Versorgung psychisch Kranker in Bremen gefährdet Über hundert Praxen von Schließung bedroht

Bremen. Die Versorgung psychisch kranker Menschen in Bremen droht sich dramatisch zu verschlechtern. 104 der derzeit 337 Praxen im Stadtbereich könnten wegfallen, befürchtet die Psychotherapeutenkammer. In Bremerhaven seien neun Praxen gefährdet.
27.06.2011, 05:00
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Über hundert Praxen von Schließung bedroht
Von Sabine Doll

Bremen. Die Versorgung psychisch kranker Menschen in Bremen droht sich künftig dramatisch zu verschlechtern. 104 der derzeit 337 Praxen im Stadtbereich könnten wegfallen, befürchtet die Psychotherapeutenkammer. In Bremerhaven seien neun Praxen gefährdet. Hintergrund ist das von der Bundesregierung geplante Versorgungsgesetz, das in diesem Jahr in Kraft treten soll.

"Wenn alles so kommt, wie es in dem jetzigen Entwurf geplant ist, haben Menschen mit Depressionen, Angsterkrankungen, psychosomatischen Beschwerden und anderen psychischen Störungen sehr harte Zeiten vor sich", sagt Karl Heinz Schrömgens, Präsident der Bremer Psychotherapeutenkammer. Harte Zeiten bedeute, dass Patienten künftig wochen- oder sogar monatelang warten müssten, bis sie überhaupt einen Psychotherapeuten zu Gesicht bekämen.

"Bereits heute warten psychisch kranke Menschen in Bremen durchschnittlich 15 Wochen auf einen psychotherapeutischen Behandlungsplatz und fünf Wochen auf ein Erstgespräch", schildert der Diplom-Psychologe die aktuelle Situation. Nicht selten müsse ein Patient stationär behandelt werden, weil das erforderliche ambulante Behandlungsangebot nicht zur Verfügung stehe. "Das zeigt deutlich, dass von einer Überversorgung mit Psychotherapeuten in Bremen keine Rede sein kann."

Das sieht die Politik anders: Mit einem Versorgungsgrad von 161 Prozent zählt das kleinste Bundesland bundesweit zu den Spitzenreitern. Als überversorgt gilt eine Region dann, wenn sie die Höchstgrenze von 110 Prozent erreicht hat, weitere Zulassungen von Praxissitzen darf es dann nicht mehr geben.

So steht es im aktuellen Gesetz - und auch, dass die Kassenärztlichen Vereinigungen (KV) vor Ort die Zulassung für einen Kassensitz aufkaufen dürfen, um ihn stillzulegen. Allerdings ist dies erst möglich, wenn der Praxisinhaber mindestens 62 Jahre alt ist.

Angebliche Überversorgung

Schrömgens: "Diese Altersgrenze soll mit dem neuen Gesetz aufgehoben werden. Unsere Befürchtung ist, dass die Kassenärztliche Vereinigung in Bremen Gebrauch davon machen wird, um die angebliche Überversorgung abzubauen", sagt der Kammerpräsident. "Bei einem Abbau auf 110 Prozent wären damit in Bremen und Bremerhaven mehr als hundert Praxen vom Aus bedroht."

Der Bremer Kammerpräsident fordert deshalb eine komplett neue Bedarfsplanung. Die alte greife auf das Versorgungsniveau von 1999 zurück: "Heute haben wir eine ganz andere Situation. Der Umgang mit psychischen Erkrankungen ist offener geworden, es werden mehr Diagnosen gestellt, und die Menschen suchen sich Hilfe", so Schrömgens.

Das geplante Versorgungsgesetz sei nicht am tatsächlichen Bedarf in der Bevölkerung ausgerichtet. Es ignoriere den nachweisbaren Anstieg psychischer Erkrankungen, die zunehmende Zahl von Krankheitstagen und die vielen Fälle von Frühberentungen aufgrund psychischer Probleme. "Diese Entwicklung haben wir hier in Bremen auch. Aufgabe der Kassenärztlichen Vereinigung ist es, die ärztliche Versorgung der Bevölkerung sicherzustellen, daher warnen wir vor einem solchen dramatischen Kahlschlag bei den Praxen", betont Schrömgens.

Christoph Fox, Sprecher der KV Bremen hält die Szenarien der Bremer Psychotherapeutenkammer für Panikmache. "Richtig ist, dass die Kassenärztlichen Vereinigungen dem Entwurf zufolge in Zukunft leichter als bisher Praxissitze aufkaufen können. Das gilt übrigens nicht nur bei den Psychotherapeuten." Grundsätzlich sei diese Möglichkeit nichts Neues. In den vergangenen fünf Jahren habe die KV im Rahmen der alten Regelung etwa zehn Mal davon Gebrauch gemacht.

"Bei akuter Überversorgung ist es unsere Aufgabe, steuernd einzugreifen", erläutert Fox. Wie sich die KV künftig verhalten werde, stehe jetzt noch nicht fest. "Wir müssen abwarten, wie die neue Bedarfsplanung aussieht, die vom Gemeinsamen Bundesausschuss in Berlin nach Verabschiedung des Gesetzes erstellt wird." Dass bei einer Neuberechnung aus dem mit 161 Prozent überversorgten Bremen plötzlich ein unterversorgtes Gebiet werden könnte, hält der Sprecher allerdings für sehr unwahrscheinlich.

Dass es trotz "amtlich festgestellter Überversorgung" in Bremen Defizite bei der Behandlung psychisch kranker Menschen gebe, liegt laut Fox unter anderem an der Verteilung der Praxen. So gebe es eine Ballung psychotherapeutischer Einrichtungen in Bremen Mitte und Schwachhausen. Fox: "In Walle oder Bremen-Nord sieht das hingegen schon wieder ganz anders aus. Das müssen wir unbedingt ändern, und daran sollte die Kammer ein großes Interesse haben."

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