Erfahrungsbericht

Was drei Bewohner im Alltag einer inklusiven WG erleben

Giacomo Behrendt, Aleksandra Volkova und Farukh Sauerwein wohnen in einer inklusiven WG in Bremen. Warum machen sie das? Gespräch mit einem, der neu kommt, einer, die geht, und einem, der bleibt.
02.07.2020, 06:30
Lesedauer: 5 Min
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Was drei Bewohner im Alltag einer inklusiven WG erleben
Von Imke Wrage

Vier Menschen mit und vier Menschen ohne Behinderung wohnen seit Oktober 2019 zusammen in einer inklusiven WG in der Bremer Überseestadt. Drei davon sind Giacomo Behrendt, 24, Aleksandra Volkova, 20, und Farukh Sauerwein, 24. Sie helfen ihren Mitbewohnern mit Behinderung („den Mädels“) im Alltag, dafür leben sie mietfrei. Warum machen sie das? Und wie läuft es bisher?

ER KOMMT NEU DAZU

Giacomo Behrendt, 24, macht eine Ausbildung zum Ergotherapeuten

“Ich bin der Frischling der WG, lebe seit knapp drei Wochen hier. Mich hat das Thema inklusives Wohnen schon länger interessiert. Deswegen habe ich “Bremen, inklusive WG” gegoogelt, das hier gefunden und angerufen. Einzuziehen war erstmal gar nicht das Ziel, das hat sich so ergeben. Die Bewohner haben mich gefragt, ob wir uns per Videochat kennenlernen wollen, danach haben sie mich zum Probewohnen eingeladen. Alle Bewohner haben sich extra freigenommen, Farukh hat gekocht, danach haben wir einen Filmabend gemacht. Ich habe mich direkt willkommen gefühlt. Zwei Monate später bin ich eingezogen.

Die erste Zeit war aufregend, die sind alle ziemlich toll hier. An meinem ersten Wochenende hatte ich direkt Dienst, war also zuständig für die Mädels. Das heißt: Zusammen einkaufen, kochen, aufräumen, Spiele spielen, spazieren - was man halt so macht als WG. Ich war schon immer gerne für Menschen da, die Unterstützungsbedarf haben oder denen es nicht so gut geht. Und ich bin selber ein Mensch, der gerne unter Menschen ist, der schnell einsam wird. Hier habe ich immer jemanden um mich herum.

Mir ist wichtig, dass Menschen mit Behinderung aktiv am Leben teilhaben können, so gut es geht selbst entscheiden - auch darüber, wie sie wohnen wollen. Inklusive WG´s wie unsere gibt es in Deutschland viel zu selten. Ich glaube, Menschen von außen stellen sich das so vor: Wir kümmern uns hier um die Mädels mit Behinderung. Aber die Mädels kümmern sich auch um uns. An meinem ersten Abend habe ich das Werder-Spiel verfolgt, ich bin riesiger Fan. Werder hat verloren, ich habe mich tierisch aufgeregt, bin laut geworden. Dann hat Rahel geklopft, sich zu mir gesetzt und gefragt, ob alles okay ist, ob ich vielleicht noch eine Serie mit den anderen schauen möchte, um runterzukommen. Das hat mich sehr berührt. Mein erstes Fazit? Ich gehe jeden Tag mit einem guten Gefühl ins Bett.

SIE GEHT

Aleksandra Volkova , 20, will integriertes Design an der HfK Bremen studieren

“Neun Monate habe ich hier in der inklusiven WG gelebt. In ein paar Wochen ziehe ich aus und mit meinem Freund zusammen. In die inklusive WG zu ziehen war eine schöne und wichtige Erfahrung für mich. Ich glaube, dass mich die Zeit hier verändert hat. Ich habe gelernt, geduldiger zu sein, aufmerksamer. Auch pädagogisch habe ich viel mitgenommen: Wie man mit behinderten Menschen umgeht, mit ihnen spricht. Sie so zu behandeln, wie wir selbst behandelt werden wollen: Manchmal streng und ernst, manchmal locker und lustig. Aber immer auf Augenhöhe.

Vor meiner Zeit in der WG hatte ich noch nie wirklich Kontakt zu Menschen mit Behinderung. Ich komme aus Russland, wohne seit acht Jahren in Deutschland. In Russland sieht man keine Menschen mit Behinderung auf der Straße. Barrierefreiheit ist dort ein Fremdwort. Betroffene sitzen glaube ich einfach zuhause. Wer keine Familie hat, die sich kümmert, hat es schwer. Erst als ich nach Deutschland gekommen bin, habe ich gesehen, wie vielfältig die Gesellschaft ist. Etwa Menschen, die in der Stadt alleine mit dem Rollstuhl unterwegs sind. In Russland wäre das unmöglich.

Ich habe die Mädels in den vergangenen Monaten sehr ins Herz geschlossen. Gleichzeitig habe ich gemerkt, dass mich das Ehrenamt viel zu sehr mitnimmt. Dass mir alles sehr nah ans Herz geht und ich mich auf andere wichtige Sachen in meinem Leben nicht mehr so gut konzentrieren kann. Ich habe großen Respekt vor Menschen, die in diesem Bereich arbeiten. Da muss man geduldig sein, starke Nerven haben. Für mich ist die Verantwortung auf lange Sicht zu viel. Was ich auch gemerkt habe: Ich bin einfach kein WG-Mensch. Das ist nichts für mich - egal ob inklusiv oder nicht. Ich bin ziemlich ordentlich, mich macht es nervös, wenn überall Sachen rumstehen. Ich habe dann das Bedürfnis, alles aufzuräumen. Es ist aber nicht meine Aufgabe, den anderen ihre Sachen hinterherzuräumen. Auch deswegen habe ich mich dazu entschlossen, zu gehen.”

ER BLEIBT

Farukh Sauerwein, 24, studiert integrierte Europastudien an der Uni Bremen

"Ich wollte immer in eine WG ziehen, in der Gemeinschaft gelebt wird. Keine Zweck-WG. Die inklusive WG habe ich bei meiner Suche eher zufällig gefunden und war direkt neugierig. Ich mag die Kombination: Ein Ehrenamt, das man zuhause macht - das quasi zuhause ist.

Die ersten Wochen waren sehr lernintensiv. Die WG wurde ja auf dem Papier geplant - wie es dann wirklich läuft, wie die Kommunikation klappt, die Abläufe, der Alltag: Vieles davon war Learning by Doing. Vorerfahrung im Umgang mit Menschen mit Behinderung hatte ich keine. Bei Mathilda war der Aspekt der Pflege neu. Ich kann mich noch gut erinnern: Als ich meinen ersten Frühdienst hatte, bin ich bestimmt eine Stunde früher aufgestanden, habe alle aus dem Bett geschmissen - einfach weil ich Angst hatte, dass die Mädels es sonst nicht rechtzeitig zur Arbeit schaffen.

Nach den ersten neun Monaten kann ich sagen: Für mich läuft es sehr gut, ich liebe es hier. Ich mag es, dass immer jemand da ist, dass immer was los ist, dass ich hier Verantwortung übernehmen kann und darf. Dafür wohnt man hier ja auch ziemlich krass - noch dazu kostenlos. Klar, gibt es auch Dinge, die mich manchmal nerven: Ich habe das Zimmer direkt neben dem Gemeinschaftsraum. Das ist schon oft laut, die Wohnung ist generell recht hellhörig. In Uni-Videokonferenzen fragen die Leute manchmal, ob ich im Hintergrund Techno höre - dabei laufen draußen einfach nur meine Mitbewohner durch den Flur.

Ich würde mir wünschen, dass Inklusion mehr im Schulunterricht vorkommt. Bei mir gab es da zwar vereinzelte Projekte, etwa ein Sportfest für Menschen mit Behinderung. Das ist dann aber immer nur auf einzelne Tage ausgelegt - und zwar auch explizit für Menschen mit Behinderung, selten als Gemeinschaftsprojekt. Das ist dann auch keine Inklusion. Was Inklusion stattdessen ist? Bezogen auf diese WG würde ich sagen: Wenn das hier nichts Besonderes mehr ist. Wenn keine Presse mehr kommt.”

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