An der Grundschule Grolland wird dank Unterstützung durch Sponsoren an Hengstenberg-Geräten geturnt Übungen gegen Bewegungsmangel

Grolland. „Haben Sie heute schon mit Ihrem Kind gesprochen?“ In Schwerin macht zurzeit eine Plakat-Aktion mit diesem Spruch darauf aufmerksam, dass immer mehr Mütter sich lieber mit ihrem Smartphone als mit ihrem Nachwuchs beschäftigen. Kommunikation? Fehlanzeige! Und das hat dramatische Konsequenzen, die quer durch die Republik zu spüren sind.
18.09.2017, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Sigrid Schuer

Grolland. „Haben Sie heute schon mit Ihrem Kind gesprochen?“ In Schwerin macht zurzeit eine Plakat-Aktion mit diesem Spruch darauf aufmerksam, dass immer mehr Mütter sich lieber mit ihrem Smartphone als mit ihrem Nachwuchs beschäftigen. Kommunikation? Fehlanzeige! Und das hat dramatische Konsequenzen, die quer durch die Republik zu spüren sind.

„Wir müssen leider feststellen, dass bei Kindern, die eingeschult werden, die Fähigkeit, vollständige Sätze zu bilden, stark zurückgegangen ist. Dazu kommt, dass der Anteil an verhaltensauffälligen Kindern in den letzten Jahren stark angestiegen ist“, sagt Petra Konrad, Konrektorin der Grundschule Grolland, Zentrum für unterstützende Pädagogik. Erschwerend hinzu komme die zunehmende Armut. Bis 2011 leitete sie das Förderzentrum der Grundschule Grolland, das dann in der inklusiven Schule aufging.

Die ständige Fixierung auf die Displays von Tablet-Computern führe sogar zu einer Beeinträchtigung des Leseverhaltens, für das es wichtig sei, dass sich die Pupillen flexibel von links nach rechts bewegen.

Aber auch die Kommunikationskompetenz leide unter der neuen Medienwelt, in der Sachverhalte oft extrem verknappt mit Hilfe von Emojis ausgedrückt werden.

Und ein weiteres gesamtgesellschaftliches Problem: Schon im zweiten und dritten Lebensjahr ist, so das Ergebnis von Studien, ein eklatanter Bewegungsmangel bei Kindern zu verzeichnen. Und das führe oft schon in den Kitas dazu, dass die Unfallgefahr steige. „Die Kinder können sich einfach nicht mehr abfangen und stürzen unwillkürlich von den Spiel- und Klettergeräten“, weiß Konrad, die nicht nur Sonderschulpädagogin ist, sondern als Sportlehrerin auch eine Fortbildung in Psychomotorik absolviert hat.

Für sie war schon lange klar, dass Gegenmaßnahmen ergriffen werden müssen. Doch der Bildungsetat ist im Haushaltsnotlageland Bremen auf Kante genäht. „Wir haben mittlerweile an vielen Schulen kein Personal, keine Räume und keine Mittel mehr“, resümiert Petra Konrad. All das seien aber notwendige Voraussetzungen, damit Inklusion überhaupt gelingen könne. So falle es immer schwerer, die Impulse, die die langjährige Schulleiterin Ingrid Siebert-Löschner gegeben habe, weiterhin mit Leben zu erfüllen.

Die Grundschule Grolland setzt bei ihren Profilen nicht nur auf Bewegung und Gesundheit, sondern auch auf Musik. Sie ist Partnerschule der Bremer Philharmoniker.

Unterstützung von Airbus

„Ich bin eine Kämpferin!“, sagt Petra Konrad von sich selber. Zweieinhalb Jahre hat sie gemeinsam mit der Körpertherapeutin Hannah Sprotte dafür gestritten, dass an der Grundschule Grolland als Zentrum für unterstützende Pädagogik das Hengstenberg-Training angeboten werden kann. Nachdem sich die Kommunikation mit einer Krankenkasse als zu kompliziert und bürokratisch erwies, ist es nun dem Engagement von Schulverein und der Aktion Glückspfennig von Airbus zu verdanken, dass die hochwertigen Bewegungsgeräte Hengstenberg aus Esche gekauft werden konnten. „Der Schulverein hat 1000 Euro und die Aktion Glückspfenning 3000 Euro beigesteuert, dafür sind wir sehr dankbar“, betonte Konrad bei der Einweihung der Hengstenberg-Bewegungsgeräte.

Um die Körpertherapeutin weiter bezahlen zu können, ist sie noch auf der Suche nach Sponsoren. Momentan wird der Unterricht mit Hilfe von Sportprofil-Geldern finanziert. Hinter der Aktion Glückspfennig verbirgt sich das soziale Engagement von Airbus. Über 200 000 Euro pro Jahr kommen aus Spenden der Belegschaft und der Unternehmensleitung für gemeinnützige, karitative Projekte allein in Bremen zusammen. Jeden Monat spenden die Beschäftigten von Airbus Operations die Cents ihrer monatlichen Nettobezüge. Alle Beträge, die so zusammenkommen, werden vom Unternehmen verdoppelt. „Unser Ziel ist es, etwas an die Gesellschaft zurückzugeben“, betont Michael Wolf, der seit 17 Jahren bei Airbus für für die Aktion Glückspfennig zuständig ist.

Die spezielle Form des Hengstenberg-Trainings geht von einem ganzheitlichen Ansatz zur Stärkung der Lebenskraft und des lebenslangen Lernens aus. „Wir setzen auf emotionale Intelligenz und Beziehungsqualität sowie bei der Bewegung auf Ruhe und innere Ordnung“, erläutert Hannah Sprotte, und Petra Konrad fügt hinzu: „Hier werden traditionelle Werte gelehrt, die uns fehlen.“ Was sie damit meint, ist bei der ersten Stunde des Bewegungstrainings zu beobachten, an dem in zwei Zeitschienen jeweils sechs bis acht Kinder mit und ohne Förderbedarf teilnehmen. Geschicklichkeit, Körperbewusstsein und Konzentrationsfähigkeit sind nötig, um den Parcours von Hengstenberg-Geräten mehrere Male erfolgreich absolvieren zu können. Die Grundschüler meistern das mal mehr, mal weniger gut.

Zunächst balancieren sie auf einer schräg stehenden Holzbank nach unten. Dann gilt es, das nächste Hindernis zu überwinden: eine Holzleiter, um gleich darauf auf zwei schwankenden Holzbohlen zu balancieren. Dann folgt ein weiteres Leiter-Hindernis und schließlich ein Kletterturm, bei dem sich die Kinder an einer Holzstange nach oben robben müssen. Puh, gar nicht so einfach!

Mehr Selbstkontrolle

Dem Viertklässler Tim macht es trotzdem sichtlich Spaß. „Uns geht es darum, bei den Kindern die Selbstkontrolle, das Vertrauen in die eigene Kompetenz zu stärken und möglichst wenig Hilfestellung zu geben“, erläutert Hannah Sprotte und erteilt jetzt Ratschläge wie: „Leise, hört auf euren Atem, beobachtet euch gegenseitig und überholt euch nicht!“ Das Projekt wird auch von benachbarten Schulen im Bremer Süden mit großem Interesse beobachtet. „Wir laden Lehrerinnen und Lehrer zu Hospitationen ein“, sagt Konrad, die das Bewegungsangebot auch gern beim Landesinstitut für Schule (LIS) verankern würde.

Zwei Merksätze des Hengstenberg-Trainings, die an einer Wand des Bewegungsraumes in der Schule hängen, geben besonders zu denken: „Werden Körper und Geist vernachlässigt, muss man mit ernsthaften Konsequenzen rechnen“ und: „Ich hatte letztens ein Treffen mit einem wichtigen Menschen – mit mir selbst!“ Und das haben die Grundschüler ab sofort jede Woche mit sich selbst.

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