Praktische Yoga-Einführung mit Yoga-Meister Rajesh K. Mishra im Oberdeck der Vegesacker Stadtkirche

Übungen für Körper und Seele

Vegesack/Lesum. Das Licht ist gedämpft. In der Mitte des Raumes brennt eine weiße Kerze.
22.12.2016, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Katja Bettina Wild
Übungen für Körper und Seele

Frauen und Männer folgen konzentriert den Anweisungen des Yoga-Meisters Rajesh K. Mishra.

Christian Kosak

Vegesack/Lesum. Das Licht ist gedämpft. In der Mitte des Raumes brennt eine weiße Kerze. Rund 15 Frauen und Männer sind in das Oberdeck der Vegesacker Stadtkirche gekommen, um an der praktischen Yoga-Einführung von Rajesh K. Mishra teilzunehmen. Mit gerade aufgerichteten Oberkörpern sitzen sie auf Bodenmatten, den Blick auf den Yoga-Meister gerichtet.

Mishra führt eine Übung vor. Seine Augen sind geschlossen. Er atmet tief ein und vernehmlich summend aus. Nun ist die Gruppe an der Reihe. Ein vielstimmiges, aber noch verhaltenes „Mmmmh“ erklingt. „Lauter“, fordert Mishra einzelne Teilnehmer auf. „Noch lauter.“

Als das Summen ansteigt, nickt er zufrieden. „Jetzt fünfmal wiederholen, dabei die Ohren zuhalten.“ Noch einmal führt er die Übung vor, dieses Mal verschließt er seine Ohren mit den Zeigefingern: „Mmmmh.“ Die Teilnehmer machen es nach, lauschen ihrer eigenen Stimme und wirken entspannt und konzentriert zugleich. „Diese Übung hilft bei Schlafstörungen. Sie ist auch gut bei Tinnitus oder bei Hyperaktivität. Man kann sie auch mit Kindern machen“, erklärt Mishra.

Bereits seit Jahren gibt es in der evangelischen Gemeinde Vegesack eine Yoga-Gruppe. Pastor Volker Keller ist einer der Übungsleiter. Weniger alltäglich ist, dass ein indischer Yoga-Meister hier eine Einführungsstunde gibt. Rajesh K. Mishra unterrichtet seit 17 Jahren Yoga. Spezialisiert ist er auf Stress- und Wellnessmanagement. Unter anderem hat er in Taiwan, Hongkong, Singapur, Schweden und Dänemark gearbeitet und war für Hotels, Krankenhäuser und große IT-Unternehmen tätig.

Seit drei Jahren bietet er regelmäßig Kurse im Lesumer Wellnesszentrum Villa Katharina an. Die Idee für einen Yoga-Kennenlernabend mit ihm in der Vegesacker Gemeinde entstand im Sommer, als Volker Keller in Knoops Park an einem von Rajesh K. Mishra geleiteten Yoga-Event teilnahm. „Der heutige Abend ist zum Hineinschnuppern für Menschen gedacht, die Yoga kennenlernen möchten“, sagt Volker Keller.

Yoga für Christen – passt das zusammen? Oder besteht die Gefahr, fremde Götter zu verehren? Mit diesen Fragen hat sich Pastor Keller beschäftigt. In seinem Buch „Buddha, Krishna und Allah. Orientierung in fremden religiösen Welten“ bezeichnet er Yoga als „universelle Weisheit, die nicht ausschließlich in indischen Religionen zu Hause sein muss. Sie kann als Geschenk Indiens an die Welt angesehen werden“.

Auch bei der Veranstaltung setzen sich Volker Keller und Rajesh K. Mishra mit dem Thema auseinander. „Wir bieten Yoga an, weil wir Christen auch an Gesundheit interessiert sind. Der Körper ist ein Geschenk Gottes, für das man Verantwortung trägt“, erläutert der Pastor. „Beim Yoga wird das Denken ruhiger und klarer. Man kann sich besser auf Gedanken konzentrieren – und wenn man konzentriert ist, kann man tiefer beten.“

Ähnlich formuliert es Mishra: „Um sich mit Gott zu verbinden, braucht man Konzentration. Yoga bedeutet übersetzt Verbindung. Gemeint ist die Verbindung des Individuums mit Gott oder – wenn man nicht religiös ist – mit dem Universum.“ Auch seiner Meinung nach ist Yoga nicht an eine Religion gebunden. Für ihn sei Yoga wie Wasser, das man pur trinken könne, das sich aber auch mit allem mischen lasse, zum Beispiel mit Saft oder Wein. „Man kann Yoga praktizieren, ohne Hindu zu sein“, betont er. „Es kann helfen, ein besserer Hindu, aber auch, ein besserer Christ zu werden.“

Bei allen Übungen, die Rajesh K. Mishra zeigt, geht er auf die positiven Effekte für die Gesundheit ein. So erfährt die Gruppe unter anderem, welche Übungen sich gezielt bei Verspannungen im Nackenbereich, bei innerer Unruhe, bei Depressionen oder Problemen mit der Verdauung – einen Vorgang, den er bildhaft als „washing machine“ bezeichnet – einsetzen lassen.

„Beim Yoga gibt es keinen Stress, keinen Wettbewerb. Es geht um Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein“, unterstreicht der Yoga-Meister und fordert dazu auf, den Körper bewusst wahrzunehmen. Kopf, Wirbelsäule, Herzschlag – die Teilnehmer sollen in sich hineinspüren.

Er hebt die Bedeutung der Atmung hervor. Auf sie achtet er bei jeder Übung. „Die Atmung ist das Werkzeug des Geistes. Wer den Atem kontrollieren kann, kann seinen Geist kontrollieren. Die Atmung ist wichtig für die Entspannung und für die Konzentration“, sagt er. Und: „Gott hat uns die Augen zum Sehen gegeben, die Hände zum Arbeiten, die Nase zum Atmen und den Mund zum Essen und zum Sprechen. Der Mund ist nicht für die Atmung bestimmt.“

Wenn man durch den Mund atme, hechele man wie ein Hund. Die Kehle werde trocken, der Körper gerate in Stress. Er empfiehlt, täglich eine Atemübung anzuwenden. Ein Nasenloch mit dem Daumen zudrücken, durch das andere Nasenloch tief einatmen und kräftig ausatmen – nach einer Minute das Nasenloch wechseln, leitet er an. „Machen Sie das zwei Minuten morgens und zwei Minuten abends – das ist gut fürs Herz, gut für die Verdauung und gut gegen Depressionen.“

Unter den Teilnehmern sind viele, die das Yoga-Angebot der Kirchengemeinde nutzen, zum Beispiel Klaus Raupach, seit zehn Jahren dabei, und Petra Treider, die nach einem Burn-out mit Yoga angefangen hat und dadurch zu mehr Ruhe und Gelassenheit gefunden hat.

Klaus Hensel macht Yoga noch nicht lange. „Yoga führt bei mir jedes Mal zu einer totalen Entspannung, die noch stundenlang anhält“, sagt er. Sein Fazit: „Es war sehr interessant, weil Mishra Übungen gezeigt hat, die ich noch nicht kannte, zum Beispiel die Atem- und Entspannungsübungen.“ Besonders gut habe ihm die Aussage gefallen, dass Yoga dabei helfe, negative Gedanken wegzustoßen und Positives anzunehmen.

„Man kann Yoga praktizieren, ohne Hindu zu sein.“ Rajesh K. Mishra, Yoga-Meister
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