Anklage gegen sechs Männer

Baustellenprozess soll im Dezember stattfinden

Mehr als sieben Jahre sind seit dem Überfall auf Bauarbeiter in der Bremer Neustadt vergangen. Jetzt soll den mutmaßlichen Tätern der Prozess gemacht werden. Zuvor sind aber noch Hürden zu überwinden.
23.08.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Baustellenprozess soll im Dezember stattfinden
Von Ralf Michel
Baustellenprozess soll im Dezember stattfinden

Eine Mahnwache von Anwohnern anlässlich des Überfalls auf Bauarbeiter in der Bremer Neustadt.

Lennart Helal

Helmut Kellermann, seinerzeit Vorsitzender Richter am Landgericht, ahnte schon früh, dass es wohl etwas dauern könnte mit dem Prozess gegen die mutmaßlichen Täter des Überfalls auf die Bauarbeiter am Hohentorspark. Im Juli 2014 zeigte sich der inzwischen pensionierte Richter skeptisch, ob der Prozess zu dem zu diesem Zeitpunkt bereits knapp ein Jahr zurückliegenden Überfall noch bis Jahresende eröffnet werden würde. „Das kann auch 2015 werden“, prophezeite Kellermann. Und lag selbst mit dieser vorsichtigen Schätzung meilenweit daneben, denn bis heute wurde der Prozess nicht eröffnet. Aber jetzt: Ende dieses Jahres soll es soweit sein. Die zuständige Kammer strebe einen Termin im Dezember an, heißt es seitens des Landgerichts. Dieser müsse allerdings noch verbindlich mit den Anwälten der sechs Angeklagten abgestimmt werden.

Noch kein verbindlicher Termin

Rückblende, August 2013: Arbeiter einer Baustelle in der Hohentorsheerstraße fordern vier junge Männer auf, nicht über den abgesperrten Teil der Baugrube zu gehen. Die Männer fügen sich scheinbar, kommen aber kurz darauf mit einer rund 30-köpfigen Gruppe zurück und attackieren die Bauarbeiter mit Schlägen und Tritten. Vier Arbeiter werden verletzt, einer von ihnen trägt eine Schnittwunde am Rücken davon, die ihm ein Angreifer mit einem Messer zufügt.

Die Tat sorgte für großes Aufsehen in Bremen, auch und gerade, weil die mutmaßlichen Täter einer arabischen Großfamilie zugeordnet werden. Kurz nach dem Überfall gibt es eine Mahnwache an der Baustelle. Und eine Versöhnungsaktion: Die Oberhäupter mehrerer arabischer Familien besuchten die Bauarbeiter, um bei Kaffee und Gebäck ein Zeichen der Verständigung zu setzen.

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Polizei und Staatsanwaltschaft erledigen ihre Hausaufgaben: Aufgrund von Zeugenaussagen ermittelt die Polizei schon wenige Tage nach dem Überfall die mutmaßlichen Täter, und am 19. Dezember 2013 erhebt die Staatsanwaltschaft Anklage gegen sechs Jugendliche und Männer. Gemeinschaftliche gefährliche Körperverletzung, Nötigung und Bedrohung lautet der Vorwurf. Wer der Messerangreifer war, kann allerdings nicht ermittelt werden, diese Tat ist keinem der Beschuldigten zuzuordnen.

Weil zwei der Beschuldigten zur Tatzeit erst 16 beziehungsweise 18 Jahre alt waren, ist die Große Jugendkammer des Landgerichts zuständig. Vom Strafrahmen her – auf gefährliche Körperverletzung stehen bis zu vier Jahre Haft – hätte es auch das Amtsgericht getan. Doch wegen des erwarteten großen Umfangs des Prozesses – sechs Angeklagte, von denen keiner geständig ist, sowie vermutlich über 70 Zeugen – landete das Verfahren vor dem Landgericht.

Wichtigere Verfahren verhinderten Prozessstart

Doch genau dieser Umstand sorgte dafür, dass der Prozess jahrelang ausgebremst werden sollte. Denn am Landgericht gehen „Haftsachen“ vor – Verfahren, in denen die Angeklagten in Untersuchungshaft sitzen, etwa wenn es um Mord oder Totschlag geht oder auch um Vergewaltigung oder Raub. Und von denen gab es zuletzt reichlich am Landgericht. Versuche, den Baustellenprozess zu beginnen, gab es durchaus, zuletzt Anfang 2020. Doch stets kamen der zuständigen Kammer Verfahren dazwischen, die vordringlicher zu bearbeiten waren.

Nun also soll der Prozess im Dezember 2020 beginnen. Die Angeschuldigten werden sich dann aber nicht nur wegen des Vorwurfs der gefährlichen Körperverletzung verantworten müssen. Einige von ihnen sollen inzwischen noch mehr auf dem Kerbholz haben, was bei dieser Gelegenheit gleich mit verhandelt wird.

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Den Eröffnungsbeschluss und damit einen konkreten Termin für das Verfahren gibt es allerdings noch nicht. Weshalb Vorsicht geboten ist bei dieser Information aus dem Landgericht. „Der Fall kommt als Nächstes dran, Ziel ist ein Termin noch im Sommer, spätestens aber im Herbst“, sagte ein Gerichtssprecher auf Anfrage des WESER-KURIER im Mai 2018 ...

Und es gibt noch eine weitere Unwägbarkeit: Sechs Angeklagte mit vermutlich mindestens sechs Anwälten, dazu Dutzende von Zeugen – da ist nicht nur die Terminfrage zu klären, sondern in Corona-Zeiten auch, wo dieser Prozess überhaupt stattfinden kann. Eine andere Gefahr in diesem Zusammenhang droht dagegen (noch) nicht. Gefährliche Körperverletzung verjährt erst nach zehn Jahren.

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