Konzert im Pier 2 Udo Lindenberg singt vor Flüchtlingen

Alt-Rocker Udo Lindenberg spielt ein Solidaritätskonzert für Flüchtlinge. Teshome, Meraawi und Okubit stehen im Publikum und verstehen kein Wort. Spaß haben die drei trotzdem.
17.09.2015, 22:00
Lesedauer: 3 Min
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Udo Lindenberg singt vor Flüchtlingen
Von Milan Jaeger

Zunächst ist da bloß Verwunderung. Udo Lindenberg platzt auf die Bühne, als wäre sie sein Wohnzimmer: „Hallo Leute, schön hier zu sein, keine Panik!“ Panik? Teshome, Meraawi und Okubit verspüren keine Panik. Die drei verstehen aber auch gar nicht, was der Rocker da oben erzählt. Die Jungs schauen ein bisschen belustigt, aber auch ein bisschen verängstigt, als Udo seine Zigarre für einen Moment aus dem Mund nimmt, um sich den Rachen mit Eierlikör zu spülen.

Teshome, Meraawi und Okubit kommen aus Eritrea und leben seit einigen Monaten im Übergangswohnheim am Schiffbauerweg. Sie sind gemeinsam mit etwa 100 anderen Flüchtlingen der Einladung von Musiker Lindenberg und Radio Bremen gefolgt. Der Sender hat die Chance genutzt, um ein Zeichen zu setzen. Zustande gekommen ist die Gelegenheit, weil Lindenberg am Freitag einen Auftritt in Hamburg hat. An genau diesem Tag aber feiert Radio Bremen den 50. Geburtstag seiner Kultsendung „Beat-Club“.

Zum Jubiläumskonzert zu diesem Anlass war auch Lindenberg eingeladen, und so hat man seinen Auftritt kurzerhand auf Donnerstag vorverlegt. Am Freitagabend wird Lindenberg im Pier 2 also nicht zu sehen sein. Dafür wird sein Auftritt in die Geburtstagssendung, die am 26. September im NDR/RB-Fernsehen ausgestrahlt wird, hineingeschnitten. Zur Aufnahme am Donnerstagabend hat man Flüchtlinge aus den Einrichtungen Schiffbauerweg und Überseetor sowie ehrenamtliche Helfer eingeladen.

„Man muss da jetzt echt am Start sein“, ruft Udo von der Bühne runter und meint damit, dass Deutschland die Flüchtlinge willkommen heißen solle. „Wir haben echt eine tolle, bunte Republik“, schnarrt er. „Die paar dunkelbraunen Flecken bekommen wir auch noch weg. Wir schaffen das – wuhu!“ Applaus. Und los gehts.

Der 69-Jährige hat schon im Sommer dieses Jahres 2015, der so sehr von all den schrecklichen Flüchtlingstragödien geprägt war, ein Lied für diese Zeit geschrieben: „Wir werden jetzt Freunde.“ – „Wir werden jetzt Freunde, ist klar, dass das geht, komm’ wir werden jetzt Freunde, es ist derselbe Planet“, kommt es zwischen Udos Lippen hervor und plötzlich erscheint alles so einfach. Wer könnte da Widerspruch erheben? Von den insgesamt etwa 200 Anwesenden tut es jedenfalls keiner.

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Während sich die eingefleischten Lindenberg-Fans um die Bühne drängeln und jede Zeile mitsingen, halten sich die meisten Flüchtlinge im hinteren Teil des Pier 2 auf. Es ist nicht so, dass sie keinen Spaß an der Veranstaltung haben: Kinder springen herum und tanzen, junge Männer lachen über das Geschehen auf der Bühne und Familien unterhalten sich.

Aber mittendrin im Konzertgeschehen sind sie nicht. Lindenberg verzichtet auch darauf, ein paar von ihnen zu sich auf die Bühne zu holen. Stattdessen schüttelt er die Fan-Hände, die sich ihm entgegenstrecken. Der Leiter des Flüchtlingswohnheims Überseetor, Markus Großkopf, sagt denn auch, dass er sich „etwas mehr Ansprache gewünscht hätte“. Er stellt aber auch klar: „Das ist eine tolle Sache, und die Leute haben Spaß.“

Aber Lindenberg kündigt auch etwas an: „Wir sind jetzt am Start, wir checken noch ein bisschen rum, aber wir werden was machen.“ Es bleibt nebulös, aber ist das die Ankündigung für ein weiteres Konzert für Flüchtlinge? Oder etwas Größeres? Wir werden es erleben.

Aber jetzt wird erstmal der „Beat-Club“ gefeiert. „Liebe Bremer, 50 Jahre ,Beat-Club’, wuhu, ahu“, tönt Lindenberg und tänzelt über die Bühne, die Zigarre immer zwischen Zeige- und Mittelfinger der rechten Hand. Die enge schwarze Hose rutscht etwas, Udo schnallt den nietenbesetzten Gürtel enger.

Einer vierköpfigen Familie aus Mazedonien gefällt diese Show. Mutter Derya tanzt mit Töchterchen Matabes auf dem Arm durch den Saal, und Vater und Sohn klatschen gemeinsam in die Hände. Sie kannten Lindenberg bis zu diesem Abend nicht. Aber sie mögen ihn. Sie fühlen sich gut aufgenommen, angenommen.

Wenn Lindenberg es mit seinem Konzert tatsächlich geschafft haben sollte, dass sich einige der Flüchtlinge in Bremen einfach nur angenommen fühlen, dann wäre das doch schon eine ganze Menge.

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