Verbraucherschützer warnen vor Lobbyismus an Schulen

Umstrittene Zusammenarbeit

Bremer Schulen und Firmen kooperieren in vielen Bereichen. Viele Schulen sehen darin Vorteile. Die Verbraucherzentrale rät zur Vorsicht.
28.12.2013, 20:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Arno Janssen
Umstrittene Zusammenarbeit

Lernhilfe oder Imagepflege für Firmen? Viele Bremer Schulen kooperieren mit Unternehmen. Die Oberschule an der Hermannsburg in Huchting zum Beispiel verfügt über ein Lego-Education-Innovation-Studio – ein Produkt der Kooperation mit dem Spielzeughersteller.

Frank Thomas Koch

Bankangestellte in Klassenzimmern, Legosteine auf Schultischen – Bremer Schulen und Firmen kooperieren in vielen Bereichen. Viele Schulen sehen darin Vorteile: Jugendliche erhielten durch die Zusammenarbeit einen praxisnahen Unterricht und könnten erste Kontakte zu möglichen Arbeitgebern knüpfen. Die Verbraucherzentrale und die Initiative „Lobby-Control“ üben Kritik und raten zur Vorsicht.

Abgeordnete und Unternehmer treffen sich in Hinterzimmern. Informationen werden ausgetauscht, politische Prozesse im Verborgenen beeinflusst: Das ist ein verbreitetes Bild vom Lobbyismus, die Einflussnahme von Interessengruppen auf Regierung und Gesellschaft.

Doch längst sind Lobbyisten auch in Schulen aktiv und haben Kinder und Jugendliche als Zielgruppe entdeckt: „Was in unserer Bildungslandschaft passiert, ist bedenklich“, sagt Irmgard Czarnecki von der Bremer Verbraucherzentrale. Es gebe Internetseiten von Bremer Schulen, in denen mehr als zehn Sponsoren inklusive Firmenlogo aufgeführt würden: „Das reicht vom großen Autohersteller bis zum Fahrradladen um die Ecke.“

Wenn es um Gelder für Schulen ginge, müssten oft die Direktoren selbst aktiv werden, um Sponsoren zu suchen. Die Schulbehörde gebe den Direktoren keine eindeutigen Kriterien an die Hand, um mögliche Lobbyisten von den Kindern und Jugendlichen fernzuhalten. Dafür müsse es deutlichere Regeln der Bildungsbehörde geben, fordert Czarnecki.

Christina Selzer, Sprecherin der Bildungsbehörde, sieht das anders. „Ein strenges Regelwerk ist nicht notwendig, Schulleitungen und Lehrkräfte handeln verantwortungsvoll“, sagt sie. Den Richtlinien zufolge, die den Umgang mit Werbung an Schulen regeln, könnten Sponsoring-Verträge abgeschlossen werden, wenn die Schulkonferenz zustimmt. „Die Werbung muss natürlich mit den gesetzlichen Zielen der Schulen vereinbar sein“, sagt Selzer.

Dass die Schulen mögliche Kooperationspartner gewissenhaft überprüfen, davon ist auch Anke Braunschweiger überzeugt: „Wir sind ja nicht naiv“, betont die Schulleiterin der Oberschule an der Hermannsburg. Ihre Schule habe bereits mit dem Logistik-Unternehmen „Brelog“ kooperiert und denke über eine Zusammenarbeit mit Mercedes nach. „Unsere Schüler können in die Betriebe hineinschnuppern, und die Arbeitgeber lernen mögliche Auszubildende kennen“, erklärt Braunschweiger. Sie beschreibt die Zusammenarbeit als eine „Win-win-Situation“, von der beide Kooperationspartner profitieren.

Neben diesen Kooperationsprojekten hat die Oberschule ein sogenanntes Lego-Education-Innovation-Studio (LEIS). Über Laptops und Motoren können dort aus den Bausteinen des Spielzeugherstellers Roboter entstehen. Der naturwissenschaftliche Unterricht werde praxisnah unterstützt, sagt Braunschweiger, dies sei auch das Anliegen des Spielzeugherstellers. Es gehe der Firma nicht um Produktwerbung.

Felix Kamella von der Initiative „Lobby-Control“, vermutet dagegen geschäftliche Ziele hinter dieser Kooperation. Lobby Control ist ein gemeinnütziger Verein, der darüber aufklären will, wie Lobbyismus heute funktioniert. „Firmen geben oft nur vor, gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen“, sagt Kamella. In Wirklichkeit wollten sie ihr Image verbessern. Der Weg in die Schulen werde von Firmen professionell organisiert: „Im Fall des Lego-Centers geht es offensichtlich darum, den Kindern Legosteine anzudrehen.“

Auch Vorträge von Firmen-Abgesandten in Klassenzimmern müssten hinterfragt werden: „Sie hinterlassen oftmals keine neutralen Eindrücke.“ Umweltaspekte würden ausgeblendet, wenn Industrielle über Naturwissenschaften referieren. Und an Kritik am Finanzwesen werde gespart, sobald Bankmitarbeiter vor der Tafel stünden. „Wir fordern neutrale Experten und politische Maßnahmen, um das Bildungssystem vor Lobbyisten zu schützen“, sagt Kamella

Stefan Frese, stellvertretender Direktor des Schulzentrums an der Bördestraße, hat nach eigenen Angaben ausschließlich positive Erfahrungen mit Fachleuten von Unternehmen gesammelt. So hätten sich Angestellte der „Commerzbank“ in diesem Jahr in der Schule vorgestellt. „Sie gaben an, auch kritische Aspekte ihrer Arbeit anzusprechen“, sagt Frese. Und mit Experten der Versicherungsgruppe „Debeka“ haben Schüler im November ein Bewerbungstraining durchgeführt. „Wir achten natürlich darauf, dass da keine Kugelschreiber und Blöcke verteilt werden“, sagt Frese.

Jens Uwe Böttcher, Experte für Schul-Sponsoring, sieht in erster Linie Vorteile in den Kooperationen von Schulen und Unternehmen. „Sie stellen Fachleute, die es unter Lehrern nicht gibt“, sagt Böttcher, der an der Bremer Uni lehrt. Diese Experten sollten den Unterricht allerdings immer nur ergänzen und ihn nie komplett übernehmen. Ob auf Schulbüchern, Laptops oder Füllfederhaltern – überall in den Klassenräumen seien Firmenlogos zu finden, sagt Böttcher: „Schon allein deshalb ist es schwierig, Werbung ganz aus den Schulen zu verbannen.“

In Verden sorgte im November ein Vorwurf von Schul-Lobbyismus bundesweit für Aufsehen. Die Bürgerinitiative „No Fracking“ warf dem Domgymnasium vor, naturwissenschaftliche Fächer einseitig auszurichten. Seit 2007 spendet das Erdgasunternehmen RWE Dea jährlich 10000 Euro an das Gymnasium. Nach eigenen Angaben finanziert die Schule damit Material für praktische Versuche.

Die Bürgerinitiative gab an, dass in der Schule unkritisches Wissen über Fracking – eine Methode der Erdöl- und Erdgasgewinnung, die wegen damit einhergehender Umweltschäden umstritten ist – verbreitet werde. Der Konzern RWE Dea fördert Gas in der Region. Zuletzt befasste sich der Kreistag mit der Schulspende des Unternehmens. Ergebnis: Trotz Gegenstimmen der Grünen-Fraktion darf das Domgymnasium auch 2014 Spendengelder von RWE Dea entgegennehmen.

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