Debatte über Tierversuche in Bremen Über tausend Tiere für Forschung verwendet

Bremen. Hirnforscher Andreas Kreiter setzt bei seinen Versuchen an der Universität rund 20 Makaken ein. Jahr für Jahr werden Tiere für Forschung und Lehre in Bremen verwendet und getötet. 2010 waren es laut Unterlagen des Senats insgesamt 1358 Tiere.
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Über tausend Tiere für Forschung verwendet
Von Michael Brandt

Bremen. Hirnforscher Andreas Kreiter setzt bei seinen Versuchen an der Universität rund 20 Makaken ein. Jahr für Jahr werden - meist abseits der breiten öffentlichen Wahrnehmung - Fische, Hamster und Ratten für Forschung und Lehre in Bremen verwendet und getötet. 2010 waren es laut Unterlagen des Senats insgesamt 1358 Tiere.

Gesundheitssenatorin Renate Jürgens-Pieper (SPD) hat die Fortsetzung der Affenversuche am Zentrum für Kognitionswissenschaft abgelehnt. Andreas Kreiter hatte neue Versuche für den Zeitraum von Dezember 2011 bis 2014 beantragt. Jetzt steht eine neue gerichtliche Auseinandersetzung an, die Uni will in der nächsten Woche über die weiteren Schritte beraten.

Der Deutsche Tierschutzbund begrüßt die Ablehnung durch das Gesundheitsressort. Wolfgang Apel ist gleichzeitig Vorsitzender des Bremer Tierschutzvereins und Ehrenpräsident des Tierschutzbundes. Er sagt: "Wir belegen seit Jahren, dass Kreiters Versuche für die Affen mit erheblichen Leiden verbunden sind." Er fordert die Uni auf, sich von den Versuchen zu verabschieden und stattdessen "innovative, tierversuchsfreie Forschung zu betreiben."

Wie berichtet, liegen zwei neue Gutachten vor, die die Arbeit am Zentrum für Kognitionsforschung bewerten. Zum einen stuft der amerikanische Wissenschaftlicher John P. Gluck das Leiden der Makaken hoch ein. Zum anderen bescheinigt Jon Richmond in seiner Expertise dem Bremer Forscher, er bewege sich weltweit in seinem Forschungsgebiet an der Spitze.

Apel stellt das in Abrede: "Schwere Leiden von Versuchstieren können nicht mit vagen Zukunftshoffnungen und Versprechungen gerechtfertigt werden." Er verweist darauf, dass die Forschungen an den Makaken bisher "keine Therapieansätze für den Menschen erbracht hätten". Auch die grüne Wissenschaftspolitikerin Silvia Schön sieht dieses Gutachten skeptisch: "Auch wenn Forschung hoch bewertet wird, muss sie sich an anderen Grundrechtsgütern orientieren." Durch das Gluck-Gutachten sieht sie sich allerdings in ihrer bisherigen Haltung bestätigt: "Die Versuche sind ethisch nicht vertretbar."

Uni hält Versuche für zwingend

Die Makaken im Zentrum für Kognitionswissenschaft sind die Versuchstiere, die die Wahrnehmung in der öffentlichen Debatte bestimmen. Tatsächlich wird an den Bremer Hochschulen und an Instituten an wesentlich mehr Lebewesen geforscht, studiert und experimentiert. Im gesamten Spektrum: Von Fliegen und Regenwürmern bis hin zu Hamstern und eben den Rhesusaffen. Insgesamt sind zum Beispiel im Jahr 2010 nach einer Aufstellung des Senats 1358 Tiere in der Lehre und in der Forschung neu eingesetzt worden. Durch Tiere, die bereits im Vorjahr in Versuchsreihen aufgenommen worden sind, erhöht sich diese Zahl noch.

2010 als Beispieljahr im Einzelnen: Das Alfred-Wegener-Institut hat 182 Fische eingesetzt; die Jacobs University 453 Ratten und 16 Hamster; die Hochschule Bremen fünf Fische und die Uni 161 Mäuse, 399 Ratten, 68 Amphibien, 70 Fische und vier Affen. Dazu kommen Insekten und wirbellose Tiere. Je nach Forschungsprojekten schwanken die Zahlen auch. An der Jacobs University in Grohn sind zum Beispiel 2006 1562 Mäuse verwendet worden.

Müssen Tiere überhaupt im Studium eingesetzt werden? Die Universität ist offenbar der Meinung, dass es für angehende Biologen unerlässlich ist, eigens für das Studium getötete Tiere zu sezieren. In den Senatspapieren heißt es: "Nach Einschätzung der Universität Bremen ist eine zoologische und ökologische Ausbildung ganz und ohne getötete Tiere nicht sinnvoll und möglich." Andere Lehrmethoden würden "nicht die notwendigen handwerklich-experimentellen Fähigkeiten" vermitteln. Computer-Simulationen werden von der Uni als begrenzter Ersatz gesehen. Nach Angaben der Hochschulen fragen auch die wenigsten Studenten danach, ob es eine Alternative zum Tier gibt.

Die Bürgerschaftsabgeordnete Silvia Schön (Grüne), die sich beim Senat nach den Tierversuchen erkundigt hatte, kritisiert die Argumentation der Universität. "Es ist nicht zwingend notwendig, präparatorische Fähigkeiten an Säugetieren zu erlernen." Sie erinnert daran, dass sich die Uni bemüht, Tierversuche zu reduzieren und nach Möglichkeit zu ersetzen. Schön: "Dabei gibt es offensichtlich noch Verbesserungsmöglichkeiten." Die Biologin ist nach eigenen Angaben erstaunt darüber, in welchem Umfang heute noch Mäuse und Ratten an den Hochschulen eingesetzt werden. Wobei Schön angesichts der geringen Zahlen die Hochschule Bremen als vorbildlich einstuft. Bei der Universität hingegen macht sie "mangelndes Problembewusstsein" aus.

Die Zahlen an Versuchstieren sind in Bremen vergleichsweise niedrig. Bundesweit wurden im vergangenen Jahr mehr als 2,85 Millionen Tiere in Versuchen verwendet. In den vergangenen Jahren ist trotz der Tierschutz-Debatte und veränderter gesetzlicher Grundlage ein rapider Aufwärtstrend zu verzeichnen: 2001 waren es noch 1,8 Millionen Tiere.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+