Aktuelle Umfrage

Gewalt gegen Lehrer nimmt zu

An deutschen Schulen nehmen die Angriffe gegen Lehrer zu. Laut einer aktuellen Forsa-Umfrage kommt es an jeder dritten Einrichtung zu Vorfällen. Bildungsverbände üben Kritik und fordern die Hilfe der Politik.
25.09.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Nico Schnurr und Jörg Ratzsch

Schüler werden gegenüber ihren Lehrern zunehmend gewalttätig. Die Zahl der Schulleiter, die von körperlichen oder verbalen Angriffen auf Lehrer in ihrer Einrichtung berichten, ist einer Umfrage zufolge deutlich gestiegen. Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) hat am Donnerstag die Ergebnisse einer repräsentativen Forsa-Befragung aus dem Januar und Februar dieses Jahres vorgestellt. Jede dritte Schulleitung in Deutschland gibt demnach an, dass es in den vergangenen fünf Jahren an ihrer Einrichtung zu Fällen gekommen ist, bei denen Lehrer körperlich angegriffen wurden. Bei der gleichen Befragung sagten vor zwei Jahren noch ein Viertel der Schulleiter, es habe körperliche Angriffe auf Lehrer gegeben.

Die Ergebnisse der Umfrage decken sich mit einer Analyse des Landeskriminalamtes Niedersachsen, die dem WESER-KURIER vorliegt. Der Auswertung zufolge sind im vergangenen Jahr 362 Lehrkräfte in Niedersachsen Opfer von Straftaten an Schulen geworden. In den vergangenen drei Jahren hat sich die Anzahl der Vorfälle damit mehr als verdoppelt. Die Untersuchungen des Landeskriminalamtes zeigen auch, dass sich die Mehrzahl der Angriffe gegen Lehrerinnen gerichtet hat. In drei Viertel aller Fälle geht es um körperliche Gewalttaten der Schüler.

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„Es ist erschütternd, wie stark die Zahlen gestiegen sind“, sagt VBE-Bundesvorsitzender Udo Beckmann, „zumal die Kultusministerien doch öffentlich stets versichern, dass es sich nur um Einzelfälle handelt.“ Beckmann fordert die Politik dazu auf, sich nun mit der Frage zu beschäftigen, wie die Lehrkräfte besser unterstützt werden könnten.

Ob und wie stark die Gewalt gegen Lehrkräfte in Bremen zugenommen hat, weiß die Bremer Bildungsbehörde nicht. Es fehle ein Erhebungsverfahren für solche Delikte. Ein Problem sei auch, dass „Gewaltvorfälle gegenüber Lehrkräften bei den Betroffenen häufig Scham auslösen und oft nicht zur Sprache oder Anzeige gebracht werden“, sagt Annette Kemp, Sprecherin der Bildungsbehörde. Um das Dunkelfeld zu durchleuchten und die Lehrer künftig besser schützen zu können, werde sich die Behörde um ein standardisiertes Meldeverfahren bemühen.

Häufiger in den unteren Stufen

„Natürlich kommt es auch in Bremen zu Gewalt gegen Lehrkräfte“, sagt Andreas Rabenstein, Sprecher der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Bremen. Körperliche Angriffe gegen Lehrer gebe es häufiger in den unteren Stufen. „Das sind Kinder, die zu Hause nicht gelernt haben, sich in Konfliktsituationen anders zu äußern als mit Gewalt“, sagt Rabenstein. In höheren Jahrgangsstufen werde öfter psychische Gewalt gegen Lehrer ausgeübt, etwa durch Cybermobbing in Sozialen Medien.

Die Ergebnisse der Forsa-Umfrage stützen Rabensteins Beobachtung: Körperliche Angriffe gegen Lehrkräfte gehen bundesweit am häufigsten von Grundschülern aus. Dort bestätigen 40 Prozent der Schulleitungen entsprechende Vorfälle in den vergangenen fünf Jahren. Beleidigungen oder Drohungen werden am häufigsten von Haupt-, Real- und Gesamtschulleitern gemeldet. An Gymnasien geht es vergleichsweise friedlich zu, aber auch hier berichten mehr Schulleiter von Vorfällen gegenüber Lehrern als noch vor zwei Jahren.

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Insgesamt melden bundesweit mehr Schulen im Vergleich zu 2018 Beschimpfungen, Drohungen und Belästigungen gegen Lehrkräfte. Knapp zwei Drittel geben an, dass es in den vergangenen Jahren entsprechende Fälle gegeben habe. Vor zwei Jahren sagten das 48 Prozent. Auch die Zahl der Befragten, die von Angriffen und Belästigungen über das Internet berichtet, nimmt deutlich zu.

Angriffe gegen Lehrer werden unterschätzt

„Wir erleben in der Gesellschaft eine Verrohung, die zu mehr Gewalt gegen Autoritäten führt“, sagt Franz-Josef Meyer. Der VBE-Vorsitzende in Niedersachsen meint, anders als etwa Gewalt gegen Polizisten oder Feuerwehrleute würden Angriffe gegen Lehrer unterschätzt. „Das Wegschauen und Verharmlosen muss endlich ein Ende haben“, sagt Meyer. Seiner Meinung nach muss die Vermittlung von Grundwerten in Schulen zum Pflichtprogramm gehören wie Deutsch und Mathe. Es brauche auch mehr Präventionsprogramme und eine verstärkte Sozialarbeit an Schulen.

Auch kleinere Klassen könnten eine Lösung sein, sagt GEW-Sprecher Rabenstein. In kleinen Gruppen fühlten sich Schüler besser wahrgenommen als im großen Klassenverband. Das könne helfen, um das Konfliktpotenzial zu verringern. Noch wichtiger sei es, den Lehrern mehr Unterstützung zu garantieren, betont Rabenstein. Neben Sozialarbeitern brauche es deutlich mehr Schulpsychologen. Lehrern müsse es leichter gemacht werden, sich an jemanden wenden zu können, wenn sie in der Schule oder im Internet zum Opfer ihrer Schüler werden, sagt Rabenstein: „Noch lassen wir die Lehrkräfte viel zu oft allein.“

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