel absichtlich meiden. Weil sie keine Notwendigkeit sehen, hindurchzugehen. Tunnel-Kritiker Rainer W. Buchholz von der Vegesacker FDP ist so einer. Aber auch Wolfgang Helms vom Vegesack Marketing, der ganz oben im Stadthaus arbeitet, ist ein Tunnel-Verweigerer. "Ich will doch nicht morgens durch den Tunnel in meinem Büro verschwinden und abends wieder nach Hause gehen - ohne links und rechts etwas von Vegesack gesehen zu haben", meint Helms.

Die Brepark, die die Tiefgarage am Sedanplatz betreibt, hat vor einigen Wochen einen weiteren Kassenautomat am Tunneleingang aufstellen lassen. "Der Automat wird auch gut angenommen", heißt es aus der Brepark-Marketingabteilung. Nur: "Ob diese Parkkunden durch den Tunnel gehen, ist uns nicht bekannt." Der neue Durchgang lockt aber zumindest keine Neukunden in die Tiefgarage, das steht demnach fest: "Eine Steigerung unserer Einstellzahl konnten wir nicht verzeichnen."

14.10 Uhr: Jetzt kommt doch einer! Ein Herr im gestreiften Pullover und mit großer Tasche behängt geht vom Parkhaus auf die Tunnel-Glastür zu. Die öffnet sich automatisch. Der Mann geht weiter, schnurstracks durch die 17-Meter-Röhre. In Sekundenschnelle ist er durch. Der Mann stellt sich als Uwe Möller vor. Er kommt aus Blumenthal und hat den Tunnel schon öfter mal genutzt, sagt er. "Vor allem an Markttagen". An diesem Mittag aber nimmt er die Seitentür zur Bowlingbahn. Weg ist er.

14.13 Uhr: Nix los im Tunnel. Dafür dringt Musik durch die offene Tür des Bowlingcenters in den Stadthauskeller. Es läuft irgendein ein Pop-Song. Betreiber Michael Kocziok schätzt, dass täglich bis zu 150 Leute den Tunnel passieren. Darunter viele seiner Kunden, meint er. Ansonsten fällt ihm zum Tunnel dieser Satz ein: "Der Tunnel ist so langweilig wie er aussieht."

Vielleicht ändert sich das bald noch. Dem Vernehmen nach werden dem Beirat Mitte April Dünenlandschaften und See-Bilder der Bremer Hochschulprofessorin Ulrike Mansfeld vorgestellt. Die WFB will die Röhre schöner machen.

14.20 Uhr: Im Tunnel bleibt alles übersichtlich. Immerhin öffnet sich die Fahrstuhltür im Stadthaus-Keller. Eine Frau mit Wisch-Eimer tritt heraus. "Dolnik Gebäudeservice" steht auf ihrem blauen Pulli. Als das gelbe Schild "Rutschgefahr" aufgestellt ist, feudelt sie mit schwungvollen Bewegungen von links nach rechts. Dort, wo sie mit dem Lappen über den Boden gewischt hat, glänzt das Linoleum dunkel. Die Reinigungskraft muss nicht unbedingt fürchten, dass irgendjemand durch die Fläche latscht und Abdrücke hinterlässt. "Es ist manchmal einsam hier unten", sagt die Frau, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. Sie sei deshalb froh, dass hin und wieder auch mal die Polizei herkäme. Zur Tunnel-Kontrolle.

Es gibt Menschen in Vegesack, die glauben auch vier Wochen nach der Tunnel-Eröffnung noch an das Projekt. Ortsamtsleiter Heiko Dornstedt zum Beispiel, der in der ersten Etage des Stadthauses sitzt. Er meint: "Der große Run wird erst noch kommen, wenn die zweite Etage mit dem Stadtamt besetzt ist." Heiko Dornstedt sieht auch schon Chaos voraus. Nicht im Tunnel, sondern in den umliegenden Wohnstraßen, wo alle Besucher des Stadtamtes parken werden, weil sie das Geld fürs Parkhaus sparen wollen. Dann allerdings brauchen sie den Tunnel nicht.

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