Henning Kruse aus Butzhausen

Überleben in der Milchpreiskrise

Butzhausen. Optimieren. Das Wort fällt oft, wenn Henning Kruse über seinen Hof führt. 300 Milchkühe, Solaranlage, Biogas – es gibt kaum einen Bauernhof in der Wesermarsch, der sich in den vergangenen Jahren so vorbildlich entwickelt hat.
10.08.2015, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Bettina Dogs

Optimieren. Das Wort fällt oft, wenn Henning Kruse über seinen Hof führt. Oder vielmehr: Durch seinen Betrieb. 300 Milchkühe, Solaranlage, Biogas – es gibt kaum einen Bauernhof in der Wesermarsch, der sich in den vergangenen Jahren so vorbildlich entwickelt hat wie der des Landwirts aus Butzhausen.

Noch rechtzeitig vor der Wende im Bereich der Erneuerbaren Energien im Jahr 2012 hat der 47-Jährige Solarplatten auf seinem nagelneuen Scheunendach installieren lassen, die heute die zehnfache Menge Strom produzieren, die sein Hof monatlich verbraucht. 2013 folgte der Bau einer 75-Kilowatt-Biogasanlage, die die anfallende Gülle aus dem Kuhstall in Energie umwandelt. Sie schafft noch einmal dieselbe Menge Strom wie die Solaranlage auf dem Dach. Rund 450 Vier-Personen-Haushalte könnte er damit versorgen. „Die Anlagen“, sagt der Landwirtschaftsmeister, „halten mir den Rücken frei“. Ein beruhigendes Gefühl, wenn der Milchpreis gerade bei unrentablen 28 Cent pro Liter liegt.

Als „ganz ausgeschlafener Unternehmer“ ist Henning Kruse unlängst vom Vorsitzenden des Kreislandvolkverbands der Wesermarsch, Martin Ostendorf, bezeichnet worden. Da hatte Kruse gerade eine Veranstaltung der Wirtschaftsförderung des Landkreises auf seinem Hof, bei der zusammen mit dem Kreislandvolk über die „Herausforderungen des Wirtschaftsfaktors Landwirtschaft in einer Grünlandregion heute und morgen“ gesprochen wurde. „So viele haben wir in der Wesermarsch nicht, die auf diese Weise Energie- und Milchproduktion miteinander verbinden“, meinte Ostendorf vor rund 100 Gästen, die sich im Anschluss an den Vortrag über den Hof führen ließen.

Schon immer war Henning Kruse darauf aus, Arbeitszeit effektiver zu nutzen und Kosten zu sparen. „Meine erste eigene Maschine war ein Betonmischer, die zweite eine Kehrmaschine“, erzählt er von längst vergangenen Tagen. Um die Investitionskosten wieder hereinzuholen, hat er die Maschinen entweder vermietet oder kleine Auftragsarbeiten erledigt. Als Kruse zusammen mit seinem Bruder schließlich 1997 den kleinen Hof der Eltern übernahm, kauften die Brüder Anteile an Windparks in Bremerhaven und Hamburg. In erster Linie, um die steuerliche Abschreibung nutzen zu können.

Um den Investitionsrückstand der Eltern aufzuholen, wurden zudem Milchquoten gekauft, mit der Milchbauern ihre Produktionsmenge vergrößern konnten. Doch darum ging es den beiden nicht nur. „Wenn Geld übrig war, haben wir die Quoten Anfang des Jahres günstig gekauft und sie am Ende des Jahres zu besseren Konditionen wieder verkauft.“ Mit dem Gewinn wurde der Betrieb wieder in Schwung gebracht, der mit seinen veralten Maschinen und überholten Tierhaltungsbedingungen dabei war, den Anschluss zu verpassen.

Doch es sind nicht allein die Investitionen zum günstigen Zeitpunkt, die Henning Kruse so ruhig schlafen lassen. Es ist der Erfolg der ungewöhnlichen Wege, die er sich mitunter traut zu gehen. Weil sich vollautomatische Melkroboter bei ihm nicht rechnen, hat er einen sogenannten Swing-Over-Melkstand angeschafft. „Den ersten in der Gegend.“ Auf einer landwirtschaftlichen Rundreise durch England hatte Kruse gesehen, wie effizient das System arbeitet, in Deutschland zuerst aber keine Firma gefunden, die seine Idee umsetzen wollte. So hat er aus zwei Bauweisen eine gemacht, das System optimiert und schließlich installiert. Jetzt spart er neben Geld zusätzlich auch Arbeitskraft.

Kruses Liebe zur Effizienz senkt nicht nur Kosten, auch Tier und Umwelt profitieren. Alle Lampen sind mit Strom sparenden LED-Leuchten ausgestattet, der Tank mit der Frischmilch wird mit Grundwasser gekühlt. Seinen Ausbau in Butzhausen hat Kruse mitten in die Felder gelegt und ermöglicht seinen Kühen so den Gang ins Freie. Weil Gras billiger ist als Kraftfutter, kommen Kruses Kühe auf die Weide. „Das ist günstiger für mich und gesünder für die Tiere.“ 100 Hektar Weidefläche stehen ihm zur Verfügung – und so kommt auch das Heu aus eigener Herstellung. Seit 2003 verzichtet Kruse zudem auf Zitzenversiegelung und Antibiotika-Behandlung, durch die die Milchkühe in der melkfreien Zeit vor Keimen geschützt werden sollen. „Wir haben seitdem keine Probleme mit kranken Kühen und viel Geld gespart“, schildert der Landwirtschaftsmeister. Nach jedem Kälberwechsel werden die Boxen gereinigt und desinfiziert, die Milchschalen nach jedem zweiten Kalb weggeschmissen. Auch das habe die Tierarztkosten erheblich gesenkt, weil sich die Neugeborenen nicht mehr mit krankmachenden Bakterien infizieren können.

„Es muss noch viel mehr Innovationen in der Landwirtschaft geben“, meinte Arno Krause vom Grünlandzentrum Niedersachsen/Bremen am Abend der Wirtschaftsförderung. Henning Kruse ist auf der Suche nach ihnen. Viel habe er darüber nachgedacht, wie es in seinem Betrieb optimal laufen kann. Mit dem gerade erst fertiggestellten Standort in Butzhausen hat er seinen dritten Laufstall gebaut „und aus den vorangegangenen Bauten gelernt“. Nicht nur, dass die Gülle direkt vom Stall in die Biogasanlage gepumpt und die Scheune im Sommer durch die Thermik vom Solardach angenehm durchlüftet wird – die Stallungen sind den Laufwegen der Tiere angepasst. Damit es schneller geht. Expandiert hat Kruse nicht nur in Butzhausen; zwei Höfe bewirtschaftet er außerdem in Bardewisch und Krögerdorf.

Hier werden die Jungtiere aufgezogen, alle unter einem Dach mit Solaranlage und auf Stroh. „Auch das ist unterm Strich rentabler“, so Kruse. Sechs Mitarbeiter kümmern sich um den reibungslosen Ablauf im Stall. Leisten sie gute Arbeit, zahlt Kruse ihnen Erfolgsprämien. Zu seinem Konzept des Optimierens gehören auch innerbetriebliche Fortbildungen und eine gute Ausbildung der Lehrlinge. Kruse: „Je mehr Wissen, desto qualitativ besser ist die Arbeit.“ Denn: Ist die Kuh erst mal verstimmt, klappt es auch mit der Milch nicht mehr.

Es geht aber nicht durchweg nur um Effizienz. Seit Anfang des Jahres gehört ein junger Mann vom CVJM-Heim zum Team, der den Plan der optimalen Zeitnutzung manchmal etwas durcheinander bringt. Aber irgendwie klappt auch das. Weil die Stimmung im Laden stimme, wie Kruse bemerkt. Auch das könnte ein Grund für den Erfolg seines Unternehmens sein. Dabei hatten ihm nicht wenige ein Scheitern vorhergesagt. Doch gerade jetzt, wo die Milchpreise wieder mal im Keller sind, hält ihn sein Energiekonzept aus Sonne und Mist über Wasser.

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