Gastkommentar über Erzieherinnen-Gehälter Über gleiche und ungleiche Anforderungen

Durch die Unterschiedlichkeit der Ortsteile sind die Anforderungen in den Kindertagesstätten hochgradig verschieden. Das rechtfertigt auch eine abgestufte Bezahlung, meint unser Gastautor René Böhme.
08.05.2019, 16:55
Lesedauer: 2 Min
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Von René Böhme

Bremen streitet derzeit über die Bezahlung von Erzieherinnen und Erziehern. Hintergrund ist, dass der Senat seit April die Arbeit in allen Bremer Kindertagesstätten mit hoher sozialer Herausforderung als „besonders schwierige fachliche Tätigkeit“ anerkennt und die pädagogischen Fachkräfte dort die Entgeltgruppe 8b erhalten. Zunächst im städtischen Dienst beim kommunalen Eigenbetrieb, im nächsten Schritt soll dies auch bei anderen Trägern erfolgen.

Der überwiegenden Berichterstattung zufolge ist dieser Schritt ungerecht, da die Anforderungen in allen Einrichtungen gleich und die Fachkräfte überall am Belastungslimit seien. Doch diese Aussagen stimmen für mich nur auf den ersten Blick. Ja, die Anforderungen in sozialen Dienstleistungsberufen sind in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Es gibt Arbeitsverdichtung sowie wachsende politische Zielsetzungen bei knapper Personalausstattung und wachsendem Fachkräftemangel. Diese Tatsachen rechtfertigen eine generelle Aufwertung der Sozialberufe in Deutschland, wie es mit der Kampagne „Aufwerten jetzt“ 2015 versucht wurde. Doch hier ist nicht der Bremer Senat in der Verantwortung. Dass die damaligen Streiks nicht den erhofften Erfolg brachten, hat vor allem mit der prekären Finanzsituation vieler Kommunen zu tun. Hier ist der Bund gefragt, die Rahmenbedingungen auf kommunaler Ebene so zu verändern, dass Arbeitgeber und Gewerkschaften gemeinsam die Attraktivität des Erzieherberufs verbessern können.

Doch zurück zur Frage der gleichen Anforderungen in allen Bremer Kindertagesstätten. Die Antwort ist klar: Armut und Migration sind ganz besondere Herausforderungen. Armut stellt für Kinder ein wesentliches Entwicklungsrisiko dar, sei es in Bezug auf die kognitive, emotionale und physische Entwicklung. Und auch die Zusammenarbeit mit den Eltern gestaltet sich aufgrund von Sprachproblemen und Scham oft schwieriger.

Durch die Unterschiedlichkeit der Ortsteile sind die Anforderungen in den Kindertagesstätten aber hochgradig verschieden. Einerseits Quartiere mit einer Kinderarmut von 60 Prozent und mehr, etwa 90 Prozent Kinder aus Zuwandererfamilien. Und andererseits Gebiete, in denen Kinder mit einem Bremen-Pass oder mit nicht-deutscher Muttersprache kaum zu finden sind. Der tägliche Umgang mit den Herausforderungen und Folgen von Armut stellt für mich durchaus eine besondere fachliche Anforderung dar. Gerade dann, wenn Kindertagesbetreuung ein Instrument der Armutsprävention sein soll.

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Unser Gastautor

ist Sozialwissenschaftler am Institut Arbeit und Wirtschaft der Universität Bremen.

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