Prozessauftakt gegen Valentin S. Ultra-Anwalt wirft Polizei Inkompetenz vor

Unter umfangreichen Sicherheitsvorkehrungen hat am Donnerstagmorgen am Landgericht der Prozess gegen den Werder–Ultra Valentin S. und zwei weitere Angeklagte begonnen.
28.01.2016, 00:00
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Ultra-Anwalt wirft Polizei Inkompetenz vor
Von Ralf Michel

Unter umfangreichen Sicherheitsvorkehrungen hat am Donnerstagmorgen am Landgericht der Prozess gegen den Werder –Ultra Valentin S. und zwei weitere Angeklagte begonnen.

Verkehrte Welt im Gerichtssaal: Angeklagt sind am Donnerstag drei junge Männer aus der linken Fußballszene Bremens. Gefährliche Körperverletzung in mehreren Fällen, wirft die Staatsanwaltschaft dem Trio vor, zu dem der Werder-Ultra Valentin S. gehört. Brutal zusammengeschlagen und -getreten haben sollen sie ihre Opfer, die entweder dem gegnerischen Fußball-Fanlager angehörten oder der politisch rechten Szene.

Doch zum Prozessauftakt im Landgericht drehen die Verteidiger den Spieß kurzerhand um und erheben ihrerseits schwere Vorwürfe gegen Richter, Staatsanwaltschaft und Polizei: Horst Wesemann, Verteidiger von Valentin S., spricht von einseitigen und inkompetenten Ermittlungen. Bei der „Verfolgung von Nazi-Aktivitäten“ lege die „politische Polizei“ ein auffallendes Desinteresse an den Tag, konstatiert der Anwalt. „Ist die Justiz auf dem rechten Auge blind?“, fragt er und leitet daraus ab, dass die linke Szene eventuell deshalb meine, sie müsse die Sache jetzt selbst in die Hand nehmen.

Seine Kollegin Lea Voigt, Anwältin von Daniel M., legte nach: Zwei der drei ihrem Mandanten zur Last gelegten Straftaten gingen allein auf die Aussage eines einzelnen Belastungszeugen zurück. Der aber komme ausgerechnet aus der Hooliganszene, habe widersprüchliche Aussagen gemacht und sei außerdem ins Ausland abgetaucht, weil scheinbar nach ihm selbst gefahndet werde. Trotz dieser löchrigen Beweislage habe die Staatsanwaltschaft Anklage erhoben. Voigt: „Ein derartig einseitiger Verfolgungseifer lässt sich nur durch ein Klima der Vorverurteilung erklären.“

Verhandlung wird fortgesetzt

Darauf läuft es auch für Horst Wesemann hinaus: Eine Staatsanwaltschaft, die den Eindruck vermittle, die Angeklagten seien schon überführt, dazu die Einflussnahme der Politik und ein Innensenator, der das Ganze zur „Chefsache“ erklärt habe – da müsse man sich fragen, ob das Gericht überhaupt noch frei in seiner Entscheidung sei. Ein fairer Prozess sei nicht mehr möglich, sagt Wesemann und beantragt das Verfahren einzustellen.

Hierüber muss das Gericht noch beraten und dann entscheiden. Für eine sofortige Einstellung des Verfahrens noch am Donnerstag findet es keine Anhaltspunkte, die Verhandlung wird fortgesetzt. Nicht ohne allerdings, dass Richter Kelle zuvor einen Teil der Vorwürfe mit harschen Worten zurückweist: Wesemann habe unsachliche und unangebrachte Mutmaßungen geäußert und Dinge aufgegriffen, die nachweislich nicht stimmen würden.

Zwei Stunden vorher, 8.45 Uhr kurz vor Prozessbeginn: Die Zuschauertribüne beginnt sich mit jungen Leuten zu füllen. Ihre Zugehörigkeit zur linken Szene ist zu vermuten, doch erkennbar ist sie nicht, denn Embleme, Schriftzüge und Abzeichen, aus denen Sympathiebekundungen mit den Angeklagten abgeleitet werden könnten, wurden zuvor im Gerichtssaal verboten.

Jan Lürig, Anwalt von Wesley S., wittert einen Verstoß gegen die Meinungsfreiheit. Auch dies sei ein Versuch des Richters, das Prozessklima einseitig zu beeinflussen. Denn die Verfügung ziele nur in Richtung der linken Szene. Der Nazi-Szene dagegen würde eine Hintertür für ihre rechten politischen Bekundungen offengehalten.

Einzelne Zwischenrufe

Den Einwand des Anwalts schmettert das Gericht ab. Praktisch spielten Solidaritätsbekundungen ohnehin keine Rolle an diesem Donnerstagmorgen. Einzige Ausnahme ist Valentin S. selbst. Er verbirgt beim Betreten des Saales sein Gesicht hinter einer Aktenmappe, auf der gut lesbar für alle „free Valentin“ steht.

Die Zuschauer dagegen benehmen sich abgesehen von einem einzelnen kurzen Zwischenruf dreieinhalb Stunden lang untadelig. Was auch an dem massiven Polizeiaufgebot im Gerichtssaal, in den Fluren und vor dem Gebäude gelegen haben könnte. Ähnlich viele Polizisten waren zuletzt nur bei den großen Rockerprozessen oder Auseinandersetzungen von Familienclans im Landgericht zu beobachten.

Am Donnerstag geht es in erster Linie um gefährliche Körperverletzung. Begangen von den drei Angeklagten, so die Staatsanwaltschaft. Mehrfach sollen sie überfallartig auf „Passanten“ eingeschlagen und -getreten haben. Bekanntester Vorfall ist die Schlägerei am 19. April 2015 nach dem Nordderby gegen den HSV vor der Kneipe „Verdener Eck“. Hier hat Valentin S. einen Hooligan mit Fäusten und Füßen traktiert, ihm zudem mit einem Blumenkübel gegen den Kopf geschlagen. Bei einer richterlichen Vernehmung hat der 21-Jährige diese Tat bereits gestanden. Bei ihm seien damals die Sicherungen durchgebrannt. Aber erst, nachdem der Hooligan einem anderen Ultra einen leeren Bierkasten gegen den Kopf geschlagen und die Gruppe der Ultras beleidigt hatte.

Kein weiteres Wort von Valentin S.

In dieser Vernehmung hat Valentin S. eine zweite Straftat gestanden – den Diebstahl einer Kette – und sich zudem reuig gezeigt. Er habe bislang gedacht, mit seinem militanten Verhalten politische Ziele durchsetzen zu können, sehe aber ein, dass dies der falsche Weg sei, zitiert Richter Kelle aus dem Vernehmungsprotokoll.

Der Versuch des Richters, hierauf aufzubauen, und Valentin S. zu weiteren Geständnissen zu bringen – „wir sind nicht grundsätzlich abgeneigt, Ihnen eine Chance zu geben“ – verpufft wie auch seine mahnenden Worte zur Rolle des jungen Mannes im gesamten Verfahren: „Sie sollten sich gut überlegen, sich als Märtyrer darzustellen, der Opfer staatlicher Willkürmaßnahmen geworden ist.“

Doch von Valentin S. kam kein weiteres Wort. Ebenso wenig wie von seinen beiden Mitangeklagten. So muss das Gericht nun versuchen, das Tatgeschehen über Zeugenaussagen zu klären. Die ersten Opfer werden am Montag, 1. Februar, ab 9 Uhr vernommen.

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