Überlebenskünstler im Stadtgebiet

Welche besonderen Bäume es in Bremen gibt

Viele Bäume im Stadtgebiet sind echte Überlebenskünstler. Sie schaffen es mit eigenen Strategien, sich so gut es geht den veränderten Umständen anzupassen. Einige Beispiele besonderer Bäume in Bremen.
11.10.2020, 05:00
Lesedauer: 6 Min
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Welche besonderen Bäume es in Bremen gibt
Von Jürgen Hinrichs
Welche besonderen Bäume es in Bremen gibt

Die imposante Baumhasel in Bremens Wallanlagen ist mehr als 200 Jahre alt und hat Krieg, Stürme und eine Windhose überstanden.

Frank Thomas Koch

Mehr als 72.000 Bäume an den Straßen, schätzungsweise 220.000 Stück in den Grün- und Parkanlage – eine Mammutaufgabe für Umweltbetrieb Bremen (UB), der für die Unterhaltung der öffentlichen Gehölze zuständig ist. „Die Intensität der Pflege hat sich in den vergangenen Jahren durch die Auswirkungen des Klimawandels drastisch erhöht“, stellt Unternehmenssprecherin Kerstin Doty fest. An rund 18.000 Straßenbäumen und 20.000 Bäumen in Grünanlagen seien nach den trockenen Sommern von 2018 und 2019 Schäden festgestellt worden. Der Senat hat bereits reagiert und auf Betreiben der Grünen beschlossen, 1000 Bäume zu pflanzen. Kosten: 1,6 Millionen Euro. Doch was sollen das für Bäume sein?

Nach UB-Angaben kommt in Bremen am häufigsten die Eiche vor. Es folgen mit absteigender Zahl Linde, Buche, Ahorn, Platane, Hainbuche, Mehlbeere, Birke, Esche, Erle und Robinie. Neu gepflanzt werden jetzt zunehmend Bäume, die Hitze und Trockenheit, aber auch Stürme besser abwettern können. „Ein Baum muss auch in 80 Jahren noch vital sein. Wir machen uns deshalb Gedanken, wie das Umfeld dann aussieht“, sagt Doty. Ziel sei eine möglichst große Vielfalt toleranter und widerstandsfähiger Gehölze. Gut fürs Stadtbild, meint die UB-Sprecherin, und das richtige Rezept, damit sich Schädlinge nicht so schnell ausbreiten können. Einige von ihnen, die bislang mehr in südlichen Regionen vorkamen, würden in Folge der Klimaerwärmung nun auch im Norden Verbreitung finden. Ein Beispiel sei der Eichenprozessionsspinner.

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Der Umweltbetrieb nimmt seit einiger Zeit Baumarten auf den Bestellzettel, deren Namen Kenner der heimischen Botanik neu lernen müssen, wenn sie auf dem Laufenden bleiben wollen. Das sind zum Beispiel der Persische Eisenholzbaum, die Europäische Hopfenbuche, der Amerikanische Amberbaum, die Manna-Esche, der Dreispitz-Ahorn, die Zerreiche, die Kobushi-Magnolie, die Purpurerle und eine bestimmte Sorte der Ungarischen Eiche. Sie heißt „Trump“.

Bremens Bäume

Spitz-Ahorne umrahmen die Franz-Schütte-Allee.

Foto: Frank Thomas Koch

Hier entlang und nirgendwo anders

Schnurgerade zieht sie sich von der Vahr nach Oberneuland. Fast zwei Kilometer immer nur geradeaus. Die Franz-Schütte-Allee, benannt nach dem Bremer Kaufmann und Ölimporteur, ist ein Beispiel, wie Bäume Wegweiser sein können: Hier entlang, und nirgendwo anders. In diesem Fall sind es gleich vier Reihen, gepflanzt nach dem Krieg.

Sie umrahmen nicht nur die Straße, sondern auch einen Grünstreifen, auf dem im Frühjahr eine Million Krokusse blühen und der Allee einen Farbtupfer geben. Die Bäume bestehen hauptsächlich aus Spitz-Ahorn, was Ralf Möller Sorge macht: „Ahorne halten den Klimawandel nicht besonders gut aus“, sagt der Referatsleiter beim Umweltbetrieb Bremen. Ein Ausdruck sei die Rußrindenkrankheit. Besonders bedroht sei der Berg-Ahorn. Treffen könne es irgendwann aber auch die Bäume an der Franz-Schütte-Allee.

Bremens Bäume

Kiefer am Landgut Horn

Foto: Frank Thomas Koch

Abgebogen

Bäume können wie ein aufgeschlagenes Buch sein. Beispiele dafür sind im Menke Park in Horn-Lehe versammelt. „Schief gewachsene Bäume fallen nicht um, waagerechte Äste brechen nicht ab, und hohle Stämme können ihre Krone tragen“, steht auf einer der Tafeln am Baumerlebnispfad. Aus der Not, bedeutet das, wurde eine Tugend. Wenn ein Sturm den Bäumen zugesetzt hat, die Trockenheit quält oder ein Pilz sich festfrisst, waren Abwehrstrategien gefragt.

Ralf Möller zeigt eine Kiefer, die kurios gewachsen ist. Sie hat so richtig einen auf den Kopf bekommen, ein Blitzeinschlag, vermutet der Experte. Der Stamm gekappt, und nun? Die Antwort war, Ersatz zu suchen. Die Kiefer beförderte kurzerhand einen ihrer Äste zum Chef. Er strebt seitdem nicht mehr zur Seite, sondern nach oben.

Woanders haben die Bäume Zugholz entwickelt. So wie dieser Spitz-Ahorn. Er litt zunächst wahrscheinlich unter der Knute eines alten Baumstammes, der ihn niederdrückte. Doch was wachsen will, schafft das auch. Der Ahorn produzierte Zugholzzellen, die ihn wie mit Seilen in die Senkrechte brachten.

Bremens Bäume

Baumhasel in den Wallanlagen

Foto: Frank Thomas Koch

Im Korsett

Die alte Dame muss gestützt werden, Pfähle, die Brüche verhindern, doch das ist noch nicht alles. Ihr Körper wird auch auf Spannung gebracht und trotzt auf diese Weise den Angriffen, wenn der Wind zaust und zerrt. Dann sind es Metallseile, die Halt geben. Ohne diese Vorrichtungen ginge es nicht mehr – die Baumhasel in den Wallanlagen, ein gut 200 Jahre altes Prachtexemplar, wäre längst in die Knie gegangen.

„Eine absolute Rarität, normalerweise werden die nicht so alt“, sagt Ralf Möller vom Umweltbetrieb Bremen. Dazu noch der eigentümliche Wuchs. Und die Rinde, „wie bei einem Reptil“. Ein Bollwerk von Baum, ein Überlebenskünstler, der sich so entwickelt hat, wie die Umstände es erforderten. Vieles ging im Krieg kaputt, die Baumhasel nicht, sie blieb standhaft. Auch später, als eine Windhose ihre Beine ausschüttelte.

Doch ewig geht das nicht mehr gut. Der Stamm hat ein Loch, schaut man hinein, wird Zerstörung sichtbar: Braunfäule, ein Pilz. 20 bis 30 Jahre, hatte Möller anfangs gesagt. Solange könne der Baum noch überdauern. Jetzt korrigiert er sich: „30 Jahre nicht mehr.“

Bremens Bäume

Buchenstamm als Insektenhotel im Park Höpkens Ruh

Foto: Frank Thomas Koch

Eremit dankt

Höpkens Ruh in Oberneuland ist ein Landschaftspark, sieben Hektar groß, unter Denkmalschutz, und so erhalten, wie der Kaufmann und Reeder Johann Höpken es im 19. Jahrhundert in seinem Testament verfügt hatte. Ralf Möller nimmt den Park als Beispiel, dass Bäume Lebensräume bieten – für den Pilz, der ihn langsam auffrisst. Oder den Eremiten.

Ein seltener Gast und deswegen besonders geschützt. Der Käfer hat sich in Höpkens Ruh als Höhle ein paar Eichen ausgesucht. „Er braucht es geräumig, warm und trocken“, weiß Möller. Eine friedliche Koexistenz, denn nachhaltig schaden kann der Eremit den Bäumen nicht, im Gegenteil, seine Larven machen sich ans feine Zellgewebe der Pilze heran.

Der kleinen Gruppe von Eichen und Buchen, die in Höpkens Ruh als Heimstatt des exotischen Käfers dienen, tut das aber schon nichts Gutes mehr. Sie sind ein Schatten ihrer selbst und stehen ohne Kronen da, „wahrscheinlich spontaner Sprödbruch“, vermutet Möller. Normalerweise wären die Bäume entfernt worden. So aber sind sie ein Refugium. Der Eremit dankt.

Bremens Bäume

Alte Eiche in Eeckens Höge in Oberneuland

Foto: Frank Thomas Koch

Ein Kaliber

Der Baum steht in Oberneuland, am Ende einer Sackgasse, und er ist ein echtes Kaliber. Dick wie ein Mammut, aber kein Mammutbaum, sondern eine Eiche. Ralf Möller legt das Maßband an, er geht in großen Schritten einmal um den Stamm herum, das Ergebnis: 6,20 Meter. So ein Umfang, gewaltig.

Auf dem Boden liegen Eicheln, die der Baum im weiten Umkreis abgeworfen hat. Er hat die Aura eines Nimmermüden, sehr vital noch für sein Alter. „500 Jahre“, schätzt der Mann vom Umweltbetrieb Bremen, „wenn nicht älter.“

Am Stamm gähnt unten ein Loch, das mit einem Gitter versperrt wurde. Hier und da sieht man, dass der Baum Äste verloren hat, sie wurden abgesägt oder sind abgebrochen. Gurte halten die Krone zusammen. Der Zahn der Zeit, dann doch. Aufgeben wird die Eiche in den nächsten Jahrzehnten aber nicht, dafür ist sie noch kräftig genug.

Sie steht für Stolz und Beharrung, ist eine Konstante, wie sehr, verrät ein junger Mann, der besorgt fragt, ob etwas sei mit ihr, ob’s Gründe gäbe, sie zu inspizieren. Gibt es nicht, und das freut den Mann: „Gefühlt ist das unser aller Baum.“

Bremens Bäume

Mammutbaum in Bremen Nord

Foto: Frank Thomas Koch

Einwanderer

Eekenhöge – so heißt die Sackgasse, an deren Ende die mehr als 500 Jahre alte Eiche in Oberneuland steht. Eichenhöhe also, und das sagt viel, wenn der Name vom Baum kommt. Er muss dafür schon lange da sein und hinreichend imposant wirken. Kriterien, die auch dieses Exemplar erfüllt: Der Mammutbaum in Lesum, er steht in der Straße Am Mammutbaum.

Die Art gehört zur Pflanzenfamilie der Zypressengewächse und ist selten in norddeutschen Gefilden. Ein Einwanderer, wahrscheinlich aus Nordamerika, wo der Mammutbaum zum Beispiel im Yosemite-Nationalpark ein wahrer Riese sein kann. „Er wird als Setzling oder Samenkorn mitgebracht worden sein, vielleicht von jemandem, der zur See gefahren ist“, vermutet Ralf Möller.

Dem Exemplar in Lesum misst er wegen seiner Größe Besonderheit bei. Wie alt? „Keine Ahnung, da möchte ich noch nicht einmal schätzen.“ Bäume aus fernen Gegenden kann der Experte auch im Landschaftspark Höpkens Ruh zeigen, dort sind es zum Beispiel die Gurkenmagnolie und der Tulpenbaum. Lauter Fremde, die heimisch geworden sind.

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