Wie Bremer Politiker Social Media nutzen Twittern aus der Bürgerschaft

Die Bremer Politiker sind in der Zukunft angekommen und versuchen durch Social Media bei den Bürgern Aufmerksamkeit und Interesse zu erregen.
25.04.2016, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Twittern aus der Bürgerschaft
Von Alice Echtermann

Die Bremer Politiker sind in der Zukunft angekommen und versuchen durch Social Media bei den Bürgern Aufmerksamkeit und Interesse zu erregen.

Vormittags ist in der Bürgerschaft wenig los. Ein ruhiger Treffpunkt für ein Interview – auch wenn die Geschwindigkeit des WLANs etwas zu wünschen übrig lässt. „Eine Katastrophe“, murmelt Claas Rohmeyer, während er sein Facebook-Profil auf dem Smartphone aufruft. Sein privates Profil. Wo er ein Bild von seinem geschmolzenen Schoko-Osterhasen posten kann und es niemanden stört. Auf den öffentlichen Profilen des Bremer CDU-Politikers gibt es keine solchen Beiträge, zumindest keine über Essen oder allzu Privates. „Die Grenze zu Homestorys ist ziemlich scharf“, sagt Rohmeyer. „Mit so etwas würde ich die Leute nicht belästigen.“

Rohmeyer ist Mitglied der Bremischen Bürgerschaft und CDU-Fraktionssprecher für Kultur und Medienpolitik. Und er ist einer der wenigen Bremer Politiker, die aktiv in den sozialen Medien sind. Seine aktuelle Bilanz: 446 „Gefällt mir“-Klicks auf Facebook, 702 Follower auf Twitter, 75 Abonnenten auf Instagram.

Auf Twitter hat nur einer mehr

Auf Twitter hat nur einer mehr: Rainer Hamann (SPD) mit über 1300 Followern. Mit ihm habe er sich auch schon Wortgefechte in den sozialen Medien geliefert, sagt Rohmeyer. Debatten werden parallel in der echten und der digitalen Welt ausgetragen. „Teilweise passiert das live in einer öffentlichen Sitzung, dass man sich in die Haare gerät und ich parallel schon die Formulierung des Tweets ausbrüte.“

Der Austausch mit anderen Politikern und Journalisten prägt Rohmeyers Kommunikation auf Twitter. Twitter sei in Deutschland ein „Nischenmarkt“, sagt er. Er erreiche dort nur bestimmte Zielgruppen. Die Plattform sei aber eine gute Möglichkeit, seine Inhalte direkt zu kommunizieren, anstatt eine Pressemitteilung zu verfassen. „Manche Tweets von mir haben es ja auch schon zu eigenen Meldungen geschafft.“

Die breite Bevölkerung spricht er eher auf Facebook an. Dass dort der Kontakt zu potenziellen Wählern möglich ist, haben inzwischen viele Bremer Politiker bemerkt. Bei der Bürgerschaftswahl 2015 wurden soziale Medien von allen Parteien wesentlich stärker eingesetzt als noch 2011. Im Grunde sei es der erste Wahlkampf gewesen, in dem Facebook und Co. überhaupt eine Rolle gespielt hätten, sagt Rohmeyer. „Wir haben durch die Reichweiten gesehen: Es hat eine Wirkung. Es gibt sehr viele Menschen in Bremen, die auf Facebook ein Profil haben und zumindest einmal in der Woche dort unterwegs sind.“

In Zeiten sinkender Wahlbeteiligung sollten die Aktionen der Parteien vor allem Aufmerksamkeit erregen. „Es geht darum, eine Botschaft rüberzubringen – aber mit einem Augenzwinkern versehen und nicht so bierernst“, erklärt Rohmeyer. Bei dem Versuch trat er selbst in so manches Fettnäpfchen und gibt das auch zu: „Es gibt eine Grenze, wo es peinlich wird. Ich war selbst haarscharf an dieser Grenze.“ So startete er eine kleine Kampagne, bei der er selbst im Indiana-Jones-Kostüm posierte. Der Slogan: „Claas Indi Bürgerschaft“. Die Idee war ein Rückgriff auf einen Auftritt Rohmeyers in einer Wetten-dass-Sendung 2013 in Bremen. Bei der Stadtwette sollten sich damals 100 Beschäftigte des öffentlichen Dienstes als Indiana Jones verkleiden.

Spott für Plakat

Für das Plakat erntete Rohmeyer vor allem Spott. „Wahlplakate from Hell“, twitterte der Hamburger Politikberater Martin Fuchs. „Das war schon hart an der Grenze dessen, was seriös ist“, sagt Rohmeyer mit einem süffisanten Lächeln. Er ist niemand, dem vieles peinlich ist. Den braunen Schlapphut trug er anschließend noch durch den Wahlkampf. „Ohne dass Sie eine halbwegs dicke Haut haben, sollten Sie nicht in die Politik gehen.“ Dass Rohmeyer gern polarisiert, zeigt auch ein weiterer Tweet aus 2015 mit einem Foto des CDU-Wahlkampfautos. Die Aufschrift: „Wir bremsen nicht für Rot-Grün“. „Geschmacklos“, kommentierte die „Bild“-Zeitung. Der Autor selbst nimmt es gelassen. Die Reichweite seines Profils sei danach enorm gestiegen und viele Leute hätten verstanden, dass das Satire gewesen sei.

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Aber auch außerhalb des Wahlkampfes postet und twittert Rohmeyer beinahe täglich über mehr oder weniger Politisches. „Ich versuche, meine Arbeit als Abgeordneter darzustellen“, erklärt er. Dazu gehört auch mal ein Selfie mit Kollegen. Es gehe ihm um Transparenz. Früher hätte er Flugblätter verteilt. Durch die neuen Medien habe er viel mehr Möglichkeiten, präsent zu sein und Themen anzusprechen. Die Bürger – ob sie ihn gewählt haben oder nicht – hätten einen Anspruch darauf, findet Rohmeyer. Auch wenn das Interesse nicht immer groß sei, die Zugriffszahlen manchmal „niederschmetternd“ schlecht. „Aber: Es ist ein Angebot, das man macht.“

Trotz des digitalen Engagements der Parteien sank bei der Bürgerschaftswahl 2015 die Wahlbeteiligung auf einen Niedrigrekordwert von 50 Prozent. Claas Rohmeyer glaubt aber immer noch, dass die sozialen Medien dazu beitragen können, Nichtwähler anzusprechen. Auch die AfD erreiche in den Netzwerken große Reichweiten. Facebook und Twitter sieht Rohmeyer also gleichermaßen als Chance und als Gefahr: „Man kann damit die erreichen, die sich in den letzten Jahren von den demokratischen Wahlen verabschiedet haben. Nur andere versuchen das eben auch.“

Authentizität am wichtigsten

Für Erfolg in den sozialen Medien sollten Politiker vor allem authentisch sein, findet Rohmeyer. Er spricht dabei vor allem von Landespolitikern wie sich selbst. Auf Bundesebene sei es natürlich nicht jedem möglich, persönlich zu twittern – das übernehmen dann Mitarbeiter. „Niemand erwartet, dass Angela Merkel selber so etwas macht.“ Aber wenn diese Kanäle nur zur Verbreitung von Pressemitteilungen genutzt würden, könne man sich das Ganze sparen.

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Die wichtigste Lektion hat Rohmeyer selbst bereits 2010 gelernt: „Erst denken, dann posten.“ Damals hatte er einen Kollegen mit seinem privaten Facebook-Profil in einem Kommentar als „politische Nutte“ bezeichnet – und die „Taz“ hatte es öffentlich gemacht. Einen richtigen Shitstorm massenhafter Kritik hat er aber noch nie erlebt. Wenn jemand unverschämt werde, sei seine Reaktion: „Klartext. Ich halte es da wie Peter Tauber.“ Der CDU-Generalsekretär hat schon mehrfach mit rüden Erwiderungen auf beleidigende Nutzerkommentare für Aufsehen gesorgt. Rohmeyer sagt, er kenne Menschen, die so kommentierten, auch „in live“ – denn sie stünden außerhalb der digitalen Welt oft am Wahlkampfstand. „Die kommen vorbei, beschimpfen und gehen wieder“, sagt der Politiker und zuckt die Achseln. „So what?“.

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